Letztes Update am Mo, 17.12.2018 09:14

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tirol

Bei den Flurnamen bleibt das Erbe lebendig

Die Tiroler Flurnamen sind zum immateriellen Unesco-Kulturerbe erhoben worden. Von verstaubten Erinnerungen, die mit Zwang bewahrt werden sollen, kann keine Rede sein. Denn die Flurnamen-Karte des Projekts beantwortet täglich wichtige Fragen.

Woher der Flurname Stielacker in Pfaffenhofen rührt, ist noch nicht bekannt.

© Thomas BöhmWoher der Flurname Stielacker in Pfaffenhofen rührt, ist noch nicht bekannt.



Von Theresa Mair

Wo bitte ist der Much’n Graben? Toiffn Barm? Die Riefe? Wenn man das genau wissen wollte, musste man bisher einen Leutascher, einen Erler oder einen Zammer fragen, der sich gut vor seiner Haustür auskannte. Denn im Navi findet man die Tiroler Flurnamen nicht.

Für die Koordinatoren in der Leitstelle Tirol war es dann auch recht schwierig, die Einsatzkräfte punktgenau an die richtige Stelle zu lenken, wenn ein Notruf, etwa von der Verborgenen Pleis aus Flirsch, Kaisers oder Tobadill kam. Wie sollte man den Flurnamen überhaupt schreiben? „Verborgenepleis“, „Verborgene Pleis“ oder doch „Verborgene Plais“?

Doch es hat sich viel getan in den vergangenen zehn Jahren. Mittlerweile kann man bequem online die Kartendienste des Tiroler Rauminformationssystems (TIRIS) abrufen und den gesuchten Ort selber aufspüren. In vielen Gemeinden hängen Flurnamen-Karten aus. Wenn neue Dorfbücher erscheinen, wie letztens in Telfs, fügen die Ortschronisten gerne eine Flurnamen-Karte bei. Vergangene Woche kam schließlich die Krönung: Die Unesco, die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur, hat die Tiroler Flurnamen in ihre Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.

Preisgeld oder Fördermittel gibt es dafür nicht. Für die mehreren hundert Personen, vor allem Ortschronisten, die daran beteiligt waren, sämtliche Flurnamen im ganzen Land zu erheben, ist das eine „tolle Anerkennung für ihre Arbeit“, freut sich Bernhard Mertelseder vom Tiroler Bildungsforum dennoch. Er hat zusammen mit dem Sprachwissenschafter Gerhard Rampl von der Universität Innsbruck das Flurnamen-Projekt koordiniert.

Bernhard Mertelseder (l.) und Gerhard Rampl.
Bernhard Mertelseder (l.) und Gerhard Rampl.
- Thomas Böhm

„Es haben nicht alle geglaubt, dass das etwas wird. Die einen meinten, es sei zu wenig wissenschaftlich, wenn so viele Menschen eingebunden sind. Die anderen dachten, dass das organisatorisch nicht hinzubekommen sei. Ein so großes Gebiet wie Tirol abzudecken, geht aber nur mit einem großen Netzwerk und kontinuierlichem Interesse. Ohne Ehrenamt wäre dieses Projekt nie möglich gewesen“, schildert Mertelseder.

Die Würdigung durch die Unesco zu erreichen, sei aber gar nicht das Ziel gewesen, als die Aktivitäten vor zehn Jahren begonnen haben. „Die Uni oder das Land hätten das gar nicht einreichen können. Die Unesco berücksichtigt nur Anträge, die von privaten Vertretern kommen. Das muss von der Bevölkerung ausgehen“, sagt Rampl.

Die Gemeinschaft der Ortschronisten hat diesen Schritt schließlich gewagt. Stolz sind die beiden Chefs darauf, dass es in Tirol gelungen ist, ein Bürgerbeteiligungs-Projekt auf die Beine zu stellen, noch bevor das geflügelte Wort „Citizen Science“ in aller Munde war.

Kein Sprachmuseum erwünscht

Die eigentliche Motivation dafür war jedoch: die Flurnamen erheben, wissenschaftlich auswerten, digital erfassen und kartografisch in neuen Medien recherchierbar zu machen. Dafür verteilte das Kernteam des Projekts Papierkarten an die Gemeinden bzw. die Chronisten, die sich um die Sammlung der Namen vor Ort kümmerten. In mehrerern Durchgängen wurden die Karten gesichtet und von verschiedenen ortskundigen Einheimischen, wie den Gemeindemitarbeitern, Jägern, Bauern oder Hirten korrigiert und ergänzt. „Je länger das Projekt gegangen ist, desto ehrgeiziger sind die Teilnehmer geworden“, erinnert sich Mertelseder. Wenn eine Gemeinde ihre Sammlung bereits abgegeben hatte, war dies für die Nachbargemeinde manchmal ein Ansporn, weiterzumachen. Manche Chronisten hätten gewohnheitsmäßig am Sonntag nach der Kirche die Karten mit zum Frühschoppen ins Gasthaus genommen und dort am Stammtisch gefachsimpelt. „In Schulprojekten sind Schüler plötzlich mit dem Großvater des Mitschülers ins Reden gekommen. Wann passiert das heute schon noch?“, schwärmt Mertels­eder über die generationenübergreifende Wirkung des Projekts.

Dass die Flurnamen als Kulturerbe nun zum Fossil werden und als Relikt einer vergangenen bäuerlichen Zeit in irgendeiner Datenbank unbenutzt verwahrt werden, sei nicht zu befürchten. „Es ist oft von einer Musealisierung der Kultur die Rede. Für die Unesco ist jedoch ein wesentliches Kriterium für die Aufnahme, dass das Kulturerbe nicht statisch ist. Wir mussten uns verpflichten, dass es aktiv benützt wird und ein Wissens­transfer für kommende Generationen gewährleistet ist. Wir haben die Flurnamen, die gerade aktiv verwendet werden, in einer Karte des aktiven Gebrauchs dokumentiert. Da sind auch neue Flurnamen drin“, erklärt Rampl.

Das Valser Projektteam hat eine große Flurnamenkarte gedruckt.
Das Valser Projektteam hat eine große Flurnamenkarte gedruckt.
- Bildungsforum Tirol

So kommt es, dass sich Flurnamen wie „Rodelbahn“ in der Karte neben „Lablehner“ finden, deren Bedeutung sich heute aus der Bezeichnung heraus nicht mehr so leicht erschließen lassen. „Die Landwirte waren früher sehr pragmatisch. Nur selten sind Legenden mit den Flurnamen verknüpft“, sagt Rampl. Flurnamen bezeichnen und bewerten Wälder, Wiesen und Wasser, auch viele Tiere kommen vor. Gams beziehe sich z.B. auf ein gehörntes Tier. Ross sage aus, dass die Weide für Kühe nicht gut genug Gras hergebe, aber für die Pferde noch gerade recht sei. In unserer Zeit, in der sich die Nutzung des Raums rasant verändert, müssten zwangsläufig immer neue Bezeichnungen gefunden werden.

Was aber von der Nomenklaturkommission des Tiroler Landesarchivs schon empfohlen werde, sei, bei der Vergabe von Straßennamen, die alten Flurnamen in Betracht zu ziehen. So sind in Pfaffenhofen die Flurnamen Stielacker, Gragge und Puite in Siedlungsnamen aufgegangen.

Talübergreifendes Verständnis

Inzwischen hänge jedenfalls in jeder Feuerwehrhalle und bei den Bergrettungen eine Flurnamen-Karte aus. Eine Osttiroler Agrargemeinschaft hat damit ihre neuen Hirten eingewiesen. „Der Bürgermeister von Tarrenz hat mir erst erzählt, dass die Karte in der Gemeinde jeden Tag gebraucht wird.“ Für die Leitstelle wurde übrigens eine eigene Benutzeroberfläche geschaffen, in der alle erdenklichen Schreibvarianten eines Flurnamens gefunden werden können. Damit auch der Zillertaler in der Leitstelle den Anrufer aus Reutte versteht. Doch damit sind die Tiroler mit ihren Flurnamen noch nicht fertig. Das neue Vorhaben: Die historische Bedeutung der Flurnamen soll wissenschaftlich erörtert und erfasst werden.

Tiroler Flurnamen

Bernhard Mertelseder und Gerhard Rampl koordinierten über zehn Jahre das Projekt, an dem das Tiroler Bildungsforum, die Universität Innsbruck, die Leitstelle Tirol und die Nomenklaturkommission des Landes beteiigt waren.

Insgesamt wurden in den 279 Tiroler Gemeinden rund 120.000 Flurnamen erhoben, im Durchschnitt 430 Namen pro Gemeinde. und 9,5 Namen pro Quadratmeter.

Bei Flurnamen handelt es sich um Namen, die aus den ältesten im Alpenraum gebrauchten Wörtern gebildet wurden.