Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 16.03.2019


Bezirk Schwaz

Taub und blind die Skipiste hinunter

Der Schwede Tobjörn Svensson ist seit sieben Jahren taubblind. Das hält den 35-Jährigen nicht davon ab, als Finkenberger Stammgast jährlich am Penken Ski zu fahren und ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

An Tobjörns Arm sieht man einen der Vibrationsstifte, die ihm beim Skifahren die Richtung angeben.

© DählingAn Tobjörns Arm sieht man einen der Vibrationsstifte, die ihm beim Skifahren die Richtung angeben.



Von Angela Dähling

Finkenberg – Was er noch sehen kann, gleicht dem Blick durch einen Strohhalm. Was er noch hören kann, ist ein Brei aus leisen Geräuschen. Tobjörn Swensson leidet am Usher-Syndrom, einer erblichen Blindtaubheit. „Von Kindheit an hörte ich fast nichts. Als ich 28 Jahre alt war, bemerkte ich eine Sehfeldbeeinträchtigung. Da stellten die Ärzte dann die Erbkrankheit fest und sagten mir, dass ich erblinden würde“, erzählt der 35-Jährige.

Für den freiheitsliebenden Motorradfahrer und hauptberuflichen Lkw-Fahrer brach eine Welt zusammen. Seiner Verzweiflung gab er in Strichmännchen-Bildern Ausdruck und in einem Internetblog. Schließlich wichen Wut und Verzweiflung einem Kampfgeist und einer Lebensfreude, die ihn in Schweden zu einer Art Berühmtheit gemacht haben. Seine Kunst kann man inzwischen u. a. in Form von bedruckten T-Shirts kaufen.

Tobjörn Svensson mit Sofia Lundin (l.) und Lena Bellman. Sofia „ersetzt“ seine Sehkraft, indem sie mit Zeichen auf seinem Rücken mitteilt, was um ihn herum passiert. Lena „übersetzt“ das Gesprochene des Gegenübers mit Handzeichen, die Tobjörn erspürt.
Tobjörn Svensson mit Sofia Lundin (l.) und Lena Bellman. Sofia „ersetzt“ seine Sehkraft, indem sie mit Zeichen auf seinem Rücken mitteilt, was um ihn herum passiert. Lena „übersetzt“ das Gesprochene des Gegenübers mit Handzeichen, die Tobjörn erspürt.
- Dähling

„Ich war frustriert, weil mir die Gesellschaft nicht half. Aber dann begann ich für meine Menschenrechte zu kämpfen. Denn nicht meine Krankheit, sondern der Umgang der Gesellschaft damit ist das Problem. Sie wertet dich ab. Dabei ist jeder gleich viel wert“, sagt Svensson in fließendem Englisch. Er spricht schnell und so deutlich, dass man kaum glauben kann, dass er praktisch nichts hört. „Ich eignete mir dafür Praktiken an, weil ich ja schon von Kindheit an taub bin“, erklärt er. Er antwortet rasch auf Fragen – obwohl er sie weder hört noch von den Lippen seines Gegenübers ablesen kann. Er erfühlt sie stattdessen über die Hand seiner Übersetzerin Lena Bellman. Dank Sofia Lundin weiß er auch, was um ihn herum passiert: ob sein Gegenüber lacht zum Beispiel. Lena schreibt es ihm mit Zeichen auf den Rücken.

Die Vibrationsfernbedienung hat Sofia beim Skifahren am Handgelenk.
Die Vibrationsfernbedienung hat Sofia beim Skifahren am Handgelenk.
- Dähling

„Das ist natürlich anstrengend für uns alle drei. Und wir brauchen auch mal Pausen“, sagt Svensson. Auch das Erlernen der Gebärdensprache war nicht ohne. Aber es lohnte sich. Auch dass er sich dafür eingesetzt hat, Gebärdendolmetscher zu erhalten. Denn jetzt kann er am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. „Ich möchte auch anderen Taubblinden Mut machen, Hilfe einzufordern und anzunehmen. Denn wenn du die richtige Hilfe bekommst, kannst du fast alles“, sagt Svensson. Seit seinem zweiten Lebensjahr macht er in Finkenberg Skiurlaub. „Ich kenne das Skigebiet am Penken daher wie mein Wohnzimmer. Weiß, wie welche Piste verläuft, wo ein Zaun steht und wo welcher Lift ist.“

Diese Woche wedelte Tobjörn Svensson mit seinen Dolmetscherinnen die Pisten wieder hinab wie jede andere Skifahrergruppe. Nur die grellgelbe Weste mit dem Taubblinden-Zeichen weisen auf seine Krankheit hin. „Mit der Sonne im Rücken kann ich Lenas Weste vor mir erkennen und ihr nachfahren“, erzählt er. Sofia fährt hinter ihm mit einer Fernbedienung am Handgelenk. „Ich habe vier Vibrationsstifte am Körper, die sie aktivieren kann. Vibriert es am linken Arm, muss ich weiter links fahren; am rechten weiter rechts. Vibration am Hals bedeutet ,geradeaus‘ und an der Hüfte ,Stopp!‘“, schildert der Vater einer Tochter (7) und eines Sohnes (4). In seine Freundin, die ebenfalls Sofia heißt, hat er sich nicht auf den ersten Blick, aber auf den ersten Händedruck verliebt: Die Gebärdensprachendometscherin lernte ihn bei ihrer Arbeit kennen.