Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 19.03.2019


Exklusiv

Nutzen, Potenzial, Bedürfnisse: Tiroler Studie über das Tourengehen

Skibergsteigen hat sich zum Massensport entwickelt – doch könnte es auch ein touristischer Wirtschaftsfaktor werden? Antworten liefert eine neue Tiroler Studie.

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Von Irene Rapp

Innsbruck – Die Zahl der Tourengeher ist in den vergangenen Jahren in die Höhe geschnellt. Mit rund 700.000 Ausübenden in Österreich rechnet etwa der Alpenverein. Genauere Fakten lagen allerdings bislang nicht vor. Erst recht nicht, welches touristische Potenzial im Skibergsteigen steckt.

Auf über 80 Seiten hat sich nun das MCI Tourismus mit dem Thema beschäftigt. Tirolweit wurden dafür u. a. 550 Personen vor Ort befragt, weitere 571 online. Die Ergebnisse lassen für Gebi Mair, grüner Klubobmann im Landtag und Initiator der Umfrage, u. a. eine Schlussfolgerung zu: „Die Touristiker haben das Potenzial des Skibergsteigens noch nicht erkannt.“

Doch der Reihe nach. Erstmals wurde in der MCI-Studie der typische Tourengeher charakterisiert: Dieser ist überwiegend männlich, um die 40 Jahre alt und verfügt über ein überdurchschnittliches Haushaltseinkommen. „Im Vordergrund stehen für ihn das Naturerlebnis, Ruhe und Abgeschiedenheit des Gebietes sowie die sportliche Herausforderung“, nennt Hubert Siller, Leiter des MCI Tourismus, weitere Details.

Unterschieden wurde auch zwischen dem Gelände- bzw. dem Pistentourengeher: Während für Ersteren das Landschafts- und Naturerlebnis an oberster Stelle steht, ist Zweiterem der Gesundheits- und Fitnessaspekt wichtig.

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Der Tourengeher als Urlaubsgast wiederum übernachtet meist auf einer Schutzhütte (45,3 Prozent) oder im 1–3*-Bereich (13 Prozent) und bleibt zwei bis drei Tage in der Region.

Interessant auch, was im Schnitt ausgegeben wird: Geländetourengeher zahlen demnach pro Tag 20,44 Euro (ohne Anreise und Bergführer), Pistentourengeher 14,40. Sillers Fazit: „Das nächtigungstouristische Potenzial ist eingeschränkt. Wenn, dann könnte man vielleicht mit tagestouristischen Angeboten beim Pistentourengehen Erfolg haben, weil dieses der gegenwärtigen Fitnessbewegung entspricht.“

Ein wenig anders werden die Ergebnisse von Mair interpretiert. „Viele Tourismusverbände haben noch Nachholbedarf bei Informationen für Skitouren-Gäste. Und generell fehlt es an touristischer Innovation“, sagt er. Denn Tourengeher – speziell der Urlaubsgast – seien überdurchschnittlich zahlungskräftig, könnten also mehr ausgeben – sofern es auf sie speziell zugeschnittene Angebote gäbe.

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„Das könnte z. B. ein Shuttl­e von der Unterkunft zum Ausgangspunkt der Tour sein“, nennt er ein Beispiel. Wo es das oder anderes gebe, bleibe der Erfolg nicht aus – sieh­e Osttirol, wo seit Jahren ein jährliches Skitourenfestival veranstaltet wird und es viele Angebote für den Skibergsteiger als Urlaubsgast gibt. Oder in St. Sigmund im Sellraintal, wo Luis Melmer vom dortigen Alpengasthof Praxmar vor Jahren Nein zum Liftausbau sagte. Das Gebiet ist seitdem als Tourengeher-Paradies weithin bekannt. „An Spitzentagen sind sicher täglich an die 1000 Leute auf Lampsenspitze, Zischgeles und Praxmarer Grieskogel unterwegs“, erzählt Melmer. Er steht seinen Übernachtungsgästen u. a. mit Tipps zur Seite, der ausgedruckte Lawinenlagebericht an jedem Frühstückstisch gehört ebenfalls dazu.

„Regionale Schwerpunkte sind sicher ein Thema. Tirolweit macht ein touristisches Angebot für das Skibergsteigen allerdings wenig Sinn“, ist hingegen Florian Phleps, Geschäftsführer der Tirol Werbung, überzeugt. Nicht zuletzt deshalb, weil das, was Tourengeher suchen würden – Ruhe, unverspurte Hänge, Einsamkeit – durch ein verstärktes touristisches Potenzial wieder zunichtegemacht würde. „Eine touristische Vermarktung des Skitourengehens im freien Gelände könnte zu weiteren ökologischen Konfliktpotenzialen führen und die alpinen Rettungsorganisationen an ihre Grenzen bringen“, bringt Siller ein weiteres Argument ins Spiel.

Zu Konflikten hatten zuletzt auch die Pläne von Hochoetz und Kühtai in Sachen Skiverbindung geführt. Die MCI-Studie ist für Mair einmal mehr Bestätigung, dass die unverbaute Natur eine „touristische Zukunftsaktie“ ist. „Ein Lift ist immer die einfachste Lösung. Aber könnte man sich nicht auch überlegen, ob man mehr davon hätte, wenn man unberührte Natur nicht verbaut?“, so Mair.

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„Es braucht Naturräume, die unberührt sind und es bleiben sollen, die haben wir auch“, kommentiert Phleps das Thema. „Es wird ohnehin so viel zugebaut im Land. Auf unberührte, ruhige Plätze muss man daher aufpassen“, sagt Melmer. Überhaupt nicht beeinflussbar seien hingegen zwei andere für Skitouren entscheidende Parameter – die Schneesicherheit im Gelände und das Wetter. „Diese Faktoren wären allerdings für ein touristisches Produkt Skitourengehen von grundlegender Bedeutung“, betont Siller.