Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 03.02.2019


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Mit Respekt gibt man der Lawine keine Chance

Es ist eine Erfolgsgeschichte, aber immer noch eine mit einer großen Portion Tragik: Denn obwohl die Zahl der Tourengeher und Freerider in die Höhe geschnellt ist, ist die Zahl der Lawinentoten gesunken. Was milde Winter damit zu tun haben, worauf zu achten ist und wie es sich anfühlt, unter Schnee begraben zu sein.

Jakob Thöni wurde am Arlberg ein kleines Schneebrett zum Verhängnis.

© Foto TT / Rudy De MoorJakob Thöni wurde am Arlberg ein kleines Schneebrett zum Verhängnis.



Von Irene Rapp und Manuel Lutz

Karl Gabl weiß selbst, wie es sich anfühlt, dem Sog abwärtsgleitender Schneemassen ausgeliefert zu sein. 1985 wurde er im Sellraintal bei einem Lawinenabgang 150 Meter mit in die Tiefe gerissen. „Ich bin immer wieder eingetaucht, am Ende hat sie mich dann ausgespuckt", erzählt er von der „Lahne".

Mit einer Hand hätte er seinen Kopf geschützt, mit der anderen noch einen Handschuh in den Mund gesteckt, um die Lunge vor der Staublawine zu schützen. Der Meteorologe und Präsident des Österreichischen Kuratoriums für Alpine Sicherheit hatte jedoch Glück. Viele andere nicht. Noch von Mitte der 1950er-Jahre bis 2010 schafften es im Schnitt pro Winter 25 Lawinentote in die Statistik. „Seit 2010 sind es aber um 30 Prozent weniger", sagt Gabl.

Mehr Sportler, weniger Tote

Ursachen für diese erfreuliche Entwicklung trotz in die Höhe geschnellter Zahlen bei Tourengehern und Freeridern gebe es viele. Etwa bessere Lawinenlageberichte, bessere Notfallausrüstung sowie bessere Strategien für die Wintersportler, um vor Ort die Gefahr einschätzen zu können.

Dass die Winter wärmer geworden sind, spielt laut Gabl ebenfalls eine Rolle. „Dadurch wird der Schnee stabiler, es gibt weniger Schwimmschnee", sagt er. Michael Larcher vom Alpenverein, der in den vergangenen Wochen mit einem Lawinenvortrag durch ganz Österreich gefahren ist, gibt sich aber noch nicht zufrieden. „Zehn bis zwölf Lawinentote pro Winter in Österreich — das wäre unser Ziel im Skitouren- und Freeride-Bereich", ist sein Vorhaben. Das Interesse an der Materie ist jedenfalls groß: Rund 7200 Interessierte hätten während Larchers Tour durch Österreich seine Ausführungen live mitverfolgt. Erfreulich: Viele junge Wintersportler fanden sich darunter, auch viele Frauen.

Thomas Weber machte in Kanada eine Nahtoderfahrung, als er unter eine Lawine kam. Der Igler war zwölf Minuten begraben.
Thomas Weber machte in Kanada eine Nahtoderfahrung, als er unter eine Lawine kam. Der Igler war zwölf Minuten begraben.
- Foto Hofer

Es passieren aber immer noch Fehler, wenn man sich ins Gelände begibt. „Viele Tourengeher und Freerider erkennen die Ernsthaftigkeit der Lawinenwarnstufen 2 und 3 nicht - also von ,mäßiger' und ,erheblicher' Lawinengefahr", so Larchers Erfahrung. Die Statistik gibt ihm Recht: So werde zwar nur an einem Drittel der Wintertage Lawinenwarnstufe 3 ausgerufen. Aber zwei Drittel der Lawinentoten seien bei dieser Stufe zu beklagen.

Die Sache mit dem Airbag

Nicht zu vergessen die Notfall­ausrüstung: Ein Lawinenairbag verhindere zwar oft eine Verschüttung — aber nicht immer. Sehr oft werde der Airbag nämlich gar nicht ausgelöst. Komme die Lawine, „ist man oft so überrascht, dass man nicht mehr die Gegenwärtigkeit besitzt, den Griff zu ziehen", so Michael Larcher.

Doch auch wenn ein Airbag eine Verschüttung verhindern könne, bedeutet das nicht, dass man mit dem Leben davonkommt. Wenn die Lawine einen mitreißt, über felsiges Gelände mittransportiert oder über hohe Höhen, dann bedeute das schon oft das Todesurteil. „20 Prozent der Lawinenverschütteten sterben aufgrund traumatischer Verletzungen", so Larcher. Denn die Kraft einer Lawine ist schwer vorstellbar: „Es gab Fälle, wo Lawinenopfer nur noch tot mit komplett zerfetzten Airbags geborgen wurden."

Zwölf Personen retteten Weber, der 2,80 Meter tief verschüttet war.
Zwölf Personen retteten Weber, der 2,80 Meter tief verschüttet war.
- Weber
Nur Zeit für vier Hilfeschreie

Der Familienskitag in St. Anton am Arlberg neigte sich dem Ende zu, die letzte Abfahrt war so gut wie geschafft, das Ziel war die Heimfahrt. Wie gewohnt machte Jakob Thöni den Anfang und überquerte einen Hang, um von der Skipiste den Rodelweg zu erreichen. „Ich bin vielleicht zwei Meter vor der Rodelbahn im Flachen stehen geblieben. Dort kann ja eigentlich nichts passieren", dachte der mittlerweile 24-Jährige vor elf Jahren an dem Tag, der sein Leben prägen sollte.

Unter einer Lawinenverbauung wartete der Tiroler auf seinen Bruder — der ein Schneebrett lostrat. „Es war relativ klein, ging jedoch unter der Verbauung durch", schildert Thöni den Ablauf. „Ich stand schräg, sprang daher, um gerade zu stehen und wollte wegfahren. Das habe ich nicht früh genug geschafft und bin im Prinzip auf die Rodelpiste gefallen."

In der „Superman-Position" (Kopf voraus, Arme vom Körper weggestreckt) wurde der Student von einer geringen Schneemasse verschüttet und einen halben Meter begraben. „Ich konnte mich nicht bewegen, es war wie Beton", erinnert er sich an den Hergang. In der Folge schrie er um Hilfe: „Ich kann mich nur erinnern, dass ich viermal gerufen habe, und dann war es, wie wenn ich eingeschlafen wäre. Ich dachte kurz ?Jetzt sterbe ich', und dann war ich schon weg."

Der kleine Bruder war der Held

Dass Thöni mehrere Schutzengel hatte, ist ihm bewusst: „Mein Papa schickte meinen Bruder vor, um zu schauen, ob ich weitergefahren bin. Er hat mich aber nicht gefunden. Dann hat mein Papa gesehen, dass nur zwei Spuren im Schnee waren — eine von meinem Bruder, eine von einem Snowboarder."

Sein Leben verdankt Thöni vor allem seinem kleinen Bruder. Der damals Zehnjährige fand den Unglücksort sofort: „Nach acht Minuten haben sie mich ausgegraben. Ich war circa zehn Minuten begraben." Dann dauerte es „ungefähr fünf Minuten", bis er wieder bei Bewusstsein war. „Ich war sehr blass, leicht bläulich. Es war so kalt, selbst in der Klinik hab' ich noch gefroren. Ansonsten hatte ich keine Emotionen", erinnert er sich an die Stunden nach seiner Rettung.

Negative Konsequenzen gab es für Thöni nicht, eine Lehre war es ihm dennoch: „Mir blieb hängen, dass auch so kleine Massen gefährlich sind. Wenn meine Brüder fahren, sag' ich daher jetzt immer: ?Passt auf!'"

"Ich hab' in ein helles Tal gesehen"

Es war ein Tag wie jeder andere", erinnert sich Thomas Weber auch nach fast neun Jahren genau an den 22. März 2010. Mit zwei Freunden reiste der damals 48-Jährige nach British Columbia/Kanada zum Helikopterskifahren. Wie gewohnt zog der Guide die ers­ten Spuren den Hang hinunter, der Igler war der Erste der Gruppe, der sich bedenkenlos in das Gelände stürzte.

Während der Fahrt nahm der Unternehmer etwas wahr, das er so zuvor noch nie erlebt hatte: „Auf einmal sehe ich, wie alles in Schollen bricht, wie wenn du auf einen See gehst und plötzlich bricht alles. Ich dachte mir nur noch ?Oje'." In der Folge traf Weber anfangs die richtige Entscheidung und carvte aus dem Hang hinaus. Ein Blick zurück beeinflusste den Tiroler jedoch: „Ich habe in Panik hinaufgeschaut, dachte, da kommt noch mehr, und mach' den fatalen Fehler und fahre ins Zentrum der Lawine."

Bis es flacher wurde, konnte sich Weber noch auf den wegbrechenden Schneemassen halten. „Dann hat sich die Lawine gestaut, es hat mich hineingehaut und zugedeckt. Ich bin mit dem Kopf voraus im Schnee gesteckt", kann das Unglücksopfer die Situation noch genau rekonstruieren.

Ein kurzer Knall

„Es hat ganz kurz einen richtigen Knall gemacht. Wenn die Lawine zum Stillstand kommt, dann drückt es dich so richtig zusammen." Unter 2,80 Metern im Schnee einzementiert, versuchte er er­folg­los, Luft zu bekommen: „Ich habe gemerkt, wie es richtig heiß wird in der Lunge." Den ers­ten Gedanken, den Weber hatte: „Bevor ich nach Kanada gefahren bin, habe ich ein Testament gemacht. Ich dachte mir: ?Nur wegen diesem Scheiß-Testament ist mir das passiert.'"

Nach circa 30 Sekunden sei der Unternehmer eingeschlafen: „Das, was ich ausgeschnauft habe, hab' ich wieder eingeatmet, dies wirkte wie eine Narkose." Die letzte Erinnerung war eine Nahtoderfahrung, die heute noch präsent ist: „Ich hab' in ein helles, freundliches Tal hinausgesehen, das war positiv." Die Ausgrabung dauerte zwölf Minuten — zwölf Personen machten einen „super Job".

Bereits am nächsten Tag ging Weber wieder Ski fahren. Der Schock setzte am zweiten Tag nach seiner Verschüttung ein, Weber reiste vorzeitig ab. Neun Jahre später hat er aber keine negativen Auswirkungen mehr. „Ich wurde nur ein wenig vorsichtiger."




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