Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 26.01.2019


Freizeit

Skitour auf einem Bein: Top motiviert nach langer Leidenszeit

Jacqueline Fritz bezwingt die härtesten Gipfel des Stubais, quert die Alpen und will Skitouren gehen. Beeindruckende Hobbys – nicht zuletzt, weil der Pfälzerin ein Bein amputiert wurde.

Jacqueline Fritz, der ein Bein amputiert wurde, lernt im Skigebiet Christlum Skifahren.

© Michael KristenJacqueline Fritz, der ein Bein amputiert wurde, lernt im Skigebiet Christlum Skifahren.



Von Judith Sam

Achenkirch – In die Bindung zu steigen ist für Ski-Anfänger mitunter die erste Herausforderung: Schnee abklopfen, Schuh positionieren, einrasten. Wie schwierig muss es sein, wenn man nur ein Bein hat? Doch Jacqueline Fritz, der vor elf Jahren ein Unterschenkel amputiert wurde, und ihre Skilehrerin Saskia Groos sind kreativ. Groos kniet im Schnee, ihre Schülerin setzt sich auf deren Oberschenkel und schlüpft in die Bindung.

Los geht’s! Voller Elan rutscht Fritz über die Anfängerpiste im Achenkirchner Skigebiet Christlum. „Gewicht nach innen“, ruft Groos, was die 33-Jährige rasch umsetzt. In eleganten Schwüngen gleitet sie hinab. Nur beim Bremsen holpert’s noch ein wenig. „Jacqueline kann keinen Pflug machen und muss bremsen, indem sie zur Seite schwingt. Aber mit etwas Übung klappt auch das“, motiviert Groos.

Fritz’ Ziel ist jedoch nicht nur das Skifahren: „Ich will bis Ende der Saison meine erste Skitour machen.“ Gewagter Plan. Denn wie macht man auf einem Bein eine Spitzkehre? Wie stapft man steil bergauf, wenn man nicht Schritt für Schritt gehen kann, sondern sich mit Stöcken vorwärts schiebt? „Diese Fragen klären wir noch“, sagt Groos. Am Erfolg des Projekts zweifeln beide nicht. Zu Recht. Schließlich hat Fritz schon ganz andere Pläne umgesetzt: „2017 habe ich die Alpen überquert.“ 350 Kilometer, 30.000 Höhenmeter, bis zu 18 Wanderstunden täglich – Klettersteige und Gletscherquerungen inklusive.

Vier Wochen dauerte die Tour, bei der sie nur von einer Kamerafrau begleitet wurde: „Fünf Tage vor dem Ziel haben sich die Hautschichten in meiner Handfläche wegen des vielen Krückengehens verschoben. Meine Hand schwoll so an, dass man die Narben noch heute sieht.“

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Doch das Wort „Kapitulation“ existiert in Fritz’ Wortschatz nicht: „Ich wusste, dass in Meran ein Arzt ist, der die Blase und das Fieber, das ich wegen der damit verbundenen Entzündung hatte, behandeln könnte. Da wollte ich zu Fuß hin! Auch wenn mich Schmerzen quälten wie nie zuvor in meinem Leben.“

Ein aussagekräftiger Satz, wenn man weiß, was die gebürtige Rheinland-Pfälzerin, die bald nach Tirol ziehen will, durchleben musste. Als Vierjährige zog sie sich beim Ballett einen Bänderriss zu. An sich eine banale Verletzung, hätte der Arzt nicht bei der Operation Fritz’ Sehnen, Bänder und Nerven durchtrennt: „Innerhalb einer Woche könnte man so eine Verletzung leicht beheben.“ Bei Fritz vergingen jedoch acht Jahre, bis die Ärzte aktiv wurden: „Sie nahmen die Schmerzen nicht ernst, bis mein Bein schwarz wurde, sich entzündete und amputiert wurde.“

Am Ende der Saison will sie Skitouren gehen.
Am Ende der Saison will sie Skitouren gehen.
- Michael Kristen

In der Folge lebte Fritz acht Jahre in Kliniken, litt an Phantomschmerzen, Depressionen und Morphiumsucht: „Ich hatte eine Morphiumpumpe, die das Mittel ins Rückgrat injizierte. Als die entfernt wurde, kam es wieder zu einem Zwischenfall. Das Rückenmark wurde verletzt und Hirnflüssigkeit trat aus. Danach konnte ich mir weder etwas merken noch mich konzentrieren.“ Trotzdem absolvierte Fritz die Ausbildung zur Grafikerin.

Während einer Reha am Chiemsee kam sie auf den Wandergeschmack: „Ich setzte mir das Ziel, erst 500 Meter zu gehen, dann einen Kilometer.“ Alles ohne Prothese: „Ich besitze heute zwar eine, die 53.000 Euro gekostet hat, aber die müsste ständig adaptiert werden – an das Gewicht meines 15-Kilo-Rucksacks oder die Bodenbeschaffenheit.“

Auf Krücken fühlte Fritz sich auch sicherer, als sie 2018 sieben der härtesten Stubaier Gipfel, die „Seven Summits“, bezwang: „Hier waren die Herausforderungen das schlechte Wetter und meine Hüfte.“ Die hatte Fritz sich zuvor gebrochen, als sie beim Tanken ausrutschte: „Damals war ich in Innsbruck und sollte operiert werden. Weil ich aber meinen Hund dabeihatte, ließ ich mir Schmerzmittel verschreiben, bin im Auto fünf Stunden heim in die Pfalz gefahren, habe Loui meinem Freund gegeben und ließ mich dort operieren.“

Mischling Loui ist Fritz’ ständiger Begleiter: „Weil ich etwas Höhenangst habe, schaue ich nicht weit herum, sondern orientiere mich an seinem Schweif. Loui geht vor, sucht Wege, auf denen ich nicht ausrutsche, und bellt, sobald ich auf engen Pfaden Wanderern ausweichen muss.“ Auch beim Tourengehen wird sie ihr vierbeiniger Helfer begleiten. Stürzt sie beim Skikurs, eilt Loui herbei, um Frauchen beim Aufstehen zu helfen.

„Beeindruckendes Team“, kommentiert Groos, die an der Ausrüstung tüftelt. Weil Fritz mit normalen Stöcken im Schnee zu tief einsinkt, hat sie zwei Frisbees zu Skistock-Tellern umfunktioniert: „Bewährt sich das Konzept, wird es Alois Paschberger, der Sportgeräte-Prototypen für mich entwickelt hat, optimieren.“

Es fehlt also weder an Willen, Fitness noch Equipment. Folglich ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis erstmals eine „Einbeinige“, wie Fritz sich nennt, Skitouren in Tirol macht.