Letztes Update am Do, 27.12.2018 10:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Mountainbiker Harald Philipp: Entlegene Wege will er finden

Einsame Gebirgsketten „raufradeln“, und wenn es nicht mehr weitergeht, das Mountainbike auf den Rücken schnüren. Harald Philipp (35) über seine Abenteuer.

Harald Philipp lebt als Profi-Mountainbiker in seiner Wahlheimat Innsbruck.

© Stefan VoitlHarald Philipp lebt als Profi-Mountainbiker in seiner Wahlheimat Innsbruck.



Von Deborah Darnhofer

Innsbruck – Abfahrten nehmen, rasant geht es über Stock und Stein – für Mountainbiker ist das ein Traum. Die Berg-Aufstiege werden dafür mehr oder weniger hingenommen. Harald Philipp nimmt dafür sogar sein 12-Kilogramm-Rad auf den „Buckel“. Der 35-jährige gebürtige Deutsche bewältigt schwierigste, „wilde“ Steige, wie er selbst sagt. Er nennt sich „Mountainbike-Abenteurer“ und radelt oder trägt eben sein Rad dort, wo andere nicht hinkommen.

Er will hoch hinaus, in abgelegene Gebirgsketten, neue Wege entdecken und dabei ganz frei sein. „Ich bin ein sehr freiheitsliebender Mensch. Doch erst auf meiner Reise nach Nordkorea habe ich gelernt, was Freiheit wirklich bedeutet.“ Im vergangenen Sommer hielt er sich mit einem kleinen Team drei Wochen in der abgeschotteten Volksrepublik auf.

Es wurde eine Reise der „krassen, aber gerade deshalb spannenden Gegensätze“. Ausgefeilte Trails und die von Philipp so hochgeschätzte Freiheit sucht man in Nordkorea auf den ersten Blick vergebens. „In Nordkorea ging es mir in erster Linie nicht ums Mountainbiken. Ich wollte sehen, wie es ist im unfreiesten Land der Welt.“

Gefunden hat er dann allerdings atemberaubende Bergpanoramen und eine neue Sicht auf die Freiheit und die Nordkoreaner. „Durch das Fahrrad habe ich einen engen Bezug zur Bevölkerung bekommen und gesehen, dass Freiheit und Zufriedenheit nicht immer in direktem Zusammenhang stehen müssen.“ Die Zeit nach der Reise erlebte Philipp dann als Kulturschock. „Wir fühlen uns hier so gehetzt und gestresst, anstatt die wirklichen Möglichkeiten unserer freien Welt zu nutzen“, findet er.

Viel Bewunderung und Offenheit erlebten Harald Philipp und sein Team bei ihrer Mountainbike-Tour im abgeschotteten Nordkorea.
Viel Bewunderung und Offenheit erlebten Harald Philipp und sein Team bei ihrer Mountainbike-Tour im abgeschotteten Nordkorea.
- Stefan Voitl

Diese Einsichten zählen für den Ewig-Neugierigen mehr als zurückgelegte Kilometer und Höhenmeter. Er will kein typischer Sportler sein, führt kein Buch über seine Gipfelstürme. Bei seinen Vorträgen – wovon er seit sechs Jahren neben Sponsoren seinen Lebensunterhalt bestreitet – will er lieber ein Gefühl vermitteln. „Ich möchte Geschichten erzählen, in denen sich die Zuhörer wiederfinden. Jeder kann Herausforderungen nehmen und sich außerhalb der Komfort-Zone wohlfühlen.“ Unter die Räder kommen bei Philipp dafür strenge Strukturen. Er trainiert nicht, meint selbst „zu faul“ zu sein. Im Winter hält er sich mit Skitouren fit. Im Sommer ist er ohnehin vier bis fünf Tage die Woche im Sattel.

Gesteckte große Ziele kann oder will er beim TT-Gespräch nicht nennen. „Ich bin ein ,Schisser‘ und verzichte auch manchmal auf die ein oder andere gefährliche Route. Dafür war meine schlimmste Verletzung ein Kreuzbandriss 2011, Knochen habe ich mir noch nie gebrochen“, berichtet Philipp, der schon als Bikeguide gearbeitet hatte.

Doch lieber erzählt er von seinen beiden anderen großen Reisen, die ihn ins Himalaya-Gebiet nach Nepal führten. Dort musste er seine Vergangenheit bewältigen.

Philipps Vater ist 1994 in der Annapurna-Gebirgsgruppe unter einer Lawine ums Lebens gekommen. Kurz danach, mit elf Jahren, hat er das Mountainbiken für sich entdeckt. „Weil ich meinem Vater nah sein wollte, habe ich den Berg 2017 mit dem Rad umrundet“, erzählt der 35-Jährige. Dabei ließ er sich nicht von der Höhenkrankheit unterkriegen und nahm viel Lebenserfahrung mit.

Für die letzten Höhenmeter kommt das Rad oft auf den Rücken.
Für die letzten Höhenmeter kommt das Rad oft auf den Rücken.
- Stefan Voitl

„Beim Rauffahren habe ich den Lawinenhang gesehen und mich intensiv mit meinen Erinnerungen an meinen Vater und meiner eigenen Vergänglichkeit auseinandergesetzt. Ich war sehr überrascht, wie befreiend dieser Prozess war“, erinnert er sich.

Trotz der fernen Abenteuer fühlt sich Philipp in Tirol wohl und nennt es seine Wahlheimat. Dabei darf aber nie vergessen werden: Zumindest hier auf Steigen radelt er teils auf illegalem Boden. Die aufgeheizte Debatte zwischen Grundeigentümern, Hüttenwirten, Wanderern und Mountainbikern sieht er aber gelassen: „Es gibt weniger Konfrontationen auf den Wegen, die Lage entspannt sich.“ Dafür sei auch die Verbreitung der E-Bikes verantwortlich, meint Philipp.

Offen, respektvoll sein und viel frequentierte Wege zu bestimmten Zeiten meiden, ist sein Anti-Aggressionsrezept. Er spricht sich für „gezielte Verbote“ statt freigegebene Strecken aus und möchte betonen, nicht die Natur zu zerstören: „Wir benutzen die Wege, wie Wanderer auch, und hinterlassen dort Abdrücke.“

Ein anderer Abdruck bereitet ihm mehr Sorgen: Zugunsten seines ökologischen Fußabdrucks möchte Philipp in Zukunft auf Fernreisen verzichten, nicht aber auf Abenteuer. Das Mountainbike bleibt sein treuer Begleiter, „es ist Teil von mir“. Bis er es im Frühjahr aus dem Keller holt, wird Philipp mit seinem neuen Vortrag „Pfad-Finder“ einen Gang höher schalten.