Letztes Update am So, 10.02.2019 21:07

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Freizeit

Neue Seethalerhütte: Ein Haus, gebaut wie ein Felsen

Erstmals findet man am Dachstein zwischen Oberösterreich und der Steiermark auf 2740 Metern Höhe auch im Winter Schutz. Die neue Seethalerhütte trotzt Wind und Wetter, nur das Wasser darf bleiben.

Die neue Seethalerhütte am Dachstein.

© AlpenvereinDie neue Seethalerhütte am Dachstein.



Von Matthias Christler

Links ragen Felsen in den Himmel, rechts auch und dahinter fällt das Gelände steil Hunderte Meter ab. Eine Wand inmitten dieser schroffen Gegend ist allerdings zu gerade, um natürlichen Ursprungs zu sein. Wenn man am Dachstein auf knapp 2700 Metern steht und sich umsieht, wirkt es so, als hätte jemand dort oben einen spitzen, grauen Kristall in den Berg gerammt. Einladend sieht sie auf den ersten Blick nicht aus, die neue Alpenvereins-Schutzhütte am oberen Ende des Hallstätter Gletschers. Vor den Fenstern der neuen Seethalerhütte hängen keine Blumentröge mit Geranien und niemand sitzt Ziehorgel spielend vor der Hütte.

Doch wenn einem der Wind bei minus 15 Grad Celsius um die Ohren pfeift und winzige Schneekörner immer wieder im Gesicht einschlagen, zählen andere Werte. Die alte Hütte war in einem Winter wie diesem vollständig eingeschneit. Die neue, in den vergangenen zwei Jahren für zwei Millionen Euro gebaute Hütte bleibt sogar dieser Tage fast völlig frei von Schnee. Geht man rund um die Hütte, leuchtet es einem ein, dass Dach und Wände so angeordnet sind, „damit sie der Wind freibläst“, erklärt Stephan Hoinkes. Der Architekt vom Innsbrucker Büro dreiplus hat gemeinsam mit Andreas Mikula den Wettbewerb für den Neubau gewonnen.

Peter Kapelari ist beim Alpenverein zuständig für die Hütten und hat in seiner Funktion zuletzt einiges an Kritik am Neubau zu hören bekommen. „Das war immer so, dass Schutzhütten erst für Empörung gesorgt haben. Ein super Beispiel ist die Bettelwurf-Hütte, sie war ein Skandal, und jetzt gibt es die Auflagen, dass man nichts ändern darf“, spricht Kapelari den Zeitgeist der Hochgebirgs-Architektur an. „Hier heroben bringt mir Lederhosen-Architektur gar nichts. Da ist jeder Blumentrog, jedes Vordach eine Angriffsfläche für den Wind.“

Von Angriffs- und Ansichtsflächen

Den Architekten ging es bei der kompakten Bauweise neben der Angriffs- auch um die Ansichtsfläche. Wie bei einem Berg verjünge sich das Gebäude nach oben, es werde schmaler und „es verschmilzt mit der Landschaft“, sagt Hoinkes. Tritt man nahe an die Wände heran und berührt die Fassade, merkt man, dass sie aus Aluminium ist. Das hat zwei Vorteile. Man konnte eine Farbe wählen, die tatsächlich der des Felsen ähnelt. Und zweitens „schluckt“ die Wand das Wasser. „Über die gesamte Haut der Hütte kann Niederschlagswasser gesammelt werden, es wird entkeimt und als Trinkwasser verwendet“, beschreibt Kapelari die nachhaltige Bauweise. Zu der gehört auch die Südfassade, die vollständig mit Photovoltaik-Modulen für die Energieversorgung verbaut ist.

In den ersten Wochen seit der Eröffnung Ende Dezember 2018 hat sich das Konzept bewährt. Nur an der Südseite hat sich ein Schneehaufen gebildet und der verdeckt den Eingang – allerdings den für den Sommer. Für den Winter gibt es einen eigenen Zugang, der immer frei bleibt. Also hereinspatziert. Bei den inneren Werten der Hütte gerät Kapelari ins Schwärmen. „Vom 2. bis zum 14.1. war die Hütte wegen Lawinengefahr zu. Nach elf Tagen hat es innen ohne zu heizen immer noch neun Grad plus gehabt.“

Bewusst kleine Fenster

Der Aufenthaltsraum wird von hellem Holz dominiert. Die Wände wurden als Fertigteile geliefert und am Berg wie ein Puppenhaus zusammengebaut. Das Gebäude ist – man kann es wegen der Alu-Hülle kaum glauben – ein Holzhaus.

Auf große Panoramafenster haben die Architekten bewusst verzichtet. „Es ist ein Schutzhaus und wir wollen im Inneren Sicherheit vermitteln“, sagt Hoinkes. Gemütlich ist es nicht nur im Gastraum, sondern im ganzen Gebäude – das hat aber andere Gründe. Der Alpenverein hätte, wenn es rein nach seinen Anforderungen gegangen wäre, gerne kleiner gebaut. Doch breitere Fluchtwege, mehr Platz für die Mitarbeiter oder eigene Aufenthaltsräume seien bei einem Neubau zu beachten, so Kapelari. „Wir haben uns ausgerechnet, dass wir bei gleich viel Gästen und Schlafplätzen heute im Vergleich zu bestehenden Hütten um ein Drittel größer bauen müssen, um alles unterzubringen.“

Das sind Details, von denen der Gast wenig mitbekommt. Er hat Schutz gefunden in der Hütte. Sie hat ihre Funktion erfüllt. Und wenn der Gast wieder geht, sich am Weg nach unten noch einmal umdreht und auf die ungewöhnliche Form blickt, denkt er vielleicht über die Worte von Kapelari nach. „Wir wollten kein Monument aufstellen, sondern etwas, das sich vor der Bergnatur duckt.“