Letztes Update am Di, 02.04.2019 07:06

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Magazin

Brandneue Technik und das Spiel mit dem Feuer

Die Tücken bei moderner Technik sind nicht mehr zu übersehen: abstürzende Flugzeuge, Akku-Explosionen und tödliche Autopannen. Experten erklären, warum es dazu kommt und ob man sich Sorgen wegen der immer mehr automatisierten Zukunft machen muss.

„Heute besteht die Ingenieursehre darin, etwas zu bauen, das genau so lange hält, wie es die Marketing-Abteilung anschafft.“ Sepp Eisenriegler,
Reparatur-Experte und Autor.

© iStockphoto„Heute besteht die Ingenieursehre darin, etwas zu bauen, das genau so lange hält, wie es die Marketing-Abteilung anschafft.“ Sepp Eisenriegler,
Reparatur-Experte und Autor.



Von Manuel Lutz und Matthias Christler

Die Technik sollte den Menschen unterstützen und für Sicherheit sorgen. Oft bewirkt sie genau das Gegenteil. Zuletzt sorgten die innovativsten Geräte, mit Technologien vollgepackte Autos wie bei Tesla oder nagelneue Handys wie von Samsung, für böse Überraschungen und lösten Unfälle, auch tödliche, aus. Eine dieser Katastrophen war vor Kurzem der zweite Flugzeugabsturz einer Boeing 737 MAX, die für globale Verunsicherung sorgt. Wurde die Technik nicht ausreichend getestet? Verlässt sich der Mensch zu sehr auf moderne Systeme?

„Man darf die Technik nicht per se verdammen, sie tut uns auch ganz viel Gutes. Sowohl für die Cockpitbesatzung in einem Flugzeug wie auch im täglichen Leben. Wir alle wollen das Smartphone nicht missen“, ist für Holger Friehmelt, Institutsleiter Luftfahrt der FH Joanneum, klar. Friehmelt denkt aber auch, dass man im Cockpit nicht alles dem Computer überlassen darf. So kann dieser wie auch im Fall der Boeing mit falschen Daten gespeist sein bzw. etwas falsch interpretieren. Die Maschine verfügt über beschränkte Intelligenz und Kreativität. „Man muss sich bewusst sein, dass die Technik nur das kann, was man ihr beigebracht hat.“

Autopilot im Fokus: Tesla will mit seinen E-Motoren und den Assistenzsystemen die Automobilbranche revolutionieren. Mehrere tödliche Unfälle, in denen der Autopilot das Steuer übernommen hat, bringen den US-Konzern von Elon Musk jedoch unter Druck.
Autopilot im Fokus: Tesla will mit seinen E-Motoren und den Assistenzsystemen die Automobilbranche revolutionieren. Mehrere tödliche Unfälle, in denen der Autopilot das Steuer übernommen hat, bringen den US-Konzern von Elon Musk jedoch unter Druck.
- Reuters

Zusatzanzeigen eingespart

Im Boeing-Fall hat der Computer etwas gemacht, dies aber nicht den Piloten kommuniziert. „Bei einem Fehler darf die Maschine jedoch nicht abstürzen. So kam es zu einer Verkettung von Ereignissen. Die Software machte Dinge, die der Pilot nicht wusste“, ist für Friehmelt klar. Bizarr: Bei den aktuellen Vorfällen hätten Zusatzanzeigen wohl vor etwas Schlimmerem bewahrt, diese sind jedoch nicht standardmäßig eingebaut und nur gegen Aufpreis erhältlich. Bei dem Absturz riss die Maschine in der Folge die Autorität an sich. Ein weiterer Grund sei der zu schnelle Umstieg auf das neue Modell, wie der Luftfahrtexperte meint: „Die Besatzung wurde nicht ausreichend eingeschult. Man kann den Computer ausschalten und selbst fliegen. Das wurde nicht allen Piloten beigebracht.“

Qualitätstests sind selten

Wenn eine umfangreiche Einschulung notwendig ist, sei generell das Konzept eines Geräts schlecht, wie Peter Gredler von TÜV Austria meint. Neue Geräte müssten ohne nachzudenken und im Extremfall ohne langes Suchen in einer Gebrauchsanweisung von dem Nutzer bedient werden können, so der Leiter der Geschäftsstelle Inns­bruck: „Gut konzipierte Geräte sollten aus sicherheitstechnischer Sicht nicht viel Einschulung benötigen, und sicherheitstechnisch notwendige Eingriffe durch Personal dürfen nicht kompliziert sein.“

Auch bei Flugzeugen herrscht wie am Markt für Smartphones ein reger Konkurrenzkampf, anderen Herstellern etwas vorzulegen bzw. so schnell wie möglich nachzuziehen: „Wenn Airbus eine neue Maschine rausbringt, kommt Boeing z. B. unter Zugzwang.“ Der Gesetzgeber macht es den Unternehmen daher auch leichter, wie Gredler weiß. Nur wenige Prozente neuer Geräte müssen zuerst zu einer Prüfstelle, bevor sie in den Umlauf gehen, erklärt Gredler: „Trotz dieser Zunahme an Komplexität fordern Produktrichtlinien und Gesetze immer weniger Prüfungen durch externe Stellen, sondern überlassen die Sicherheit ihres Geräts vollkommen den Herstellern selbst.“

Lieber Rückruf als tödlicher Unfall

Bei den großen Automobil-Unternehmen hat es sich bereits herumgesprochen, dass eine Rückrufaktion weniger Imageschaden bedeutet als ein tödlicher Unfall aufgrund fehlerhafter Bauteile. Im Jahr 2017 mussten laut einer Studie des deutschen „Center of Automotive Management“ im US-Markt eineinhalb Mal mehr Autos wegen Produktionsmängeln in die Werkstatt, als neue gekauft wurden. Durch Elektromobilität, Vernetzung und (teil-)autonome Fahrfunktion würden „die Risiken allerdings in erheblichem Maße steigen“, schreibt Studienautor Stefan Bratzel. Keiner weiß das derzeit wohl besser als die Tesla-Techniker. Nachdem vor knapp drei Jahren der Autopilot ein Fahrzeug des US-Herstellers in einen Lastwagen gesteuert hatte, passierte vor wenigen Wochen das nahezu Gleiche mit dem neuen Model 3. Es entsteht der Eindruck, dass die Entwicklung des Autos, das die E-Mobilität und das autonome Fahren für alle leistbar machen soll, doch unter enormem Zeitdruck stand.

Immer wieder kommt es zu Akku-Explosionen.
Immer wieder kommt es zu Akku-Explosionen.
- APA/AFP/Gwangju Bukbu Police Sta

Beim ÖAMTC hat man die Rückrufe der vergangenen Jahre unter die Lupe genommen und urteilt über die gesamte Industrie: „Dass es mehr Rückrufe gegeben hat, liegt an zwei Gründen“, sagt Thomas Stix, der Teamleiter Technik, Test, Sicherheit und Konsumentenschutz beim ÖAMTC ist: „Einerseits ist die Sorgfalt der Hersteller, Probleme zu erkennen und zu benennen, gestiegen. Aber andererseits gibt es auch Qualitätsgründe. Die Entwicklungszeiten müssen kürzer sein, die Komplexität wird größer, mehr Systeme sind eingebaut und daher steigt die Wahrscheinlichkeit von Fehlern. Der Zeit- und Kostendruck spielt immer eine Rolle.“

Das trifft nicht nur auf die Autoproduktion zu. Der gesättigte Smartphonemarkt muss mit jährlich neuen Modellen geschwemmt werden, offensichtlich egal, ob die verbaute Technologie völlig ausgereift ist oder nicht. Das Wort „brandneu“ wird man aber in keiner Werbung mehr finden. 2016 hatte Samsung den Verkauf seines Modells Galaxy Note 7 nach zahlreichen Zwischenfällen mit explodierenden Akkus stoppen müssen.

Der Konsumtrottel denkt um

Sepp Eisenriegler hat eine Erklärung dafür, wie es sein kann, dass neue Modelle weniger verlässlich sind. „Die Kleingeräte werden nicht nur billiger produziert. Es wird auch schlechter produziert, weil es den Auftrag aus den Marketingabteilungen gibt, dass ein Gerät nicht lange halten soll“, sagt der Wiener, der seit mehr als 20 Jahren ein Reparaturunternehmen betreibt und mit dem Buch „Konsumtrottel“ der Wegwerfgesellschaft den Kampf angesagt hat. „Früher gab es die Ingenieursehre, dass ich etwas bauen möchte, das möglichst lange hält. Heute besteht die Ingenieursehre darin, etwas zu bauen, das genau so lange hält, wie es die Marketing-Abteilung anschafft“, ist er sicher.

Auch Flugzeuge, die wegen der eingebauten Technik nicht mehr steuerbar sind und abstürzen, bereiten Sorgen.
Auch Flugzeuge, die wegen der eingebauten Technik nicht mehr steuerbar sind und abstürzen, bereiten Sorgen.
- AFP

Mit Wehmut erzählt der 65-Jährige, dass vor Kurzem sein Handy kaputtging. Zwölf Jahre lang habe er es immer wieder reparieren können. „Inzwischen liegt die Durchschnittsnutzungsdauer normal bei eindreiviertel Jahren“. Dennoch hat er inzwischen wieder Hoffnung. Weil den Unternehmen langsam die Ressourcen ausgehen. Nicht umsonst heißen Bestandteile, die es für die Display-Herstellung benötigt, „seltene Erden“. Eisenbichler meint: „Es findet schon ein Wandel vom wachstumsgetriebenen, linearen Wirtschaftssystem zu einer Kreislaufwirtschaft statt. Produkte können wieder repariert werden und die Produktnutzungsdauer wird verlängert.“ Im Idealfall würden die Elektrogeräte länger halten und besser getestet werden.

Im Luftverkehr sollte das umso mehr gelten. Aber auch wenn Friehmelt in eine Boeing 737 MAX nicht einsteigen würde, ist für den Experten das Flugzeug immer noch das sicherste Verkehrsmittel. „Letztes Jahr gab es knapp vier Milliarden Fluggäste weltweit, 400 Menschen sind tödlich verunglückt. Allein im Straßenverkehr in Österreich kamen im vergangenen Jahr 400 Menschen ums Leben.“ Wichtig sei so auch in Zukunft, dass der Mensch das Kommando behält und den Computer ausschalten kann.

Der gute alte Crash-Test-Dummy

Soll z. B. ein autonomes Fahrzeug bei Störung einer Sicherheitskomponente eine Vollbremsung machen, langsam ausrollen oder einfach weiterfahren? Auf jeden Fall sollte man das nicht zuerst am Menschen testen. Noch ein paar Runden mit dem guten alten Crash-Test-Dummy wären nicht schlecht.