Letztes Update am So, 20.01.2019 07:10

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Magazin

Schaurig schön: Ein nächtlicher Besuch bei 330.000 Toten

Der Zentralfriedhof mit seinen Ehrengräbern zählt zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten Wiens. Fehlte nur noch eine Nachtführung durch die Anlage. Der „einzigartige Nervenkitzel“ ist seit Halloween so gut wie stets ausgebucht.

Die Karl-Borromäus-Kirche im Jugendstil von Architekt Max Hegele steht unter Denkmalschutz.

© APADie Karl-Borromäus-Kirche im Jugendstil von Architekt Max Hegele steht unter Denkmalschutz.



Von Silvana Resch

Knarz, knarz, knarz, ...“, außer dem eiskalten, unerbittlichen Wind, der an kahlen Baumkronen zerrt und steinerne Engelsfiguren umheult, dringt nur das rhythmische Quietschen des linken Schuhs unseres Guides durch die Dunkelheit. Keine Menschenseele am Wiener Zentralfriedhof um diese Zeit. Lediglich unser kleines, dicht zusammengedrängtes Grüppchen stolpert durch die zweieinhalb Quadratkilometer große Anlage.

Außer dem Licht der Taschenlampe des Guides ist es zappenduster.
Außer dem Licht der Taschenlampe des Guides ist es zappenduster.
- Resch

Das wäre ein guter Anfang für einen Horrorfilm, denke ich, ziehe meine Mütze tiefer ins Gesicht und versuche, immer schön in der Mitte unserer 25-köpfigen Gruppe zu bleiben. Der Kegel der Taschenlampe unseres Führers leuchtet den Weg durch dieses weitläufige Labyrinth mit rund 330.000 Grabstellen. Nach dem Parkfriedhof Hamburg Ohlsdorf flächenmäßig die zweitgrößte Begräbnisstätte Europas.

Kreuz und quer geht es, die Orientierung hat sich gleich zu Beginn verabschiedet. Leo Laiminger, unser Führer, der ursprünglich aus Hopfgarten in Tirol stammt, hat Humor: „Sollte es jemandem zu gruselig werden, die Tür links neben dem Hauptportal geht nach außen auf, Sie können jederzeit gehen.“

„Friedhofsmitarbeiter sehen nachts öfters eine weißgewandete Frau. Filmstudenten drehen hier gerne Horrorfilme.“
Leo Laiminger, Fremdenführer

Der erste Stopp, nachdem Laiminger uns kurz nach halb acht Uhr abends das große Friedhofstor aufgesperrt hat, ist denn auch die Toilette: „Für die nächsten zwei Stunden wird es keine Gelegenheit mehr dazu geben“. Richtig gruselig ist die Tour - als „einzigartiger Nervenkitzel“ angekündigt - aber nicht, abgesehen von kurzen Schreckmomenten vielleicht, wenn Äste wie bleiche Arme nach einem zu greifen scheinen oder der Wind die Kapuze eines Gruppenmitglieds zu diabolischem Eigenleben erweckt.

Im Lichtkegel tauchen Figuren auf. Die Tour wurde aufgrund der großen Nachfrage nach Halloween verlängert.
Im Lichtkegel tauchen Figuren auf. Die Tour wurde aufgrund der großen Nachfrage nach Halloween verlängert.
- Gabitours

Doch kein Grund zur Sorge, Wiedergänger gibt es keine mehr, sagt Laiminger. Kaiserin Maria Theresia hatte ihr Reich nach 1768 für vampirfrei erklärt. Per Dekret wurden traditionelle Abwehrmaßnahmen gegen Vampire wie das Pfählen oder Köpfen verboten.

Die Geschichte, wie es dazu kam, ist freilich nichts für zartbesaitete Leser. „Als man in Mähren die Särge von Pockenopfern öffnete, waren die Leichen ungewöhnlich gut erhalten, wohlgenährt, mit rosigen Wangen und blutverschmiertem Mund“, weiß Laiminger. Um die mutmaßlichen Vampire an ihrem grausigen Tun zu hindern, wurden sie mit einem Holzpflock durchs Herz im Sarg fixiert. Die Kaiserin, die solche Horrorgeschichten nicht weiter verbreitet wissen wollte, entsandte 1755 ihren Leibarzt Gerard van Swieten in die betroffenen Dörfer Südosteuropas.

Der Niederländer sollte später, dank des irischen Romancier Bram Stoker, als Vampirjäger Van Helsing in „Dracula“ unsterblich werden. Van Swieten, ein Mann der Aufklärung, führte den ungewöhnlichen Zustand der exhumierten Leichen aber weniger auf übernatürliche Phänomene zurück, sondern auf Gärungsprozesse und Luftmangel, der die Verwesung stoppte.

Blumen für Beethoven: Die Gebeine des Komponisten wurden Jahrzehnte nach seinem Tod in den Zentralfriedhof verlegt. Die 1874 errichtete Begräbnisstätte sollte bei den Wienern durch Ehrengräber beliebter gemacht werden.
Blumen für Beethoven: Die Gebeine des Komponisten wurden Jahrzehnte nach seinem Tod in den Zentralfriedhof verlegt. Die 1874 errichtete Begräbnisstätte sollte bei den Wienern durch Ehrengräber beliebter gemacht werden.
- resch

Von Wiedergängern droht also keine Gefahr, bleibt die Furcht vor modernen Grabräubern. Und diesbezüglich gibt es keine Entwarnung, wie Laiminger vor dem Grabmal von Ludwig van Beethoven erklärt. Der Schädel im Ehrengrab stammt nämlich nicht vom Musikgenie selbst. Teile des Originalschädels wurden in alle Welt verscherbelt. „Geheimgesellschaften wie Skull & Bones, zu denen auch George Bush sen. gehörte, sammeln Gebeine.“

Beethovens sterbliche Überreste wurden indes schon zuvor ausgebuddelt und auf den Wiener Zentralfriedhof verfrachtet. Die Attraktivität der 1874 eröffneten Begräbnisstätte sollte nämlich durch Ehrengräber erhöht werden. Das Konzept zieht auch heute noch: „Asiatische Reisende legen den Zentralfriedhof oft als ersten Stopp direkt nach dem Flughafen ein.“

Für diese „World Music Fans“ hat ein japanischer Geschäftsmann eine Gruft am Zentralfriedhof reserviert. Für mehr als 20.000 Euro darf der Klassikfan nach seinem Ableben in einer Urne nahe seinem Idol für alle Zeit ruhen.

Johann Strauss jr., der direkt gegenüber von Beethovens Grab liegt, hat seinen Kopf zwar noch, ihm wurde aber das Gebiss geraubt. Ein Tscheche, der vorgibt, sein eigenes „Zahnmuseum“ zu betreiben, hat das Kiefer von Strauss gestohlen – und Fotos und Videos der schaurigen Aktion online gepostet. Der Mann wurde 2008 wegen „Störung der Totenruhe“ angezeigt, ansons­ten gebe es wenig Handhabe gegen solch verrückte Grabschänder.

Durchgefroren bis auf die Knochen ist nach zwei Stunden Schluss mit makaberen Geschichten. Draußen vor dem Tor erlaubt das Straßenlicht endlich in die Gesichter der anderen Gruppenmitglieder zu blicken. Fast alles Ostösterreicher und Wiener, die hier mitgehen.

Bleibt nur noch die Frage nach dem knarzenden Schuh. Absicht? „Nein, keine Ahnung, warum einer der beiden Waldviertler quietscht“, lacht Laiminger. Das wird er bis zum saisonbedingten Ende der Nachttouren im März wohl noch öfters gefragt werden.

Auf dem zweieinhalb Quadratkilometer großen Zentralfriedhof leben rund 40 Rehe.
Auf dem zweieinhalb Quadratkilometer großen Zentralfriedhof leben rund 40 Rehe.
- APA/ANNIEV KOSTA