Letztes Update am So, 10.02.2019 21:07

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

„Männer sind nicht mehr das, was sie waren“

Ob es um Engel oder die Verweiblichung des Mannes geht, der 72-jährige Wiener Mediziner und Theologe Johannes Huber ist um keine gewagte These verlegen. In seinem aktuellen Buch nimmt er die Leser mit auf eine Reise in die Vergangenheit bis zum Urknall. Ein Interview über das Unerklärliche und den neuen Homo sapiens.

Wer sind wir, woher kommen wir, wohin gehen wir? Johannes Huber stellt sich den großen Fragen.

© Thomas Boehm / TTWer sind wir, woher kommen wir, wohin gehen wir? Johannes Huber stellt sich den großen Fragen.



Geraten Sie, als Theologe und Reproduktionsmediziner, hie und da in einen inneren Konflikt, wenn es um die wissenschaftliche Machbarkeit und Ihren Glauben geht?

Johannes Huber: Als Mediziner hat man täglich mit den Niederlagen zu kämpfen, die Krankheit und Tod bringen. Da denkt sich jeder: Wie lang dauert es persönlich noch? Wohin geht die Reise und von woher kommt man letzten Endes? Es gibt nur Hinweise. Beide Entscheidungsfolgen – entweder, dass man glaubt, es geht weiter oder es ist eine Totalvernichtung – sollen gleichberechtigt nebeneinander stehen. Mein Buch ist nicht ein Plädoyer für den lieben Gott, sondern für die Toleranz.

Verstehen Sie die unerklärlichen schwarzen Löcher, von denen Sie schreiben, als Götter der Naturwissenschafter, als gleichbedeutend mit dem Gott des Gläubigen?

Huber: Das ist schön formuliert, aber ein Punkt ist mir wichtig: Wir dürfen die Naturwissenschaft und die schwarzen Löcher nicht dafür benutzen, um zu sagen: Hier siedeln wir den lieben Gott an. Allerdings, wir dürfen eines sagen, nämlich: Selbst in der Naturwissenschaft gibt es viele Dinge, die wir mit unserem Kopf nicht begreifen, obwohl wir sie mathematisch beweisen. Trotzdem wird es nicht geleugnet. Wenn wir uns in weltanschaulichen Fragen für etwas entscheiden, das nicht beweisbar ist, dann soll das nicht lächerlich gemacht werden.

Beruhigt es Sie, dass es Unerklärliches gibt?

Huber: Wenn man in der Medizin arbeitet, dann weiß man, wie wenig erklärbar ist. Also ich glaube, diese Wissensgockel, die glauben, alles erklären zu können, die müssen ein bisschen bescheidener sein.

Sollte umgekehrt die Kirche selbstbewusster werden?

Huber: Na ja, sie müsste das Evangelium so verkünden, dass die Menschen es verstehen und dass es auch in die Moderne transportiert werden kann. Die großen Wahrheitskomplexe der Auferstehung, der Seele usw., das traut man sich gar nicht mehr zu sagen. Aus Angst, man könnte ironisiert werden, münzt man das Christentum in Charity, Caritas, Solidarität um. Das ist natürlich auch wichtig, aber das ist nicht das Zentrum des Christentums.

Wie gehen Sie mit Kritik um?

Huber: Die, die sich als Naturwissenschafter zu Gott bekennen, die werden in Zukunft fast einen Minderheitenschutz bekommen, so werden sie polemisiert. Wenn man ein gewisses Alter erreicht hat, dann hat man auch viele Vorteile. Einer ist, dass man ein Immunsystem der besonderen Art bekommt und diese aggressiven Polemiken, die gleiten da weg.

Sie widmen einen großen Teil im Buch der Verweiblichung des Mannes durch Umwelt-Östrogene. Beeinflusst das Hormon den gesellschaftlichen Wandel?

Huber: Sicher, und der geht in Richtung Frau. Schauen Sie sich die Spermaqualität des Mannes an, wie die schlecht wird. Die Männer sind nicht mehr das, was sie früher waren. Die fangen an, Kinder zu wickeln, was ja was Gutes ist. Wahrscheinlich kommt der neue Mensch. Es gibt Experten, die meinen, dass die Fortpflanzung der Zukunft die künstliche Befruchtung sein wird. Vom Tisch fegen kann man das nicht.

Unterschwellig kritisieren Sie die MeToo-Bewegung.

Huber: MeToo kann ein Gynäkologe natürlich nicht kritisieren, weil er ist Anwalt der Frau. Auffallend ist diese Radikalität und wie schnell das gegangen ist. Kann das nur eine Veränderung des kollektiven Bewusstseins der Menschen sein oder ist da eine höhere Sensibilität im Gehirn durch das Östrogen?

Wohin entwickelt sich die Gesellschaft, was gibt ihr Halt?

Huber: Ich hoffe, dass der Homo sapiens der nächsten Jahrhunderte nicht brutal ist, sondern ein empathischer. Anzeichen dafür gibt es schon. Junge Menschen wollen gar nicht mehr besitzen, die möchten teilen. Das ist nicht meine Welt, aber man sieht es. Beobachten Sie, wie sich die Jugend Flüchtlingen widmet. Da ist ein sehr großer Willkommensgruß zu sehen – so unreflektiert auch nicht unbedingt meine Auffassung. Wenn der Altruismus aber stärker wird, dann sehe ich das positiv.