Letztes Update am Mo, 25.03.2019 08:45

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„Free Solo“: 975 Meter ohne jede Sicherung auf den „El Capitan“

Der oscargekrönte Dokumentarfilm „Free Solo“ zeigt Alex Honnolds atemberaubende Besteigung des El Capitan ohne Seil und andere Hilfsmittel. Hansjörg Auer kann die Leistung durchaus nachvollziehen, hat der Ötztaler doch selbst eine 900 Meter hohe Erfahrung im Free-Solo-Klettern.

"Free Solo" hat den Dokumentarfilm-Oscar gewonnen.

© National Geographic/Jimmy Chin"Free Solo" hat den Dokumentarfilm-Oscar gewonnen.



Von Matthias Christler

„Das ist ein echt großer Fels.“ Der Gedanke, der Alex Honnold an diesem Tag vor zwei Jahren durch den Kopf ging, als er die gesamte Ostwand des El Capitan entlanglief, hielt ihn nicht von seinem Vorhaben ab. Er kletterte die 975 Meter hohe, fast senkrechte „Freerider“-Route im Yosemite-Nationalpark durch. In unter vier Stunden. Ohne Seil. Ohne Sicherung. Ohne jede Hilfe. „Free Solo“ nennt sich diese Art des Kletterns und so heißt auch der Film über diese herausragende Leistung. Bei der Oscarverleihung vor einigen Wochen wurde „Free Solo“ als bes­ter Dokumentarfilm ausgezeichnet. Seit dieser Woche läuft er in den österreichischen Kinos.

Guter Tipp: Wer Höhenangst hat, sollte den Film meiden. Der Protagonist, der 33-Jährige Honnold, der aus Kalifornien stammt und seit seinem elften Lebensjahr klettert, hat ohnehin eine ganz spezielle Beziehung zur Angst. „Ich habe sehr viel Erfahrung damit, wahrscheinlich mehr als die meisten Menschen. Und ich glaube, das erlaubt mir zu differenzieren, wann ich wirklich in Gefahr bin und wann ich entsprechend handeln sollte“, sagte er in einem Interview im Rahmen der Filmpräsentation.

Es dreht sich alles um den einen Moment. Nicht den, in dem man den Halt verlieren könnte und ins nahezu Bodenlose stürzt. Nein, den Moment, in dem man sicher ist, dass man nie Gefahr läuft, den Halt zu verlieren. Bei Honnold waren es sechs oder sieben Jahre, in denen er immer wieder vor dem Felsen stand, sich aber nicht sicher war und besser seine kräftigen Hände davon ließ.

Schon als Jugendlicher kletterte der Salzburger Thomas Bubendorfer (1962 geboren) erste Wände Free Solo. Es folgten viele weitere seilfreie Alleinbesteigungen. 2017 stürzte er beim Eisklettern mit Seil ab und verletzte sich schwer.
Schon als Jugendlicher kletterte der Salzburger Thomas Bubendorfer (1962 geboren) erste Wände Free Solo. Es folgten viele weitere seilfreie Alleinbesteigungen. 2017 stürzte er beim Eisklettern mit Seil ab und verletzte sich schwer.
- APA

Der Ötztaler Kletterer Hansjörg Auer kann dieses Warten auf den richtigen Moment gut nachvollziehen. „Wenn man Free Solo klettern will, muss alles zusammenpassen. Und man muss sehr ehrlich zu sich selber sein, ob man an diesem Tag die Fähigkeiten hat und ob das Gefühl bei einem selber stimmt. Diese­ Momente hat man nicht sehr oft“, sagt der 35-Jährige. Vor zwölf Jahren, am 27. April 2007, gab es bei ihm diesen Moment. Er kletterte an der mehr als 900 Meter hohen Marmolata-Südwand die 37 Seillängen der Route „Weg durch den Fisch“ in unter drei Stunden. Diese Leis­tung des damals erst 23-Jährigen gilt bis heute als eine der spektakulärsten in der Free-Solo-Kletterei. Vergleichen will er seine mit der von Honnold am El Capitan jedoch nicht. „Am Capitan geht es mehr ums Rissklettern im Granit, in der Marmolata klettert man am Kalk, beides hat seine Schwierigkeiten. Ich finde, beide Routen sind so speziell, dass man sie gar nicht vergleichen darf.“

Sowohl bei Einseil- als auch bei Mehrseillängen hat Alexander Huber (1968 geboren), einer der beiden „Huberbuam“, schwierige Routen ohne Seil und andere Sicherungsmittel geklettert. Darunter war 2004 z. B. eine 8b+ (franz. Schwierigkeitsgrad).
Sowohl bei Einseil- als auch bei Mehrseillängen hat Alexander Huber (1968 geboren), einer der beiden „Huberbuam“, schwierige Routen ohne Seil und andere Sicherungsmittel geklettert. Darunter war 2004 z. B. eine 8b+ (franz. Schwierigkeitsgrad).
- APA/BARBARA GINDL

Auch die beiden Kletterer, die eine lange Tradition von Free-Solo-Begehungen fortsetzen (siehe unten), haben ihre eigene Art. Bei Honnold kreisten Drohnen über dem Kopf, während er sich am El Capitan hochhangelte. Jetzt muss er auf vielen roten Teppichen wie bei der Oscarverleihung über seine Leistung reden. Auer ist eher der stille Vertreter, der selbst sagt, dass ihn Aufnahmen bei der Free-Solo-Begehung gestört hätten. Beide haben aber den für sie richtigen Moment erwischt. Auer sagt dazu: „Man braucht einen ganz frechen Zugang, um solche Sachen zu machen. Aber man muss auch aufpassen, dass einen dieses sehr, sehr intensive Erlebnis nicht zu süchtig macht.“ Die Momente, in denen alles zusammenpasst, sagt Auer, so ehrlich muss er zu sich selber sein, „werden immer weniger“.

Die Dokumentarfilmer Jimmy Chin, Elizabeth Chai Vasarhelyi mit ihrem Protagonisten nach dem Gewinn des Oscars.
Die Dokumentarfilmer Jimmy Chin, Elizabeth Chai Vasarhelyi mit ihrem Protagonisten nach dem Gewinn des Oscars.
- AFP