Letztes Update am Mo, 11.02.2019 13:04

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Schlaftrunken durch die Nacht: Mit Drinks gegen Schlaflosigkeit

Jeder vierte Österreicher leidet an Schlafstörungen. Jeder bringt hie und da kein Auge zu. Doch in letzter Zeit halten Getränke in den Supermärkten Einzug, die Abhilfe schaffen sollen. Kommt die Trendumkehr von einer aufgeputschten Gesellschaft in eine schlaftrunkene?

(Symbolfoto)

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Von Theresa Mair

Das Sandmännchen streut dir Sand in die Augen und schon schlummerst du sanft ein. Lang ist’s her, dass das Versprechen gewirkt hat, im Kindergarten, vielleicht in der Volksschule noch. Dann kam die Leistungsgesellschaft. Wer schläft, verliert. Untertags verleihen wir uns Flügel und kommen nachts nicht mehr herunter.

Jeder vierte Österreicher kann vom Sandmännchen nur träumen – mit offenen Augen. Ein- und Durchschlafstörungen sind weit verbreitet. „Viele nehmen sich auch zu wenig Zeit zum Schlafen“, sagt Neurologin Elisabeth Brandauer von der Innsbrucker Uniklinik. Das ist ein Geschäft, ein ziemlich hippes noch dazu: Da ist diese eine Matratze, die nonstop in der Timeline von Social Media auftaucht. Mit Kissendüften sollen wir uns die süßen Träume erschnüffeln und so weiter und so fort. Wenn das alles nichts hilft? Einmal Vollbremsung, bitte sehr.

Zwei Drittel des Schlaf-Markts streicht die Pharmaindustrie ein, mit Schlaftabletten, die einen – nur allzu oft zum hohen Preis der Abhängigkeit – ins Wolkenkuckucksheim schicken. Das sagt jedenfalls Hans Vriens. Der gebürtige Holländer hat die Zahlen im Kopf: „Weltweit werden jährlich 100 Milliarden Dollar für Schlafhilfen ausgegeben. Das Wachstum beträgt 6,5 Prozent pro Jahr. Das ist enorm.“ Der Functional-Food-Experte weiß das so genau, weil er selbst ein wenig mitmischen möchte. Früher hat er den Energydrink Red Bull in die USA gebracht, jetzt steht er auf der anderen Seite: Vriens hat einen so genannten Relaxation-Drink erfunden, den er von Salzburg aus in die Welt verschickt.

Hans Vriens hat früher Energydrinks verkauft, jetzt setzt er auf Relaxation.
Hans Vriens hat früher Energydrinks verkauft, jetzt setzt er auf Relaxation.
- Snooze

In den Schlaf trinken

Die stylische Kartondose hat in heimischen Supermärkten und Drogerien Einzug gehalten. „Snooze­ ist ein Getränk für gesunde Menschen, die ab und zu schlecht schlafen“, sagt er. Gesundheitsversprechen darf Vriens keine geben, dafür hat er keine Zulassung. Deswegen belässt er es beim Slogan „Sweet Dreams, Happy Days“, wobei inzwischen den Menschen immer bewusster werde, dass ein guter Schlaf gesund, kreativ und schön mache.

Eine halbe Stunde vor dem Schlafengehen getrunken, soll einem das Saftl, das angenehm nach einem intensiven Kräutertee schmeckt, das Ein- und Durchschlafen leicht machen. Wichtig ist Vriens, dass das Getränk rein pflanzlich ist, kein schlafanstoßendes Hormon zugesetzt ist und es vor allem keine Gewöhnungseffekte gibt. Sämtliche Kräuter seien jedoch in deutlich höherer Dosis enthalten – die genauen Mengenangaben stehen auf der Dose –, als z. B. in Baldrianpastillen. Damit es auch wirkt. Momentan arbeite er mit dem AKH Wien an einer Studie, in der die Wirksamkeit von Snooze untersucht wird.

Mit ihrem Entschleuniger-Getränk waren die Götzner Johann und Gabriela Dürr schon mehrfach im Fernsehen.
Mit ihrem Entschleuniger-Getränk waren die Götzner Johann und Gabriela Dürr schon mehrfach im Fernsehen.
- Vanessa Rachlé / TT

Für eine Studie haben Gabriela und Johann Dürr hingegen keine Zeit. Die beiden sind im Stress. Seit sie mit ihrer Erfindung, dem „Schlaf gut Murmel“, zu Jahresanfang bei Sat1 gezeigt wurden, müssen sie zusehen, dass sie mit den Aufträgen nachkommen.

11.000 Flaschen ihres „Entschleunigers“ seien seitdem bestellt worden. Die Götzner reklamieren für sich, die Ersten zu sein, welche die Idee für ein Schlaf-Getränk hatten. Manch einer kann sich bestimmt an die Puls4-Sendung „2 Millionen 2 Minuten“ erinnern. Die Dürrs waren 2017 mit ihrem „Murmele“ dabei. Zuvor hat Johann, der aus der Chemie-Branche kommt, jahrelang an dem Getränk getüftelt – aus persönlichem Antrieb. Seine Gabriela konnte seit jeher nicht schlafen. Sie war bereits den chemischen Schlaftabletten verfallen, mitsamt den Nebenwirkungen, wie beispielsweise Tagesmüdigkeit.

Ihr „Schlaf gut Murmel“ in der Glasflasche versprüht Retro-Charme. Es sprudelt leicht und wird kalt getrunken. Die Einschlafhilfe schmeckt gut, etwas säuerlich-bitter, wie ein Multivitaminsaft ohne Zucker.

Gehütetes Geheimrezept

Die genaue Rezeptur verrät Dürr nicht. Nur so viel: Ausgewählter Hopfen, ein spezieller Gebirgsbaldrian und viele Vitamine sind enthalten sowie der natürliche Zuckerersatzstoff Erythrit. Die Schlafformel hat er mit einem pensionierten Professor der ETH Zürich ausgetüftelt. Das Paar empfiehlt eine mehrtägige Entgiftungskur mit dem „Murmele“ und das Saftl später bei Bedarf zu trinken. Gabriela hat es geholfen. Sie schläft wie ein Murmeltier.

Gibt es also das Sandmännchen-Getränk wirklich oder ist alles nur Sand in die Augen? Hermann Stuppner, Heilpflanzen-Experte am Institut für Pharmazie/Pharmakognosie der Uni Innsbruck, lässt sich, solange es keine klinischen Studien gibt, auf nichts ein. Die schlaffördernden Eigenschaften von Baldrian, Hopfen, Lavendel u.a.m. seien zwar schon ewig bekannt, die Nebenwirkungen bei richtiger Zubereitung vernachlässigbar. Doch „nicht jeder wirksame Bestandteil ist z. B. in Wasser löslich“, erklärt Stuppner. Kindern unter zwölf Jahren solle man darüber hinaus keine Baldrian-Produkte geben.

Für alle anderen gilt wohl: Wem’s hilft, dann gut. Hilft’s nix, dann schad’s auch nix.