Letztes Update am Mi, 03.04.2019 06:38

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Magazin

Zillertaler ist Herr über Millionen von Honigexperten

Es summt und brummt: Der Cremehonig des Hobbyimkers Walter Leo wurde zum besten Österreichs gekürt. Ein großes Lob, für das der Zillertaler so manchen Stich in Kauf nimmt.

Walter Leo ist seit 2006 Hobbyimker.


© Thomas Boehm / TTWalter Leo ist seit 2006 Hobbyimker.




Von Judith Sam

Walters Leos „Mitarbeiter“ sind emsig, gut organisiert und genügsam. Klingt optimal. Jedenfalls bis sich der „Chef“ falsch verhält. „Dann kann es schon mal zu Handgreiflichkeiten kommen. Ich werde fünf- bis zehnmal pro Jahr gestochen“, sagt der Hobbyimker, während er sich zu den Fluglöchern seines Bienenhauses hinunterbeugt.

Obwohl die Temperatur nur knapp über fünf Grad liegt, ist der Flugverkehr erstaunlich rege. Es summt und brummt, schwirrt und schwänzelt. Manche Bienen tragen winzige Pollen an den Hinterbeinchen. Andere machen erste Erkundungsflüge, um sich Bäume, Wiesen und Bäche rund um Zellberg im Zillertal einzuprägen.

Leo kniet am Waldboden vor dem Holzhäuschen und beobachtet, wie seine Schützlinge zum Landeanflug ansetzen: „In Tirol gibt es zwei Bienengattungen – Carnica und Dunkle Biene. Ich züchte Erstere, weil sie für ihre Sanftmut bekannt ist.“

Mit einem kleinen Besen kehrt er verirrte Bienen von seiner Jeans.
Mit einem kleinen Besen kehrt er verirrte Bienen von seiner Jeans.
- Thomas Boehm / TT

Der 47-Jährige erhebt sich und geht ohne Angst, aber mit Bedacht ins Innere des Gebäudes. In den Holzboxen, die dort am Boden stehen, leben sechs seiner 40 Völker: „Nach dem Winter umfasst ein Volk rund 10.000 Tiere. Bis Mai wird sich deren Zahl verdreifachen.“ Pro Volk und Jahr muss der hauptberufliche Bademeister rund zehn Stunden Arbeit inves­tieren – exklusive der Honigproduktion, wohlgemerkt.

Bester Cremehonig Österreichs

Doch der Aufwand lohnt sich. Schließlich wurde Leos Cremehonig vor Kurzem bei der „Ab Hof“-Spezialmesse in Niederösterreich mit der „Goldenen Honigwabe“ ausgezeichnet. Was der Oscar für Schauspieler bedeutet, ist die „Goldene Honigwabe“ für Imker. „Das ist österreichweit die höchste Auszeichnung“, bestätigt Anton Jestl, Schriftführer des Tiroler Landesverbandes für Bienenzucht.

Ist ein Volk fleißig, baut der Imker ein zusätzliches Rähmchen ein.
Ist ein Volk fleißig, baut der Imker ein zusätzliches Rähmchen ein.
- Thomas Boehm / TT

Während Laien bei Honig auf dessen Geschmack, die Farbe und vielleicht noch die Konsistenz achten, war die Jury deutlich anspruchsvoller. „Sie testeten etwa den Wassergehalt des Honigs. Enthält gesammelter Nektar viel Wasser, müssen Bienen das herausarbeiten, um ihn haltbar zu machen. Dafür saugen sie ihn ein und geben ihn über den Rüssel zur nächsten Biene weiter. Je öfter dieser Prozess wiederholt wird, desto mehr Enzyme enthält der Honig. Und die machen ihn für uns gesund“, sagt der ausgebildete Koch Leo.

Weiters wurde der so genannte HMF-Wert ermittelt, um Lagerschäden auszuschließen: „Lagert Honig länger als vier Jahre oder wird er über 45 Grad erhitzt, ist er zwar nicht verdorben, verliert aber seinen Gesundheitseffekt.“ Weiters durfte der pH-Wert nicht zu sauer sein, das Etikett musste die Juroren ansprechen und natürlich wurden auch Geschmack, Geruch und Farbe bewertet. Schließlich konnte Leos „Cremehonig Stilluptal“, den man auf seinem Hof in Zellberg kaufen kann, trotz 1300 weiterer Einsendungen in elf Honig-Kategorien, überzeugen.

Der dreifache Vater ruht sich jedoch nicht auf den süßen Lorbeeren aus, sondern ist schon wieder mit seinen summenden Honig­assistenten beschäftigt. Im Frühling, wenn mit den Temperaturen langsam die Motivation der Bienen steigt, gilt es nämlich deren Wohnung auszubauen.

 Leos „Cremehonig Stilluptal­“ wurde als bester Österreichs ausgezeichnet.
Leos „Cremehonig Stilluptal­“ wurde als bester Österreichs ausgezeichnet.
- Thomas Boehm / TT

Die Bienenwohnung ausbauen

„Emsige Völker erkennt man am Kondenswasser“, sagt der Imker und deutet auf eine winzige braune Lacke, die unter einer der Holzboxen, in denen ein Volk lebt, herausrinnt. Das Wasser sei ein Indiz, dass das Volk bereits intensiv brütet: „Damit ihnen der Platz nicht ausgeht, ergänze ich die Wohnung um einen Honigraum.“

Gesagt, getan. Leo hebt andächtig den Holzdeckel von einer Box, hebelt mit einem kleinen Meißel sanft eine der Bienenwaben heraus und betrachtet die rund 500 Bienen, die darauf herumwuseln.

Gut zu wissen, dass seine Carnicas als sanftmütig gelten. Tummeln sich nämlich Dutzende Tiere im Inneren des Sechs-Quadratmeter-Holzhäuschens, muss man schon recht abgebrüht sein, um ruhig zu bleiben. Eine Biene trippelt über Leos Schulter, eine sitzt in seinen Haaren, eine weitere auf der Jeans und – da will eine unter sein Hemd kriechen.

Schlechtes Timing. Der ausgebildete Imkermeister hat keine Hand frei, weil er die ausgebaute Honigwand hält. Eine hastige Bewegung – schon ist seine Stichstatistik für 2019 um einen Unfall reicher. Der Zillertaler zuckt nicht mal: „Nach 13 Jahren Erfahrung schwillt meine Haut nach einem Bienenstich nicht mehr an.“

2005 kam Leo auf den Imker-Geschmack: „Ich habe das Bienenhaus meines Nachbarn besucht und war von den fleißigen Tieren beeindruckt.“ Ein Jahr später ließ sich ein wilder Schwarm auf einem Busch in der Nähe nieder: „Den habe ich unter meine Fittiche genommen und heute beziehe ich von jedem Volk 15 bis 20 Kilo Honig pro Jahr.“

Seinem Beispiel folgen viele Tiroler. „Auf der Imkerschule in Imst werden jährlich rund 300 junge Imker ausgebildet“, sagt Jestl vom Landesverband. Dort werden sie unter anderem darin geschult, wie sie dem Bienensterben vorbeugen: „Wie fatal das ist, variiert je nach Jahr und Region in Tirol. Das größte Problem ist die Varroamilbe – ein Parasit, der Bienen befällt und schädigt. Doch um Bienen zu helfen, muss man kein Imker sein. Es reicht, gerade jetzt Blumen zu säen und wilde Bereiche im Garten stehen zu lassen.“

40 Völker mit je bis zu 30.000 Tieren umsorgt der Zellberger.
40 Völker mit je bis zu 30.000 Tieren umsorgt der Zellberger.
- Thomas Boehm / TT