Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 26.03.2019


Bezirk Schwaz

12.000 defekten Dingen in Tirol neues Leben geschenkt

Vor fünf Jahren fand in Pill das erste Repair Café statt. Inzwischen weist Tirol weltweit die höchst Dichte dieses ehrenamtlichen Services auf.

Ob Haushaltsgerät, Hose oder Regenschirm: In den Repair Cafés wird seit 2014 mit Fachwissen und Kreativität gemeinsam repariert.

© repair caféOb Haushaltsgerät, Hose oder Regenschirm: In den Repair Cafés wird seit 2014 mit Fachwissen und Kreativität gemeinsam repariert.



Schwaz – Vor zehn Jahren organisierte Martine Postma das erste Repair Café in Amsterdam. Aus der kleinen Idee wurde eine weltumspannende Bewegung mit über 1700 Repair Cafés von Chile bis Australien, von Ägypten bis Kanada.

Vor fünf Jahren, am 8. März 2014, fand auch das erste Repair Café in Tirol in Pill statt und mauserte sich zu einer Erfolgsgeschichte. „Dabei waren anfangs sogar die Holländer skeptisch, ob die Idee des gemeinsamen Reparierens auch in so einem kleinen Ort funktionieren könne. Bald war aber klar, die Tiroler lieben ihr Repair Café“, blickt die Initiatorin Michaela Brötz zurück. Inzwischen haben über 200 Cafés in Tirol stattgefunden, bei denen ca. 12.000 Geräte, Räder und Textilien den ehrenamtlich tätigen Experten zur gemeinsamen Reparatur mit deren Besitzern übergeben wurden. Laut Brötz gelingen rund 60 Prozent der Reparaturen sofort, 17 bis 20 Prozent teilweise (indem etwa ein Ersatzteil zu kaufen ist) und 20 Prozent sind irreparabel. Meist haben die defekten Stücke einen Anschaffungswert von unter 100 Euro – eine Reparatur im Fachgeschäft kostet da im Verhältnis zum Neupreis oft zu viel. Inzwischen hat beinahe jedes Repair Café ein fixes Team an ehrenamtlichen Fachleuten. Meist einen Elektriker, einen Elektroniker, eine Schneiderin, einen Radbastler und einen Allrounder. „Einer davon, ein syrischer Flüchtling, der im Innsbrucker Repair Café als Schneider einspringt, hat sich inzwischen selbstständig gemacht“, schildert Brötz, die viele Geschichten zu erzählen hat. Wie die vom gut situierten Mann, der eine Hose brachte, die nur noch aus Flicken bestand. „Es war seine Lieblingshose und seine Frau wollte sie nicht mehr flicken. Da bat er uns.“ Das Publikum ist im Laufe der Zeit jünger geworden. War es einst vor allem die Generation 60+, sind es jetzt vermehrt junge Familien, die ins Repair Café gehen.

In 50 Gemeinden, also jedem sechsten Tiroler Dorf, wird inzwischen ehrenamtlich repariert. „Damit haben wir es hier in Tirol zur weltweit größten Dichte an Repair Cafés geschafft. Und das mit null Budget“, lautet Börtz’ Jubiläumsbilanz. So viel Erfolg wird gefeiert: Diesen Samstag, den 30. März, von 9 bis12 Uhr im Knappensaal des SZentrum (Stadtgalerien) wird gemeinsam geschraubt, geflickt und erklärt. Brötz: „Dazu gibt es wieder Kaffee und Kuchen und zur Feier des Tages auch ein bissl Sekt.“ (TT, ad)