Letztes Update am Fr, 05.04.2019 06:57

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TT-Magazin

Von Tirol nach Venedig: Grenzerfahrungen auf zwei Rädern

Nur rund vier Stunden trennen uns Tiroler vom Meer – und von Venedig. Oder vier Tage – wenn man einmal auf das Auto verzichtet und mit dem Fahrrad nach Venedig tourt.

Nach Venedig radeln ist eine Sache – in Venedig radeln ist strafbar, nur die Zufahrt zum Bahnhof ist möglich.

© FuizNach Venedig radeln ist eine Sache – in Venedig radeln ist strafbar, nur die Zufahrt zum Bahnhof ist möglich.



Von Stefan Fuiz

Schwachsinnig, hirnrissig, sinnlos“ – und noch viel ärgere Vokabel rotieren durch das Hirn, während die Beine versuchen, mit möglichst runden Bewegungen die 21 Prozent Steigung von Ampass nach Aldrans zu bezwingen. Der Start zu einer Radtour von Tirol nach Venedig ist wahrhaftig kein Erholungsurlaub; jedenfalls nicht auf dem ersten Abschnitt bis zum Brenner. Der Rest dagegen ist nur noch Spaß pur.

Während auf den ersten zehn Kilometern von Innsbruck in Richtung Grenze der Puls auf über 100 steigt und das Tempo auf unter zehn Stundenkilometer sinkt, hat man in Patsch doch schon das erste Erfolgserlebnis: Die Hälfte der Höhenmeter auf den 1400 Meter hohen Brennerpass ist geschafft. Auf der Ellbögener Landesstraße wechseln sich relativ kurze Anstiege mit netten Gefällestrecken ab, östlich an Matrei vorbei findet man noch einen Feldweg nach Steinach – und dann geht’s wieder los: „Schwachsinnig, hirnrissig, sinnlos.“ Vokabel, die diesmal aber nicht dem Plan, nach Venedig zu radeln, gelten, sondern der so genannten Tiroler Rad-Offensive. Von der ist auf dieser auch touristisch hochattraktiven Strecke nichts zu merken. Pluspunkte gibt es nur für die Tiroler Autofahrer: Die nehmen auf die langsamen Radler auf den letzten steilen Kilometern zum Brenner durchwegs Rücksicht.

Bei Grigno rollt man nach Venetien – und ist noch 120 Kilometer vom Meer entfernt.
Bei Grigno rollt man nach Venetien – und ist noch 120 Kilometer vom Meer entfernt.
- Fuiz

Die erste Grenze

Auf den ersten 40 von rund 400 Kilometern hat man reichlich Zeit, die Grenzen seiner eigenen Leistungsfähigkeit auszuloten. Wenn man die Passhöhe – und damit die Grenze zu Italien – erreicht hat, fällt es allerdings schwer, diesen Erfolg in Szene zu setzen: Allein ein bescheidener, zwischen Werbetafeln eingeklemmter, knapp 100 Jahre alter Grenzstein aus ehemals weißem Marmor markiert die europäische Wasserscheide, einen der meistumstrittenen Alpenübergänge oder auch die „Unrechtsgrenze“ für manch Ältere. Der Grenzstein als – leider nur mittelprächtiges – Fotomotiv steht auch weit ab vom Brenner-Bahnhof, an dem viele Venedig-Radler ihre Tour beginnen; eine noch nicht genutzte Chance, Jahr für Jahr mit Zigtausenden Fotos auf Instagram, Facebook und Co. Werbung für den Radler-Pass zu machen.

„Radler-Pass“ – richtig, denn ab dem Brenner nach Süden beginnt der Spaß pur. Zunächst noch ziemlich flach, neigt sich der asphaltierte Radweg zusehends. Auf der ehemaligen Eisenbahntrasse rollt man, ohne zu treten, mit rund 30 Stundenkilometern hoch über Gossensass durch mehrere alte Eisenbahntunnels ein Stückchen ins Pflerschtal und mit einer eleganten Kehre zurück ins Eisacktal. Wenn man nun etwa Brixen als Tagesziel gewählt hat, hat man zwar noch 550 Höhenmeter Guthaben – sollte seine Kräfte aber gut einteilen: Hinter Gossensass und nach dem Sterzinger Moos sind noch etliche flotte Anstiege zu bewältigen.

Die zweite Grenze

Radfahr-Spaß pur auch am zweiten Tag. An Brixen vorbei führt der Radweg durch das immer enger werdende Eisacktal zumeist auf einer eigenen Trasse unmittelbar am Fluss. Der Radweg führt durch Klausen und dann wieder auf einer alten Bahntrasse – auch dort durch mehrere Tunnels – gemütlich nach Bozen. Unglaublich, wie italienische Planer in dem extrem engen Eisacktal neben Bahn, Autobahn und Staatsstraße noch eine Trasse für einen Radweg gefunden haben.

- fuiz

Bis Bozen ist die Beschilderung des Radweges übrigens ausgezeichnet. Man braucht weder Karte noch Navi. In Bozen wird es dann noch etwas besser: Riesige Infotafeln erklären die weiteren Möglichkeiten, links oder rechts durch das Eisacktal nach Süden zu radeln. Durch Obstgärten und – wenn man richtig gezielt hat, weit weg vom Radweg am hässlichen Damm zwischen Eisack und Autobahn – steuert man auf die nächste, praktisch unsichtbare Grenze zu.

Die Salurner Klause ist der südliche Eckpfeiler des deutschsprachigen Südtirol. Zwischen den Felsabstürzen des Geier im Osten und des Fennberg im Westen rollt man ins Trentino. Kurz vor Trient wartet mit dem Flüsschen Avisio (Laifersbach) noch eine Konditionsfalle: Um eine der wenigen Brücken zu erreichen, muss man noch etliche Höhenmeter überwinden, bevor schließlich – hinter dem Verkehrschaos von Trient – mit dem Anstieg ins Valsugana ein letzter Härtetest für die Wadeln wartet.

Die dritte Grenze

Gut 350 Höhenmeter gilt es hinter Trient hinauf nach Caldonazzo zu erstrampeln. Ein in mehrfacher Hinsicht etwas heikles Unternehmen: Es gibt keinen Radweg, die einzige für Radfahrer zuge­lassene Straße ist ohne gute Karte oder Navi kaum zu finden und sie ist streckenweise sehr steil – wenn auch nur rund 15 Kilometer lang. Am Caldonazzosee ist die Geschichte dann gelaufen: Der Brenta entlang geht es nur noch bergab: 80 Kilometer bis Bassano del Grappa. Auf etwa halber Strecke dorthin, bei der kleinen Ortschaft Grigno, dort, wo sich das Valsugana von Osten nach Süden zu drehen beginnt, passiert man schließlich die dritte Grenze – hinein in die Provinz Venetien. Legt man nach Bassano noch 20 Kilometer dazu (schließlich ging es den ganzen Tag fast nur bergab), erreicht man Castelfranco – und ist nur noch 40 Kilometer vom Ziel entfernt.

Der Cimitero dei burci – der Schiffsfriedhof erinnert an den Streik von Ölmühlen-Arbeitern in den 70ern.

Der Cimitero dei burci – der Schiffsfriedhof erinnert an den Streik von Ölmühlen-Arbeitern in den 70ern.

- Fuiz

Allerdings lohnt sich nun ein kleiner Umweg über Treviso. Für eine lächerliche Mehrleistung von 25 Kilometern erstrampelt man sich eine traumhafte Tour entlang des Flüsschens Sile – durch Sumpfgebiete, vorbei an einem Schiffsfriedhof über Brücken und auf Dämmen durch ein Biotop, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Ein Erlebnis für Romantiker, die auf die Errungenschaften der Technik pfeifen: Es gibt zwar einen schönen Radweg – der ist aber nicht asphaltiert.

Und dann die letzte Herausforderung: In Mestre gilt es, die Auffahrt zur kilometerlangen Brücke nach Venedig zu finden. Das wäre (im Oktober 2018) ohne Navi fast unmöglich gewesen: Mestre war im Bereich des nördlichen Brückenkopfs eine einzige Baustelle. Allerdings konnte man zwischen Baumaschinen und Bauzäunen erkennen, dass hier das gute Radwegenetz in Mestre selbst um eine komfortable Zufahrt zur Brücke perfekt ergänzt wird.

Und nun? Wer sich einige Tage Zeit nehmen kann, Venedig zu erleben, sollte einen weiten Bogen um den Canal Grande samt seiner Rialtobrücke und den Markusplatz machen. Venedig ist – nur 100 Meter weg vom Rummel – eine liebenswerte, verträumte Stadt. Sehenswert und beeindruckend sind etwa das Judenviertel oder die kleinen Inseln Burano, die Isola San Michele oder Torcello. Aber das ist eine andere Geschichte.

Jetzt sind es nur noch vier Kilometer über die Brücke von Mestre in die Lagunenstadt.
Jetzt sind es nur noch vier Kilometer über die Brücke von Mestre in die Lagunenstadt.
- Fuiz

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