Letztes Update am So, 13.01.2019 07:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Korallenbleiche

Sonnencreme-Verbote für mehr Farbe unter Wasser

Hawaii und Palau verbieten bestimmte Sonnencremes, um ihre Korallenriffe zu schützen. Dabei sind die Mittel längst nicht die einzige Bedrohung.

Ein intaktes Riff ist die Kinderstube der Fische.

© iStockphotoEin intaktes Riff ist die Kinderstube der Fische.



Von Theresa Mair

Bis zu 14.000 Tonnen Sonnenschutzmittel gehen jedes Jahr im Meer baden. Das hat die nationale amerikanische Ozean- und Atmosphärenbehörde (NOAA) ausgerechnet. Der Sonnencreme-Bestandteil Octocrylen steht unter Verdacht, das Wachstum von Organismen zu verhindern – am Meeresboden der Adria erreicht er Spitzenwerte. Forscher der Universität von Bologna fanden dort keinen chemischen UV-Filter in so hoher Konzentration wie Octocrylen.

„Es reichert sich in den Organismen an und wird nur schwer abgebaut“, erklärt Axel Hein von der Umweltschutzorganisation WWF Österreich. Doch es gibt nicht nur Octocrylen. Auch Oxybenzon wird oft als chemischen UV-Filter eingesetzt. Ihm wird laut Hein eine hormonähnliche Wirkung zugesprochen, die Korallen schädigen kann und für besorgniserregende Bleiche-Phänomene mitverantwortlich ist.

Die Krux: Auch mit physikalischen UV-Filtern, welche die Metalle Zinkoxid und Titandioxid enthalten, ist man nicht 100-prozentig meeres- bzw. korallenfreundlich am Weg – auch wenn „reef friendly“ oder „safe-reef-sunblocker“ draufsteht. „Es hat sich gezeigt, dass die Nanopartikel zum Teil von Wasserflöhen aufgenommen werden, die daran sterben. Diese Kleinstlebewesen sind aber wichtig für den Erhalt des Ökosystems.“

Man sollte also darauf achten, dass die Sonnenfilter nicht in Nanogröße im Produkt enthalten sind, sondern in größeren Partikeln. „Physikalische Filter sind aber in jedem Fall vorzuziehen, auch wenn es noch keine Sicherheit gibt, ob sie Auswirkungen für das Ökosystem haben“, so Hein. Die Folgen der hormonähnlich wirkenden synthetischen UV-Filter auf sensible Korallen seien hingegen unumstritten. Es besteht Handlungsbedarf. Hawaii und das pazifische Taucherparadies Palau haben das nun erkannt.

Hawaii verabschiedete im vorigen Sommer als erster US-Bundesstaat ein Verbot von Sonnenschutzmitteln mit bestimmten Chemikalien. Am 1. Jänner 2021 soll es in Kraft treten. „Ich hoffe, dass wir in 20 Jahren zurückschauen können und sehen, dass dies der Moment war, an dem wir der Verschmutzung den Kampf angesagt haben, und dass das Gesetz auf der ganzen Welt kopiert wurde“, sagte damals Senator Mike Gabbard.

Im November zog Palau nach. Dort soll die Einfuhr und der Verkauf von Sonnenschutzmitteln mit chemischen Wirkstoffen wie Oxybenzon, Octocrylen und Parabenen schon Anfang nächsten Jahres umgesetzt werden. Wer gegen das Gesetz verstößt, wird ordentlich zur Kassa gebeten: 880 Euro sind dann fällig. In einigen Regionen Mexikos und an Unesco-Weltkulturerbestätten gibt es bereits ähnliche Regelungen.

Doch kann diese Maßnahme die Korallenriffe dieser Erde retten? „Sonnencreme ist ein Risikofaktor, aber nicht die Hauptbedrohung“, sagt Hein. Der weltweite Klimawandel mache ihnen am meisten zu schaffen.

Korallen sind Nesseltiere (Polypen), die im Verbund mit Algen leben, von denen sie ihre Nährstoffe beziehen und die ihnen ihre schillernde Färbung geben. Ein Riff besteht aus Korallenkolonien, die sich wiederum aus Millionen Korallenpolypen zusammensetzen. Während ganze Riffe 5000 bis 10.000 Jahre alt sind, werden einzelne Kolonien „nur“ Hunderte Jahre alt. „Bekommen die Algen Stress, wenn z. B. die Meerestemperatur die Durchschnittswerte übersteigt, geben sie toxische Stoffe ab, woraufhin der Polyp die Alge abstößt“, erklärt Hein. Von einer Korallenbleiche ist die Rede. Hält dieser Zustand zu lange an, stirbt die Koralle ab und skelettiert, weil sie keine Nahrung mehr bekommt. Sinkt die Wassertemperatur wieder, kommen die Algen zurück und regenerieren sich.

Einige widerstandsfähigere Arten gehen sogar gestärkt daraus hervor. So seien im Golf von Akaba so genannte Super-Korallen entdeckt worden. „Die Durschnittstemperatur im Roten Meer ist oft höher. Eine Bleiche ist mehrfach passiert. Manche Korallen haben sich angepasst“, erklärt Hein. Dieselbe Art sei auch schon im genauso berühmten wie bedrohten Great Barrier Reef in Australien entdeckt worden. Dass Korallen resistenter werden, heißt aber nicht, dass man sich zurücklehnen darf.

Klimawandel, Versäuerung der Meere durch Kohlendioxid, Überfischung, Massen-Tauchtourismus, Korallenabbau und -handel gehen letztlich nicht nur auf Kosten der Korallenvielfalt. Intakte Riffe befestigen Küsten und schwächen Tsunamis ab. Ebenso gelten sie als Kinderstube der Fische. Hein sagt: „Mittelfristig wird sich die Artenviefalt reduzieren, langfristig, über Tausende Jahre, wird eine Anpassung stattfinden. Die Frage ist, ob wir so lange warten wollen.“