Letztes Update am So, 17.03.2019 07:05

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Mallorca ohne viel Schweiß erkunden

Warum sich anstrengen, wenn es auch ohne Quälerei geht? Mit dem E-Bike kommen Radfahrer (ohne sportliche Ambitionen) auf Mallorca gut vorwärts – und haben genug Zeit für eine Weinprobe, einen Abstecher ins Meer oder einen Kaffee an der Strecke.

Eine Verheißung: Blick auf Port de Pollença.

© iStockphotoEine Verheißung: Blick auf Port de Pollença.



Text und Fotos: Dorothee Schöpfer

Doris Keller (links) kennt die schönsten Plätze Mallorcas – hier oberhalb von Sant Vincenç.
Doris Keller (links) kennt die schönsten Plätze Mallorcas – hier oberhalb von Sant Vincenç.
- Dorothee Schöpfer

Rennradfahrer, das sind diese Typen, die kein Gramm zu viel auf den Rippen haben und tief über dem Lenker hängen. „Asphalt fressen statt Mandelkuchen“ lautet ihre Devise. Doris Keller ist Rennradfahrerin. Aber glücklicherweise keine, die solchen Klischees entspricht.

Die 65-Jährige ist weder spindeldürr noch vom Kampf gegen den inneren Schweinehund geplagt. Doris Keller ist Schweizerin und hat die Ruhe weg. Sie lässt im Nordosten Mallorcas ihr Rennrad in der Garage stehen und führt stattdessen Gäste mit dem E-Bike. Wer mit auf Tour geht, muss sich nicht schämen, wenn er keine Radlerhose besitzt und sich beim Satteleinstellen des Miet-Pedelecs schwertut.

Doris ist Guide beim Schweizer Radveranstalter Huerzeler, der seit den 80er-Jahren auf Mallorca Radlergruppen über die Insel führt. Die Gruppen werden nach Ausdauer eingeteilt: von „Speed“ über „Touren“, „Hobby“, „Fun“ bis zu „Plausch“. Die E-Bike-Gruppen, die Huerzeler seit 2018 anbietet, sind noch einmal eine Klasse für sich – genügend Zeit zum Plauschen, hochdeutsch plaudern, ist da immer eingeplant.

Ein Weg nur für die Radler

Playa del Muro im Nordosten Mallorcas ist der Stützpunkt von Doris. Dort sind die Sandstrände üppig, Hotel reiht sich an Hotel. Im Sommer ist dort an Radfahren nicht zu denken, aber im Frühjahr und im Herbst lohnt es sich, den Liegestuhl gegen den Sattel einzutauschen. Die Tour von Playa de Muro bis nach Port de Pollença ist genau richtig für die Plauschgruppe. Über das Hinterland, vorbei an einem Pferdehof, Windmühlen, von mit Mäuerchen umgrenzten Feldern, führt sie auf asphaltieren Straßen fast eben bis an die kleine Hafenstadt. Dass die bei Radtouristen äußerst beliebt ist, sieht man an der Streckenführung: Die Radfahrer haben ihre eigene Spur und dürfen dort nicht schneller als 20 km fahren, so steht es auf der Straße geschrieben.

Nach der Radtour lockt die Abkühlung am Strand von Sant Vincenç.
Nach der Radtour lockt die Abkühlung am Strand von Sant Vincenç.
- Dorothee Schöpfer

Doris weiß, auf welcher Res­taurantterrasse in Port de Pollença der Kaffee besonders gut schmeckt.

Wenn E-Bike-Fahren Genussradeln ist, ist die Pause dabei das Achtsamkeitstraining. Wie wohlig sitzt es sich mit Blick auf Bucht, Hafen und das tiefblaue Meer in der Vormittagssonne. Zurück geht es mit Unterstützung Stufe 2 von insgesamt 4 am Meer entlang auf dem ausgebauten Radweg.

Falls dort ein Schlagloch oder eine Wurzel den Komfort stört, weist Doris, die immer vorneweg fährt, mit der Hand nach unten: Aufpassen, heißt das. Wenn sie den rechten Arm nach oben streckt, wissen alle: Gleich wird angehalten, weil es eine Straße zu überqueren gibt oder weil jemand ein Foto von der Bergkette um den Puig Tormir schießen möchte.

Genug Zeit für eine Weinprobe

Wer es mit der Plauschgruppe gemütlich angehen lässt, hat am Nachmittag Zeit für ein Bad im Meer. Oder für eine Weinprobe: Die Weine, die am Abend im Hotel so fein schmecken, lassen die Eigentümer des Grupotels Parc Natural auf einem eigenen Weingut anbauen. 1968 hat Miguel Ramis das ers­te Grupotel im Nordosten Mallorcas gebaut. Heute sind es 22 Häuser und viele davon sind auf Radtouristen eingestellt: In der Tiefgarage gibt es einen Fahrradkeller mit Werkzeug, am Frühstücksbüffet kann man sich Sandwiches für unterwegs machen. Das Weingut Son Ramon bei Muro wäre mit dem Rad in einer halben Stunde zu erreichen.

Bloß kein Stress“ ist das Motto der Plauschgruppe.
Bloß kein Stress“ ist das Motto der Plauschgruppe.
- Dorothee Schöpfer

Aber für Gruppen organisiert das Hotel einen Shuttle-Bus. Sieben Probiergläser und eine prächtige Jause am Pool des Weingutes später, weiß man, warum.

100.000 Liter Wein werden jährlich auf Son Ramon produziert, die junge Kellermeisterin Cati Pico baut dort Chardonnay an (die Trauben werden im August schon geerntet), aber auch Syrah, Cabernet, Moscat und Prensal. Auf der Finca des Weinguts, das aus dem 17. Jahrhundert stammt, lassen sich gut Feste feiern: Bei Hochzeitspaaren ist die Location mit dem eindrucksvollen historischen Weinkeller mit seinen riesigen Holzfässern, dem Gutshaus mit antiken Möbeln und der Terrasse mit grandiosem Ausblick über die Rebenreihen in der Ebene sehr beliebt.

Der Tipp für den Weinkeller stammt nicht von Doris, der Vorschlag, den Traumstrand von Cala San Vicente zu erradeln, schon. Es geht ganz nach oben in den Norden Mallorcas und der Weg auf der Autostraße, auf der kaum Autos unterwegs sind, führt tatsächlich den einen oder anderen Hügel hinauf. Mit Stufe 3 kommt man aber auch dabei nicht ins Schwitzen. Der Dunst hängt noch in den Wäldern. So viel Grün, so wenig Häuser, welch ein Kontrast zu der Touristenhochburg Playa de Muro.

In Serpentinen geht es hinunter zur Bucht von Cala Sant Vicenç, zum Glück hebt Doris jetzt den Arm. Auf dem Mäuerchen mit Blick auf Felsen und Meer könnte man lange sitzen und das Blau aufsaugen. Noch ein paar Kurven und der Sandstrand liegt vor uns.

Der eingebaute Rückenwind

Im Café sitzt Peter, der Mann von Doris, der mit seiner Rennradeltruppe unterwegs ist. Die Männer in ihren Trikots sehen nach „Tour“ aus, auf jeden Fall sind sie verschwitzt. „Die Räder müsst ihr nicht abschließen“, sagt Doris, „hier kommt nichts weg.“ Darauf ein Glas Cava – auf eine lange Rast und den eingebauten Rückenwind für den Weg zurück.




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