Letztes Update am So, 07.04.2019 15:52

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Flurreinigung in Tirol: „Natürlich verspürt man mitunter Wut“

Abfalleimer im öffentlichen Raum gibt es genug, Menschen, die ihren Müll dort entsorgen, allerdings nicht. Wenn jetzt im Frühjahr der Schnee weicht, wird das ganze Ausmaß der Vermüllung erst richtig sichtbar. Von Menschen, die sauber machen und Menschen, die an einer Lösung des Problems arbeiten.

Vereine setzen sich für die Flurreinigung entlang des Inns ein.

© Foto TT/Rudy De MoorVereine setzen sich für die Flurreinigung entlang des Inns ein.



Von Irene Rapp und Judith Sam

Marco Hollaus, Thomas Sprenger und Matthias Wurm haben den Blick auf den Boden gesenkt – und vermutlich alle ihre Empfindungen für die momentane Tätigkeit abgestellt. Nördlich der Raststation Weer ist das Trio gerade auf einem Grünstreifen nahe des Inns unterwegs. Natur pur, könnte man meinen.

Die Realität allerdings erinnert an eine Müllhalde bzw. öffentliche Toilette. „Irgendwann einmal graust einen nichts mehr“, erzählt Hollaus, während er mit dicken Handschuhen und Greifzange Papiertücher und -becher, Plastikflaschen sowie Dosen einsammelt. Und während er und seine Kollegen der ASFINAG-Autobahnmeisterei auf menschliche Hinterlassenschaften fast ohne Wimpernzucken reagieren, will der unbedarfte Beobachter nur noch eines: weg.

In diesen immer wärmer werdenden Tagen ist Frühjahrsputz angesagt: nicht nur daheim, sondern auch entlang der Autobahnen in Tirol. „Derzeit sind in unserem Abschnitt von Kufstein bis Hall West täglich 10 bis 12 Leute dafür unterwegs“, berichtet Christian Berger, Betriebsleiter der Autobahnmeisterei Vomp.

Auch entlang der Inntalautobahn hat sich einiges an Müll angesammelt.
Auch entlang der Inntalautobahn hat sich einiges an Müll angesammelt.
- Michael Kristen

Rund 70 Kilometer, auf denen einiges an Abfall zusammenkommt – hinterlassen von Einheimischen wie auch LKW-Fahrern.

Wobei der Abfall in den zahlreich aufgestellten Abfalleimern nicht das große Problem wäre. Aus den Fenstern geworfene Fastfood-Verpackung, auf Rastplätzen entsorgte Alt-Kühlschränke, herumliegendes Papier, Dosen, Zigarettenschachteln – das ist das Problem. Pro Jahr kommen so auf der A12 bzw. A13 rund 1100 Tonnen Müll zusammen. „Und natürlich verspürt man mitunter Wut, weil man sich fragt, warum manche Leute alles irgendwo wegschmeißen“, erzählt das Trio.

Das Fahrrad im Inn

Wenige Kilometer weiter, am Innufer in Innsbruck, ist die Situation ähnlich. Johanna Bernhardt, die sich vergangenes Wochenende an der Flurreinigung beteiligte, hat sogar Fahrräder geborgen: „Es ist mir unbegreiflich, dass es immer noch Leute gibt, die ihre alten Räder in den Fluss werfen.“

So manches Kind, das an der Aktion teilnahm, hat seine Eltern dazu überredet.
So manches Kind, das an der Aktion teilnahm, hat seine Eltern dazu überredet.
- Foto TT/Rudy De Moor

Um einen der Drahtesel ranken sich halb verrottete Papierschnipsel, Äste und Plastikabfall. Von letzterem hat die Projektmanagerin am meisten gesammelt: „Außerdem haben wir alte Kleidungsstücke, Decken und Dosen gefunden, die vom Sand halb verdeckt waren.“ Schwer nachvollziehbar, wieso derart viel Unrat im Inn landet. Stehen in Innsbruck doch 2687 Mülleimer, die teilweise mehrmals täglich geleert werden.

Über die Gründe kann Philipp Aumann vom Umweltmanagement der Stadt Innsbruck nur spekulieren: „Desinteresse, Gedankenlosigkeit oder Spaß, etwa wenn Fahrräder und Einkaufswägen im Wasser des Inns eintauchen.“ Allerdings kann er auch Positives vermelden: dass nämlich der meiste Abfall korrekt in den Mülleimern landet.

Bei der Flurreinigung am Innufer wurden sogar Fahrräder geborgen.
Bei der Flurreinigung am Innufer wurden sogar Fahrräder geborgen.
- Foto TT/Rudy De Moor

Kaum zu glauben, wenn man so manche Passage des Innufers zwischen der Reichenau und Kranebitten betrachtet. Dieses Areal wurde bei der Flurreinigung von mehr als 300 Freiwilligen, die ebenfalls mit langen Holzzangen und dicken Handschuhen gewappnet waren, gesäubert. Eine gute Entwicklung, denn früher beteiligten sich gerade mal 20 Leute daran.

„Unser Verein ,Treffpunkt Philosophie’ hat zum 20. Mal teilgenommen. Wir wollen uns nämlich die Welt nicht schönreden, sondern einen kleinen Beitrag leisten“, erzählt Bernhardt. Was sie freut: dass Erwachsene von ihren Kindern überredet worden waren, an der Flurreinigung teilzunehmen. „Und ich habe mit einem Flüchtling aus dem Irak gesprochen, der meinte, er sammelt, weil es egal sei, ob er am Inn oder am Euphrat aufräumt. Es sei doch alles unser gemeinsames Wasser.“

Oft wird Müll achtlos aus dem Autofenster geworfen.
Oft wird Müll achtlos aus dem Autofenster geworfen.
- Michael Kristen

Apropos Wasser. Vor wenigen Tagen wurde nicht nur über, sondern auch unter Wasser Abfall gesammelt. Mario Hauser von den Alpentekkies, Tauchexperten für Bergseen, begab sich am Achensee in einem beheizten Trockentauchanzug in ein anderes Element: „Der war notwendig, weil es in 60 Metern Tiefe nur noch zwei bis drei Grad warm ist.“

Die 28 Taucher aus Italien, Deutschland, der Schweiz und Tirol sammelten 190 Kilo Müll: „Fischernetze, Stahlseile, Grilltassen, Flaschen und eine Hantel waren dabei.“ Die Installation von zwei Unter-Wasser-Mülleimern habe die herumliegende Abfallmenge im Vergleich zu früher allerdings drastisch reduziert: „Die Idee dazu hatte ein anderer Verein. Aber alle Taucher nutzen die einen Kubikmeter großen Boxen und werfen Unrat hinein, den sie am Seeboden finden. Das Gesammelte wird dann einmal jährlich hochgetaucht.“

Ein wenig habe sich aber auch das Bewusstsein der Seebesucher geändert. „Ich sehe nie jemanden, der Abfall vom Ufer aus hineinwirft. Aber kaum sind die Leute außerhalb der Sichtweite, etwa an versteckten Grillplätzen und in den vielen Booten, sinkt die Hemmschwelle“, weiß Hauser um die Tücken der Anonymität.

Mit Holzzangen gewappnet umging man die Gefahr, sich etwa an Scherben zu schneiden.
Mit Holzzangen gewappnet umging man die Gefahr, sich etwa an Scherben zu schneiden.
- Michael Kristen

„Tirol klaubt auf“

Wobei sich Alfred Egger, Geschäftsführer der Abfallwirtschaft Tirol Mitte (ATM), noch an andere Zeiten erinnern kann: „Früher war es keine Seltenheit, wenn man Tresore oder Autoteile in Tiroler Seen gefunden hat.“ Heute organisiert die ATM hingegen Aktionen wie „Tirol klaubt auf“. „Liegt da Müll am Wegesrand, wird nicht einfach drübergrannt“, lautet der Slogan, der bisher über 8000 Tiroler aus rund 80 Gemeinden animiert hat, auch jenseits ihrer Gartengrenzen Frühjahrs­putz zu betreiben: „Mal organisiert etwa ein Verein die Flurreinigungen, mal die Freiwillige Feuerwehr. Wir stellen seit dem Jahr 1999 die Hardware dafür in Form von Zangen und Säcken zur Verfügung.“

Doch Egger denkt weiter: „Die­se Beseitigung wäre nicht notwendig, würde man sich mehr auf Müllvermeidung, Wiederverwertung und -verwendung konzentrieren.“ Schon kleine Änderungen könnten viel bewirken: „In anderen EU-Ländern wurde schon vor Jahrzehnten ein Pfandsystem für Flaschen eingeführt. Die Rücklaufquote liegt bei über 98 Prozent. In Österreich wehrt sich die Getränkewirtschaft dagegen, weil sie mit steigenden Kosten rechnen. Dabei wären die nur kurzfristig erhöht.“ Zudem setzt Egger sich für die Umsetzung mehrsprachiger Beschreibungen auf Mülltonnen ein: „Gerade in Wohnanlagen kommt es immer wieder vor, dass versehentlich weggeworfener Restmüll die ganze Biomüll-Charge verschmutzt.“ Die sauberste Trennung passiere am Recyclinghof und je besser getrennt werde, desto höhere Erlöse erhalten die Gemeinden für die Wertstoffe: „Wodurch wiederum die Müllgebühren sinken.“

Mario Hauser tauchte mit 27 Kollegen in den Achensee, um Müll zu sammeln.
Mario Hauser tauchte mit 27 Kollegen in den Achensee, um Müll zu sammeln.
- alpentrekkies

Zurück zur Raststation Weer-Nord: Die drei ASFINAG-Mitarbeiter haben gerade einen besonders delikaten Fund gemacht – eine Plastikflasche mit gelblichem Inhalt. „Nein, das ist kein Almdudler, sondern Urin. Viele Fernfahrer steigen nicht aus, um sich zu erleichtern, sondern erledigen das mit einer Flasche und schmeißen diese oft einfach weg“, erzählt Christian Berger. Pech, wenn die Arbeiter im Sommer unabsichtlich mit Mähgeräten darüberfahren und sich der ungustiöse Inhalt auf unerwünschte Art und Weise über alles in der Nähe ergießt.

Unterschiedliche Eindrücke

Doch trotz aller unangenehmer und negativer Erfahrungen hat er den Eindruck, dass das Bewusstsein steigt. „Entlang der Strecke, bei den Aus- und Abfahrten, ist das mit dem Müll gefühlsmäßig weniger geworden.“ Nicht ganz so positiv sieht Alfred Egger die Thematik: „Das Bewusstsein der Menschen hat sich entwickelt. Sie werfen weniger Abfall in die Natur. In Summe liegt jedoch ähnlich viel herum wie früher, weil die Menge der Verpackungen zugenommen hat. Lebensmittel etwa sind nicht selten in mehrere Schichten Plastik eingepackt.“ Umso wichtiger sei es, weiterhin umweltorientiert zu leben: „Es gilt nicht, mit hoch erhobenem Zeigefinger auf Müllsünden hinzuweisen, sondern mit gutem Beispiel voranzugehen.“ Damit vielleicht nach der nächsten Wintersaison nicht so viel Unrat unter dem Schnee zum Vorschein kommt.