Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 16.03.2019


Menschen

Nordische Nacht(ge)schichten auf der Nordkette

Ein Isländer hat auf der Nordkette eine berufliche Heimat gefunden. Bjarni Thor Valdimarsson verbringt oft Tag und Nacht damit, den Snowpark für die Freestyler herzurichten.

Bjarni Thor Valdimarsson plant den Park und baut die Rails auf.

© Foto TT / Rudy De MoorBjarni Thor Valdimarsson plant den Park und baut die Rails auf.



Von Matthias Christler

Innsbruck – Wenn sich im Norden, hoch oben auf der Seegrube über Innsbruck, noch um vier Uhr Früh ein Lichtlein bewegt, liegt es an ihm. Dann sitzt Bjarni Thor Valdimarsson in seiner Pistenraupe und arbeitet dort, wo sich ein Fuchs, ein Hase und ein Isländer „Gute Nacht“ sagen. Und das ist – versprochen – nicht nur so eine Redensart.

Heute ist der 40-Jährige schon am Vormittag heraufgefahren. Der Wind, der die Gondeln der Nordkettenbahn an diesem Tag ordentlich durchschüttelt, bringt ihn nicht zum Wanken. Mit festen Schritten geht der Hüne zu den Schanzen (Kicker) und Geländern (Rails) im Schnee, seinem Werk. Seit acht Wintern plant und baut er den Snowpark auf der Seegrube. Und vor allem heuer kann er viele Geschichten erzählen, von Massen an Schnee, einer Suche, seinem Lieblingsspielzeug, der Heimat und seinem Freund, dem Fuchs. Aber der Reihe nach.

Bjarni Thor Valdimarsson hat ein Gespür für die Seegrube.
Bjarni Thor Valdimarsson hat ein Gespür für die Seegrube.
- Foto TT / Rudy De Moor

Der Schnee. Auf dem Weg zum „Nordkette Skylinepark“ zeigt Valdimarsson hinter der Bergstation in die Seegrube, die heuer eher ein Grübchen ist. Sie ist ziemlich voll. Er wisse gar nicht mehr, wohin mit dem Schnee, schnauft der Isländer durch. „14 Komma irgendwas Meter hatten wir diese Saison bis jetzt, andere Skigebiete haben fünf Meter den ganzen Winter“, rechnet er vor. Das macht ihm das Leben bzw. die Arbeit schwer. Sobald Niederschlag angesagt ist, stellt er sich auf eine Nachtschicht ein. „Heuer war es so, wenn sie 20 cm gemeldet haben, ist meistens ein Meter gekommen.“ Vorsorglich werden die Rails von ihm und seinem fünfköpfigen Team vor dem Schneefall abgebaut. Das Ausgraben will man sich neben der täglichen Präparierung lieber ersparen. Doch die Natur hat auch der Isländer nicht im Griff.

Mit der Pistenraupe, die er vor der Ausfahrt kontrolliert, ist er bis spät in die Nacht am Weg.
Mit der Pistenraupe, die er vor der Ausfahrt kontrolliert, ist er bis spät in die Nacht am Weg.
- Foto TT / Rudy De Moor

Die Suche. Zwei junge Skifahrer steuern gerade auf eine der Rails zu, der eine gleitet schräg drüber und der andere filmt ihn dabei. So eine Rail habe er diesen Winter einmal „verloren“. Er deutet auf einen Hang nördlich des Frau-Hitt-Sessellifts. Eine Lawine in der Nacht habe das Geländer mitgerissen und verschüttet. „Weil es aus Eisen ist, haben wir es mit einem speziellen Suchgerät orten können.“

Es steigen immer mehr Leute aus dem Sessellift oberhalb des Parks aus. Valdimarsson treibt seine Begleiter, die den Geschichten lauschen, etwas an. Zu lange will er nämlich nicht im Park verharren. Am Tag gehört der den Freestylern, erst ab 15, 16 Uhr fängt seine Arbeit richtig an. Er führt seine Besucher dafür an einen stillen Ort.

Das Lieblingsspielzeug. In der großen Garage, die sich unter dem langen Sessellift östlich der Bergstation befindet, stehen zwei Pistenraupen. „Die hintere, das ist meine.“ Sie sei wendig und perfekt für den Park geeignet. Wie viele Schichten Schnee er in den Nachtschichten vor sich hergeschoben habe, könne er gar nicht mehr zählen. Bevor er einsteigt, leuchtet er mit einer Taschenlampe das Kettenlaufwerk ab. Keine Schäden, es kann losgehen. Er fährt sie ins Freie, mit Blickrichtung zum Hafelekar stellt er „sein Baby“ ab. „Wenn der Schnee passen würde, könnte man mit der Pistenraupe sogar dort rauffahren. 35 bis 40 Grad würde die schon schaffen. Aber probieren will ich es nicht“, huscht ein kurzes Lächeln über sein Gesicht. Es kann sein, dass ihn die steile Karrinne an einen Hang bei seinem Heimatdorf Ísafjörður erinnert.

Die Heimat. In Ísafjörður hat es einen Schlepplift gegeben, der zu einem 35 Grad steilen Hang geführt hat. „Das war richtig toll, weil man die Piste nicht präpariert hat.“ Je steiler, desto besser. Auf seinem Youtube-Kanal sieht man, wie der 40-Jährige Rinnen in Tirol hinunterfährt, bei denen die Karrinne im Vergleich wie eine blaue Piste wirkt. Das Gespür für Berge hat er von seinem Großvater geerbt, der oft mit ihm in die Berge ging. 20 Jahre hat er in Island gelebt.

Vor der Fahrt wird kontrolliert.
Vor der Fahrt wird kontrolliert.
- Foto TT / Rudy De Moor

Und vor 20 Jahren kam er erstmals in seine neue Heimat nach Tirol, half beim Aufbau für den Air+Style mit und entdeckte dabei sein Gespür für den Schanzenbau. Einige Jahre lang fuhr er in den Alpen von Park zu Park, bis er sesshaft wurde. Die Seegrube hat es ihm angetan. „Es ist ein kleiner Park, aber die Leute hier heroben haben ein Herz für die Freestyler“, sagt er und wirbt für einen Contest ab dem 16. März („Nordkette Sane! Spring Break“). Dafür baut er den ganzen Park noch einmal um. Das heißt vermutlich, dass er wieder die eine oder andere Nachtschicht einlegt. Es wirkt, als würde er sich fast danach sehnen. „Die Dämmerung und der Sonnenaufgang hier heroben, ganz allein, das hat schon was.“ Er zückt sein Smartphone und spielt ein Video ab. „Schau dir das an.“

Der Freund. Auf dem Video sieht man einen Fuchs. „Das ist mein Freund, der kommt schon ein paar Jahre hierher. Da gräbt er ein Loch direkt neben der Pistenraupe. Scheu ist der nicht mehr.“ Heuer habe er zum ersten Mal auch einen Hasen in der Nacht gesehen, aber der sei noch nicht so zutraulich. Vielleicht im nächsten Jahr. Wenn sich ein Fuchs, ein Hase und ein Isländer auf der Seegrube wieder „Gute Nacht“ sagen.