Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 15.02.2019


Naturschutz

Pilz bedroht heimische Eschen: Gegen das schleichende Sterben

Ein aus Asien eingeschleppter Pilz zerstört Europas Eschen. Auch in Tirol ist der Großteil der Bäume befallen. Ein Notprogramm soll dem entgegenwirken.

Die Eschen in Tirol sind bedroht.

© iStockphotoDie Eschen in Tirol sind bedroht.



Von Judith Sam

Innsbruck – Der Name „Falsches weißes Stängelbecherchen“ klingt nicht gefährlich. Vielmehr hat er etwas Niedliches. „Doch der Eindruck täuscht. Dabei handelt es sich um einen Pilz, der Europas Eschen tötet“, sagt Thomas Geburek. Der Leiter des Instituts für Waldgenetik beim Wiener Bundesforschungszentrum für Wald will der bevorstehenden Vernichtung entgegenwirken – mithilfe eines Heers von 35.000 Bäumen.

Akribisch aufgefädelt stehen die dürren Jungeschen in einem Forschungsgarten im niederösterreichischen Bezirk Tulln. Sie wurden aus den Samen von 700 Eschen gezogen, die Geburek und sein fünfköpfiges Team in ganz Österreich zusammengesucht haben: „Der Pilz ist nämlich nicht für alle Bäume gleich verhängnisvoll. Manche halten ihm wegen ihres Erbgutes länger stand als andere. Darum brauchten wir Eschen, die zwar inmitten pilzkontaminierter Wälder stehen, aber möglichst gesund sind.“

Es ist nicht mehr so leicht, eine gesunde Esche zu finden. Ein Blick auf die Blätter verrät, wie es um den Baum steht.
Es ist nicht mehr so leicht, eine gesunde Esche zu finden. Ein Blick auf die Blätter verrät, wie es um den Baum steht.
- iStock/Getty Images

Eine akribische Arbeit. Nicht zuletzt, weil jeder Jungbaum mit einem Strichcode versehen wurde, der angibt, wo der Mutterbaum steht und wie stark dessen Befall ist.

Das Ziel des europaweit größten derartigen Projekts ist es, langfristig eine künstliche Eschen-Population zu züchten, die resistent gegen das Stängelbecherchen ist: „Dafür müssen wir zehn bis 15 Jahre warten, bis die Bäumchen alt genug sind, um sich fortzupflanzen. Ist es so weit, werden aus den 35.000 Bäumen die 100 gewählt, die vom Pilz, der im Forschungsgarten großzügig verteilt wurde, nicht angegriffen wurden. Aus ihnen wird Saatgut hergestellt.“

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So lautet jedenfalls die langfristige Variante. Die Alternative ist, schon in den kommenden Jahren Stecklinge aus den resistentesten Bäumchen zu ziehen, um die lange Wartezeit zu überbrücken: „Wobei die gezüchteten Bäume umso beständiger sind, je länger wir die Entwicklung ihrer Mutterbäume beobachten und selektieren können.“

Ein Mittel, das den Pilz unmittelbar bekämpft, gebe es nicht: „Man könnte höchstens Chemikalien versprühen, aber das würde auch den Menschen schädigen.“

Das Team des Instituts für Forstgenetik hat resistente Eschen gesammelt. Die Jungbäumchen aus deren Samen sind mit Strichcodes gekennzeichnet.
Das Team des Instituts für Forstgenetik hat resistente Eschen gesammelt. Die Jungbäumchen aus deren Samen sind mit Strichcodes gekennzeichnet.
- Bundesforschungszentrum für Wald

Der Pilz, der 1992 erstmals in Europa und 2005 in Österreich entdeckt wurde, stammt übrigens aus Asien. „Wie er in das heimische Ökosystem importiert wurde, kann man nicht exakt zurückverfolgen“, sagt Geburek. Klar ist jedoch, dass das Stängelbecherchen im Ursprungsland keine Gefahr darstellt: „Dort hat es sich über Jahrhunderte gemeinschaftlich mit den asiatischen Eschen entwickelt. Es erfüllt sogar eine Funktion, indem er das abgefallene Laub zersetzt. Ein Pilz würde normalerweise nie seine Wirtspflanze zerstören.“

Die heimischen Eschen sind jedoch nicht auf ihn eingestellt. Das gilt auch für den Tiroler Bestand, der Christian Schwaninger von der Abteilung Waldschutz der Tiroler Landesregierung Sorge bereitet: „Bei uns breitet sich das Stängelbecherchen über die Haupttäler von Osten nach Westen aus. Im Inntal dürfte kaum eine Esche gesund sein.“ Lediglich in abgelegenen Tälern, wie Seitentälern des Lechtals, stehen noch gesunde Bäume.

Auch wenn nur 0,6 Prozent des Tiroler Ertragswaldes aus Eschen besteht, stellt diese Entwicklung ein Problem dar: „Eschen sind für unsere Auwälder wichtig.“ Außerdem wachsen sie auf Steilhängen und in trockenen Gebieten. Dadurch lässt sich die Baum­art schlecht ersetzen.

Ebenso sei sie Heimat mancher Tiere, wie des Maivogels. Dieser Schmetterling lebt ausschließlich auf Eschen. Stirbt der Baum aus, bedeutet das auch das Ende des Falters.

„Ein weiteres Problem ist, dass die Wurzeln angegriffener Eschen teils faul werden und die Bäume im schlimmsten Fall umstürzen können“, gibt Schwaninger zu bedenken. In Tirol gebe es nur einzelne Fälle: „In Nieder- und Oberösterreich haben Stürme jedoch etlich­e Eschen umgeweht.“

Erkrankte Bäume erkennt man am besten an der Laubkrone – jedenfalls im Frühjahr und Sommer, wenn der Baum Blätter trägt: „Je lichter die Krone, desto weiter ist die Krankheit fortgeschritten. Auch tote Äste sowie Verfärbungen der Rinde sind ein Indiz.“

Es gibt jedoch noch mehr Hiobsbotschaften. Nicht nur Eschen sind gefährdet. Erlen und Ulmen sind ebenso von Pilzen befallen und durch Fichtenbestände fressen sich Borkenkäfer. Kein Wunder, dass Schwaningers Fazit skeptisch ausfällt: „Geht das so weiter, kommen uns im Auwald Baumarten abhanden.“