Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 23.12.2018


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Alltagsrassismus in Tirol: Ein wenig Spucke und ganz viel Angst

Die Gottesdienste rund um Weihnachten sind gut besucht, gehören ja quasi zur Tradition. Man lässt sich berieseln von den Themen Herbergssuche und Nächstenliebe, das Klima im Land wird jedoch rauer. Über Julian, seine Mutter und Alltagsrassismus, der Angst macht. Große Angst.

Wenn Fremdenhass nicht einmal vor kleinen Kindern Halt macht: Was sagt das über eine Gesellschaft aus?

© istockWenn Fremdenhass nicht einmal vor kleinen Kindern Halt macht: Was sagt das über eine Gesellschaft aus?



Von Irene Rapp

Julian interessiert sich für Autos und das Weltall. Und seit einigen Wochen für die große weite Welt. Jeden Tag will der Vierjährige von der Mama wissen, wie die unterschiedlichen Länder auf dem Globus heißen. Seine Mutter, das ist eine Arbeitskollegin von mir: eine gestandene Enddreißigerin, aus dem Oberland kommend, nach ihrem Studium viel und lange in der Welt unterwegs, schließlich wieder nach Tirol zurückgekehrt.

Vor wenigen Wochen hat das Mutter-Sohn-Gespann in Innsbruck einen Supermarkt aufgesucht. Julian saß im Einkaufswagen, seine Mutter reihte sich in die Schlange vor der Kasse ein. Vor ihr ein Mann um die fünfzig. „Er hat normal ausgesehen", sagt die Arbeitskollegin.

„Du Negerhure"

Bis sich besagter Mann zu ihr umdreht und zu schimpfen beginnt. „Du Negerhure, muss das sein, dass unsere Frauen für die Scheiß-Schwarzen herhalten?" Dann spuckt er seinen Hass aus, mitten in das Gesicht der Frau. Vor den Augen von anderen Einkäufern und dem Kind. Mitten in Innsbruck. Mitten in Tirol.

Niemand sagt etwas, schreitet ein. Nur einige wenige schütteln den Kopf. Julian wiederum hat den Vorfall nicht mitbekommen. Zum Glück. Er wird in seinem weiteren Leben wohl noch oft damit konfrontiert sein, dass seine Mama eine Tirolerin und sein Papa ein Afrikaner ist.

Auch seine Mutter verhält sich defensiv, trotz des Schocks, der Fassungslosigkeit. Wegen Julian, wie sie erzählt. Und weil man solchen Menschen mitten im Supermarkt ohnehin nicht mit rationalen Argumenten beikommen könne. Die Frage, ob das die richtige Strategie sei, quält sie immer noch. Und noch ein Gefühl: „Ich habe Angst davor, wenn er einmal größer und dann selbst allein unterwegs ist." Weil sie dann Julian nicht mehr schützen kann.

Der normale Fremdenhass

Erst vor wenigen Tagen hat die EU-Grundrechtsagentur einen Bericht präsentiert, in welchem auch Österreich vertreten ist: Demnach sagen neun von zehn Juden in Europa, dass der Antisemitismus in den vergangenen fünf Jahren zugenommen habe.

Eine weitere aktuelle Befragung zeigt ebenfalls, dass rassistische und diskrimierende Handlungen keine Ausnahme sind: Befragt wurden 5803 Migranten aus Afrika bzw. ihre Nachkommen in zwölf der 28 EU-Mitgliedstaaten — darunter Öster­reich. Ein Ergebnis: 37 Prozent der hierzulande Befragten gaben an, in den vergangenen fünf Jahren rassistischen Belästigungen ausgesetzt zu sein. 13 Prozent wurden sogar tätlich angegriffen: Damit liegt Österreich im Spitzenfeld.

Fakten, die Angst machen. Weil Fremdenhass, so scheint es, zusehends an Normalität gewinnt. Weil Fremdenhass seit einigen Monaten die tägliche Politik so sehr bestimmt, dass man sich oft fragt, ob Österreich keine anderen Probleme hat. Und weil Fremdenhass nicht einmal vor einem kleinen Buben Halt macht, der ein Tiroler ist und nur eine ein wenig andere Hautfarbe hat.

Der Vorfall im Supermarkt war übrigens nicht der erste: Julians Mutter kann viele ähnliche Geschichten erzählen. Vom Besuch im Innsbrucker Tivoli, wo der Einjährige über ein fremdes Handtuch läuft und die dazugehörige Frau sagt: „Weg da, ich will da keinen Neger haben." Oder vom geplanten Einkauf in einem Obstgeschäft, wo die Frau und das Kind von der Verkäuferin taxiert und schließlich gefragt werden, ob sie sich die Ware wohl auch leisten könnten. Oder von der Fahrt in einem Bus in Innsbruck, wo sich Mutter und Kind niedersetzen wollen und ein Mann sagt, dass er nicht einen Neger neben sich haben wolle.

Nur eine andere Hautfarbe

Die Arbeitskollegin ist, wie gesagt, eine gestandene Frau. Wenn sie aber diese Geschichten erzählt, spürt man eine Verletzlichkeit, die beschämt. Ich schäme mich für Menschen in diesem Land, die jetzt zu Weihnachten eine Krippe aufstellen oder die Christmette besuchen. Die von Nächstenliebe reden, aber Fremdenhass leben.

Ich schäme mich für Menschen in diesem Land, die Fremde nur dann gutheißen, wenn sie als zahlungskräftige Touristen in unser Land kommen.

Ich schäme mich für Tiroler und Tirolerinnen, die ein sehr kleines Kind, das sich für Autos, das Weltall und die verschiedenen Länder dieser Welt interessiert, auf seine Hautfarbe reduzieren.

Und die ihren Frust, ihre Vorurteile und ihre Engstirnigkeit in derart ablehnende Worte und aggressive Verhaltensweisen legen. Die Spuckattacke auf eine Mutter und ihr Kind mitten in Innsbruck macht aber auch Angst. Wann wird nicht mehr nur gespuckt, sondern die Hand erhoben? Wann der Frau mit dem dunklen Kind der Eintritt verwehrt? Und immer wieder taucht eine Frage auf: Wie hätte ich mich, im Supermarkt stehend, verhalten, hätte ich den Vorfall mitbekommen?

Zivilcourage

Die Arbeitskollegin sagt, sie hätte sich gewünscht, dass der eine oder andere in dem Geschäft an der Kassa stehend eingeschritten wäre. In irgendeiner Form. Aber sie glaubt auch, eine Erklärung für die Teilnahmslosigkeit vieler Menschen gefunden zu haben. „Es fehlt an Zivilcourage", sagt sie. Oder ist Fremdenhass inzwischen so zur Normalität herangewachsen, dass man sich nicht mehr bemüßigt fühlt, einschreiten zu müssen?

Julian freut sich auf das Christkind, das ihm am 24. Dezember die Geschenke bringen wird. Seit einigen Tagen beschäftigt ihn aber noch ein weiteres Thema: „Er registriert langsam, dass er eine andere Hautfarbe hat", erzählt seine Mutter.

Nicht mehr lange und der Vierjährige wird auch verstehen, dass ihn manche Menschen nur wegen seiner Schoko-Haut weniger wertschätzen.

Und das, obwohl er breitesten Tiroler Dialekt spricht.




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