Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 24.01.2019


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Neues Online-Nachschlagewerk: Mut zur Vielfalt der Grammatik

Die deutsche Grammatik hat viele Fälle, aber sie strotzt auch vor vielfältigen Varianten. Forscher aus Österreich, Deutschland und der Schweiz haben ein Online-Nachschlagewerk erstellt.

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Von Matthias Christler

Salzburg – „Deutsche Sprache, schwere Sprache“ heißt es nicht ohne Grund: Diese ganzen Fälle, der Dativ, der Genetiv und allein für die Mehrzahl von „Park“ sind im deutschen Sprachraum drei Varianten möglich – das bekannte „Parks“, das in der Schweiz zum Teil verwendete „Pärke“ und manchmal auch „Parke“. Die letztgenannte Schreibweise wird laut einem neuen Online-Nachschlagewerk vor allem in Südtirol verwendet.

Die Webseite „Varianten-Grammatik“ umfasst 1300 Einträge und wurde von – jetzt genau auf die Schreibweise achten – Wissenschaftern aus Österreich, Wissenschaftlern aus Deutschland und Wissenschaft(l)ern aus der Schweiz zusammengestellt. Klingt kompliziert, aber in Österreich hat sich der Wissenschafter ohne „l“ etabliert, in Deutschland kennt man ihn nur mit „l“ und in der Schweiz ist beides üblich. Stephan Elspaß vom Fachbereich Germanistik der Universität Salzburg musste sich, als er als Deutscher nach Österreich kam, erst an das „l“-lose Wissenschafter gewöhnen: „Inzwischen verwende ich beides und es sind auch beides ganz normale Ableitungen von Wissenschaft. Beides ist richtig“, stellt er klar.

Sieben Jahre lang haben er und seine Kollegen die geschriebene deutsche Sprache analysiert und dafür Zigtausende Artikel in 68 Zeitungen – 6600 Artikel auch aus der Tiroler Tageszeitung – Wort für Wort verglichen.

Regionale Varianten in der Grammatik seien weit weniger bekannt als unterschiedliche Wörter wie Marille oder Aprikose, erklärt Elspaß die Ausgangslage des Forschungsprojekts. „Aber es gibt auch bei der Grammatik verschiedene Konventionen.“ Man könnte meinen, diese Unterschiede haben sich über Jahrhunderte entwickelt; zum Beispiel bei Präpositionen, dem ein Feiertag folgt. In Österreich fährt man „zu Ostern“ auf Urlaub, in Süddeutschland und der Schweiz „an Ostern“.

Doch auch bei relativ neuen Wörtern wie „E-Mail“ ist es keine Schande, wenn man unsicher ist. „Die“ oder „das“? Und wieder, es geht beides. „Das Wort kommt aus dem Englischen und dort gibt es kein Geschlecht, im Deutschen brauchen wir das. Aber wer hätte bestimmen sollen, ob man ,die E-Mail’ oder ,das E-Mail’ schreibt? Es gibt für Grammatik kein solches Gremium“, sagt der Wissenschafter. Er und seine Kollegen sprechen sich für einen Mut zur Vielfalt aus. „Eines unserer Anliegen war schon, bei Fällen, in denen es um Noten geht, der eine schreibt es so, der andere so, den Betroffenen Hilfe bereitzustellen.“ Das Nachschlagewerk dürfte wohl bald bei vielen Schülern begehrt sein. Die Lehrer wiederum können mit den regionalen Gepflogenheiten entgegenhalten. Denn bei jedem Wort wird neben der genauen Erklärung auch eine Karte mit der regionalen Verteilung der Varianten mitgeliefert.

Dass diese Unterschiede erhalten bleiben, hofft Elspaß. Es sei zwar gut möglich, dass die eine oder andere Variante durch den Sprachwandel verschwindet, doch „ein Einheitsdeutsch will eigentlich keiner“. Er ist froh über die Vielfalt, „froh um“ die Vielfalt wäre er übrigens eher in der Schweiz.

Die Grammatik will es einem nicht so einfach machen. Oder: Die Grammatik will es einem so einfach nicht machen.

Wer jetzt vollends verwirrt ist, nicht weiß, ob er „Parks“ oder „Parke“, „Wissenschafter“ oder „Wissenschaftler“ schreiben soll, der hat Glück. Deutsch ist, obwohl manche Regeln und Normen immer gelten, viel vielfältiger, als man glaubt. Als Alternative spaziert eben der „Forscher“ in eine der schönen „Grünanlagen“.

Wer hätte bestimmen sollen, ob man ,die’ oder ,das E-Mail’ schreibt. Es gibt kein solches Gremium.“ Stephan Elspaß 
(Uni Salzburg)
Wer hätte bestimmen sollen, ob man ,die’ oder ,das E-Mail’ schreibt. Es gibt kein solches Gremium.“ Stephan Elspaß 
(Uni Salzburg)
- Kolarik