Letztes Update am So, 31.03.2019 06:40

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Ein großer Unbekannter im Brennpunkt der Geschichte

Während Heinrich Harrer mit „Sieben Jahre in Tibet“ weltberühmt wurde, stand sein Gefährte Peter Aufschnaiter zeitlebens in dessen Schatten. Dabei hätte es ohne den Tiroler kein Abenteuer am „Dach der Welt“ gegeben, wie seine Biografie nun zeigt.

Peter Aufschnaiter beim Vermessen von Lhasa, dahinter der Potala-Palast.

© Völkerkundemuseum der UniversitäPeter Aufschnaiter beim Vermessen von Lhasa, dahinter der Potala-Palast.



Von Silvana Resch

Sein Buch konnte er nicht mehr fertig stellen. Peter Aufschnaiter, der gewissenhafte und tatkräftige Tiroler Bergsteiger, Agrarökonom und Forschungsreisende, bezeichnete sein Tibet-Manuskript kurz vor seinem Tod im Oktober 1973 noch als einen „rohen Felsklotz“. Mit dem Buch „Er ging voraus nach Lhasa“ ist nun aber, knapp fünf Jahrzehnte später, eine umfassende, penibel recherchierte Aufschnaiter-Biografie erschienen. Darin lässt der deutsche Historiker Nicholas Mailänder den gebürtigen Kitzbüheler selbst ausführlich zu Wort kommen. Co-Autor Otto Kompatscher hatte Aufschnaiters Tagebücher – in Gabelsberger-Stenografie verfasst – rückübertragen. Auszüge daraus geben Einblick in das außergewöhnliche Leben einer außergewöhnlichen Persönlichkeit – eine Persönlichkeit, die für den Leser mitunter schwer zu fassen ist. „Es ist nicht leicht, Aufschnaiter einzufangen“, bestätigt Experte Otto Kompatscher.

Privates vertraute der zurückhaltende Tiroler nämlich auch seinen Tagebüchern nicht an. Die Auseinandersetzung mit dem vielseitigen Entdecker lohnt sich dennoch. „Meine Faszination hat nicht nachgelassen“, sagt Mailänder, der sich zehn Jahre lang mit dem Thema befasst hat.

Dabei war Aufschnaiters Geschichte eigentlich längst der ganzen Welt bekannt. Der 1899 geborene Sohn eines Tischlers schien aber nur Randfigur zu sein – eine Randfigur in seinem eigenen Abenteuer. Heinrich Harrer, Aufschnaiters langjähriger Weggefährte, hatte mit „Sieben Jahre in Tibet“ 1952 einen Bestseller vorgelegt, einen packenden Abenteuerbericht, der sich auch in den USA millionenfach verkaufte. Dass ihm Harrer, was die „Ausbeutung unserer Erlebnisse in Wort und Schrift“ anbelangt, „den Rang ablaufen“ würde, war Aufschnaiter bereits 1951 klar. Dabei gilt der Tiroler als Kopf und treibende Kraft des Unterfangens.

Harrers autobiografisches Werk, in dem seine Freundschaft mit dem Dalai Lama im Zentrum steht, wurde 1997 verfilmt. Hollywood-Star Brad Pitt als Heinrich Harrer und David Thewlis als Peter Aufschnaiter erhielten dafür lebenslanges Einreiseverbot in die Volksrepublik China. Denn auch wenn der Streifen eher im Reich der Fiktion anzusiedeln ist, so basiert er doch auf wahren Begebenheiten.

Tatsachen, die ein unschönes Licht auf den chinesischen Einmarsch in Tibet werfen. Vor genau 60 Jahren kam es zum Volksaufstand gegen die Besatzungsmacht, seitdem sind laut der NGO „Save Tibet“ fast eine Million Tibeter umgekommen. Die Menschenrechtslage ist bis heute prekär, durch die gezielte Umsiedlungspolitik der chinesischen Regierung laufen die Tibeter Gefahr, Minderheit im eigenen Land zu werden.

Peter Aufschnaiter mit tibetischen Würdenträgern und Freunden 1950.
Peter Aufschnaiter mit tibetischen Würdenträgern und Freunden 1950.
- Völkerkundemuseum der Universitä

Als die beiden Österreicher auf ihrer Flucht aus dem britischen Internierungslager 1944 die Grenze zu Tibet passierten, bot sich ihnen noch ein ganz anderes Bild des Landes. Ausländern war die Einreise nicht erlaubt. Das vielgerühmte „Dach der Welt“ präsentierte sich den beiden „Illegalen“ insgesamt als recht unwirtlich: Menschenleere Hoch­ebenen, Temperaturen teils um die minus 40 Grad, Wegelagerer und rund 50 Pässe, allesamt über 5000 Meter hoch, die es zu überwinden galt. 21 Monate und mehr als 2000 Kilometer Fußmarsch später trafen die beiden Bergsteiger am 15. Jänner 1946 völlig zerlumpt und abgerissen in der verbotenen Stadt Lhasa ein. Um nicht zu erfrieren, hatten sie Rücken an Rücken geschlafen, dennoch blieben die Schicksalsgenossen auch weiterhin per Sie. Erst wenige Jahre vor seinem Tod habe ihm der gut 13 Jahre ältere Aufschnaiter das Du-Wort angeboten, so Harrer in einem Interview.

Kinder ihrer Zeit

Im Zuge der Bestseller-Verfilmung waren auch über den Kärntner Erstbezwinger der Eiger-Nordwand unschöne Details ans Licht gekommen. Seine NS-Vergangenheit hatte Heinrich Harrer nämlich geflissentlich vergessen. Ende der 1990er-Jahre damit konfrontiert, erklärte er, lediglich aus opportunistischen Gründen SA-Mitglied geworden zu sein. Dieser „dumme Fehler“ war ihm bereits 1933 unterlaufen. Zu einem Zeitpunkt, als die SA in Österreich noch illegal war.

Auch der in München zum Diplom-Landwirt ausgebildete Peter Aufschnaiter trat 1933 der NSDAP bei. Er war in Kitzbühel in einem sportlich-alpinistischen Umfeld großgeworden, die politische Ausrichtung beschreibt Mailänder als „stramm großdeutsch“ und „dezidiert antisemitisch“.

Deutscher Schicksalsberg

Die deutsche Propagandamaschinerie war 1939 voll angelaufen, als Harrer und Aufschneiter als der Leiter einer insgesamt vierköpfigen Expedition Richtung Nanga Parbat aufbrachen. Es galt die Diamirflanke des „deutschen Schicksalsbergs“ zu erkunden. Dieses Abenteuer endete nach Ausbruch des Krieges in einem britischen Internierungslager. Der Auftakt zum weitaus größeren Abenteuer.

Die Zeit im Lager vertrieb sich der eigenbrötlerische Aufschnaiter mit Studien, er übte sich unter anderem im Kartenzeichnen und der tibetischen Sprache. Bereits als Vorzugsschüler in Kufstein hatte das Sprachentalent Hindi, Nepali und Tibetisch gelernt.

Heinrich Harrer versuchte derweil immer wieder auszubrechen. Mit Aufschnaiter, der diesbezüglich ebenfalls schon wertvolle Erfahrungen gesammelt hatte, und fünf weiteren Gefährten gelang schließlich die Flucht.

Der Streifen "Sieben Jahre in Tibet" rückt Religion und Spiritualität in den Vordergrund.
Der Streifen "Sieben Jahre in Tibet" rückt Religion und Spiritualität in den Vordergrund.
- Imago

Tibet erreichten aber nur die beiden höchst ungleichen Männer. Auch Heinrich Harrer war schon bald der tibetischen Sprache mächtig. „Zwei Weiße, die relativ gut Tibetisch sprechen konnten, mit guten tibetischen Umgangsformen, das war eine Sensation“, erklärt Mailänder. Ohne die Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft der Tibeter wäre die „mythische Reise“ der beiden rasch zum Scheitern verurteilt gewesen.

In Lhasa angekommen, konnten die beiden Männer ihrer drohenden Abschiebung zum Trotz aber schon bald ihre Talente unter Beweis stellen. Aufschnaiter wurde beauftragt, einen Kanal und auch ein E-Werk zu bauen. Gemeinsam mit dem Geografen Harrer, der etwas später eine Anstellung im tibetischen Außenamt fand, erstellte Aufschnaiter höchst präzise Karten von Lhasa.

Vielseitige Forschungen

Der „Workaholic“ Aufschnaiter erprobte neues Saatgut, machte Klimaufzeichnungen, kartografierte die Landschaft, beschäftigte sich mit Flora und Fauna und betrieb archäologische Ausgrabungen. Einen Hinweis auf ein Liebesglück des Tirolers, wie es auf der Leinwand zu sehen ist, lässt sich im Tagebuch nicht finden. An sozialen Kontakten mangelte es aber nicht. „Die geselligen Menschen mochten den extrovertierten, Geschichten erzählenden Harrer lieber, die Introvertierten, Intellektuellen zogen Aufschnaiters Gesellschaft vor“, soll der Dalai Lama gesagt haben.

Doch die unbeschwerte Zeit hatte ein Ablaufdatum. 1950 mussten sich die beiden ob der drohenden chinesischen Invasion von ihrer neuen Heimat verabschieden. Während Harrer bereits gemeinsam mit dem Dalai Lama geflüchtet war, unternahm Aufschnaiter noch ausgedehnte Touren im Süden des Landes – natürlich als Forschungsreisender. „Die wohl glücklichste Zeit in seinem Lebens“, so sein Biograf.

Peter Aufschnaiters Grab in Tirol.
Peter Aufschnaiters Grab in Tirol.
- Imago

Kein Ausländer zuvor war so lange in Tibet geblieben. Das Land, das die beiden in der letzten Hochblüte seiner Kultur erleben durften, hatte sie verändert und tief geprägt. Als „weisen weißen Mann“ bezeichneten die Tibeter Aufschnaiter, sagt Kompatscher. Ganz dem buddhistischen Ideal verpflichtet war der Kitzbüheler der Welt freundlich gesonnen, er wollte den Menschen helfen. Doch auch sein geopolitisches Interesse ist unbestreitbar, so Mailänder: „Es gibt nur wenige Leute, die an den Brennpunkten der Geschichte so mitgemischt haben wie er“ – von der deutschen Alpingeschichte über die Reise nach Lhasa bis zur Entwicklungshilfe in Nepal in den 1950er-Jahren. Öster­reich besuchte Aufschnaiter nur im Urlaub.

Auf seinem Grab in Kitzbühel wehen noch heute die tibetischen Fahnen.