Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 23.03.2019


Pitztaler Gletscher

Charly Neururer: Mit 470 PS durch den Stollen

Vor 35 Jahren wurde der Betrieb am Pitztaler Gletscher aufgenommen. Seit damals arbeitet Charly Neururer als Wagenbegleiter des Gletscherexpress. 200 Mio. Höhenmeter hat er so gesammelt.

Charly Neururer arbeitet seit 35 Jahren als Wagenbegleiter des Gletscherexpress im Pitztal.

© Thomas Boehm / TTCharly Neururer arbeitet seit 35 Jahren als Wagenbegleiter des Gletscherexpress im Pitztal.



Von Judith Sam

St. Leonhard – Karl Neururers Beruf ist ein ständiges Auf und Ab. Wortwörtlich. Legt er doch pro Tag mehr Höhenmeter zurück als manch anderer im ganzen Leben. „Bis zu 50.000 sind es pro Schicht“, erklärt der Wagenbegleiter des Gletscherexpress im Pitztal. Kaum ausgesprochen, drückt er den „Fertig“-Knopf auf dem Schaltpult vor sich, die Schrägstollenbahn setzt sich in Bewegung und Neu­rurer sagt: „Nennt’s mich ruhig Charly.“ Mehr Worte verliert er während der kommenden acht Minuten nicht, denn die ganze Aufmerksamkeit des 59-Jährigen gilt der Technik.

Während die Bahn mit zwölf Metern pro Sekunde empor zu den Pisten gleitet, blickt Charly abwechselnd auf das Display der Kameras, die quasi als Rückspiegel dienen, seine Armaturen und die Gleise. Vier Elektromotoren, die in der Bergstation montiert sind und Charlys Wagen via Zugseil ziehen, sorgen für sanftes Ruckeln. Das wird von Stofftieren unterstrichen, die über Charlys Kopf baumeln.

Charly Neururer  damals.
Charly Neururer damals.
- Thomas Boehm / TT

Je nach Saison – ob Fasching, Ostern oder Advent – dekoriert der Pitztaler sein „Cockpit“ um. Schließlich soll das Arbeitsumfeld wohnlich wirken – was in einem Stollen ohne Tageslicht nicht so einfach ist.

1100 Höhenmeter später findet Charly endlich wieder Worte: „Ich bin in Mittelberg aufgewachsen. Schöne Gegend, aber Job hat man hier keinen gefunden. Darum habe ich in den 70ern für eine Reuttener Baufirma gearbeitet.“

Ein glücklicher Zufall, denn die war 1980 für den Bau der Plattform zuständig, auf der die Talstation des Gletscherexpress steht. „Dabei habe ich den Bahnchef kennen gelernt, der mich gleich als Wagenbegleiter angestellt hat. Jetzt muss ich morgens keine zwei Minuten zur Arbeit gehen“, sagt der Vater einer Tochter.

Ausbildung war keine notwendig: „Während der automatisierten Fahrt gilt es nur darauf zu achten, dass alles reibungslos abläuft. Ich kann weder Gas geben noch bremsen. Dafür müsste ich den Betriebsleiter anfunken, der dann von außen eingreift.“

Jeden Morgen, bevor er losfährt, überprüft er die Räder, Schläuche und Türen „seiner“ Bahn.
Jeden Morgen, bevor er losfährt, überprüft er die Räder, Schläuche und Türen „seiner“ Bahn.
- Thomas Boehm / TT

Doch keine Sorge: Käme es zu einem Zwischenfall, könnte Charly in Sekundenschnelle die Schienenzahnbremse aktivieren: „Die verhindert, dass der Express ins Tal rauscht, wenn etwa das Zugseil reißt.“

Technische Raffinessen wie diese geben Charly so viel Vertrauen, dass er selbst nach der Brandkatastrophe in der Kaprunner Gletscherbahn, bei der vor 19 Jahren 155 Menschen starben, nicht mit seinem Beruf haderte: „Am Morgen nach der Tragödie habe ich wie jeden Tag die Türen, Schläuche und Räder der Bahn gewartet und bin losgefahren. Ich vertraue ihr. Seit 35 Jahren.“

Eine lange Zeit, in der Charly mit seinem 470-PS-Express auch so manchen prominenten Gast auf den Gletscher „chauffiert“ hat: „Im Herbst trainiert Skistar Marcel Hirscher oft bei uns. Morgens begrüßt er mich immer mit Handschlag.“ Beim Gedanken daran erfüllt ein stolzes Lächeln Charlys Gesicht: „Vor einiger Zeit kam ein Profi-Langläufer zu Besuch – allerdings nicht zum Wintersporteln. Er hat gemessen, wie schnell er die 11.300 Stufen, die als Nottreppe neben der Bahn durch den Stollen führen, nach oben sausen kann.“

Der Rekord liegt bei 42 Minuten. Charly braucht knapp die doppelte Zeit: „Egal. Ich konzentriere mich lieber auf Meteorologie als auf Sport im Stollen. Mir ist nämlich aufgefallen, dass man anhand des Nebels im Tunnel das Wetter vorhersagen kann. Zwei Tage bevor es schlecht wird, ziehen Nebelschleier auf.“

Der Höhenunterschied, dem Charly während seiner „Forschung“ ausgesetzt ist, setzt ihm übrigens nicht zu: „Manche Touristen klagen nach der Fahrt über Ohrenschmerzen. Ich bin das gewöhnt und hatte nie Probleme.“ Und das trotz der knapp 200 Millionen Höhenmeter, die er im Laufe seiner Karriere zurückgelegt hat.

Pünktlich zur Jubiläumswoche des Pitztaler Gletschers, die heute beginnt (www.pitztal.com), hat Charly seine Kabinen-Deko angepasst: „Ich habe sogar Süßigkeiten dabei!“ Junge Besucher, die davon naschen wollen, finden Charly in seinem Wagen – leicht zu erkennen an der „1“ auf der Windschutzscheibe.


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