Letztes Update am So, 14.04.2019 09:02

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Was für ein Esel: Lasttiere sind wieder „groß in Mode“

In der Antike wurde seine Potenz verehrt, in der Bibel seine Sanftmut gepriesen. Esel sollen störrisch sein, sie sind aber klug, belastbar, unerschrocken – und nicht nur am heutigen Palmsonntag ein Thema.

Im Tragtierzentrum Hochfilzen werden seit drei Jahren wieder Esel ausgebildet.

© BundesheerIm Tragtierzentrum Hochfilzen werden seit drei Jahren wieder Esel ausgebildet.



Von Silvana Resch

Die Pubertät war eine harte Zeit, jetzt mit 14 Jahren ist Kevin heraußen. „Zum Glück“, sagt Herta Sprenger. Er soll ein echter Rüpel gewesen sein. Heute ist er die Sanftmut in Person. Anschmiegsam, aufgeschlossen, freundlich. Der Esel kann sogar Komplimente machen – er will aber nicht. „Wir haben schon lange nicht mehr geübt“, erklärt Sprenger. Dabei wirkt es nicht so, als ob Kevin nicht mehr wüsste, wie man einen Knicks macht. „Warum sollte ich?“, scheint er sich vielmehr zu denken. Die ungeteilte Aufmerksamkeit ist ihm ohnehin gewiss. Ruhig und bedächtig steht er da, dann schreitet er für den Fotografen noch einmal würdevoll über die Koppel. Schließlich schmiegt er sich an Herta Sprenger. Zeit für Streicheleinheiten. Kevin ist ein Herzensbrecher – und er weiß es.

 Herta Sprenger mit Kevin in Axams.
Herta Sprenger mit Kevin in Axams.
- Michael Kristen

Der Esel war gerade mal ein halbes Jahr alt, als er auf einem Hänger voll mit Tieren aus einem Streichelzoo bei einem Hof in Ampass abgeladen wurde. Auf dem Bauernhof, wo Sprenger ihr Pferd untergestellt hatte. „Er hat ganz fürchterlich geschrien und nach seiner Mama geweint“, erinnert sich die Pensionistin.

Ihre mittlerweile verstorbene Haflingerstute Tine adoptierte Klein-Kevin vom Fleck weg. Sprenger, die zuhause in Götzens „eine Art Gut Aiderbichl“ hat, hätte den gescheckten Mischling aus Haus- und weißem Barockesel aber sowieso nicht mehr hergegeben. Wenn die 62-Jährige heute mit ihrem Schützling spazieren geht, schließen sich ihnen oft Kinder an. Manchmal dürfen sie auf Kevin reiten.

Der Trend zum Esel

Nicht nur Kevin hat eine Fangemeinde, Esel sind derzeit überhaupt „groß in Mode“, sagt Helga Widder vom Verein „Tiere als Therapie“. Immer mehr Esel würden zur Prüfung angemeldet, die Diplom-Ausbildung zur „Fachkraft tiergestützte Therapie“ dauert zwei Jahre – für Mensch und Tier. „Esel haben tolle Qualitäten als Therapietiere“, schwärmt Widder. „Im Gegensatz zu Pferden sind sie keine Fluchttiere. Esel stürmen bei Gefahr oder Stress nicht einfach davon, sondern bleiben stehen und überlegen erst mal.“ Das tun sie selbst dann, wenn sie gezogen oder geprügelt werden.

Der Thaurer Palmesel ist eine mediale Berühmtheit.
Der Thaurer Palmesel ist eine mediale Berühmtheit.
- Julia Hammerle

Eine Eigenschaft, die dem Langohr den Ruf eingetragen hat, störrisch und dumm zu sein. Dabei verhält sich der Hausesel heute noch so wie seine afrikanischen Vorfahren. In den bergig-gerölligen Gegenden Nordostafrikas, den Ursprungsregionen des Wildesels, hätte sich ein in Panik fliehendes Tier die Beine gebrochen.

Im Volkskunstmuseum ist ein Palmesel aus Brixen zu sehen.
Im Volkskunstmuseum ist ein Palmesel aus Brixen zu sehen.
- TT

Quer durch die Geschichte finden sich Lobgesänge auf den Esel – aber auch Schmähungen.

Darüber, ob der kleine Vertreter der Pferdefamilie nun dumm oder klug sei, stritten sich die Philosophen jahrhundertelang. Zum schlechten Ruf des Grautieres hat Friedrich Nietzsche nicht unwesentlich beigetragen. Der Philosoph stilisierte sich selbst zum „Anti-Esel“ und diffamierte das Lastentier als ewigen Ia-Sager.

Fragen zur Zukunft

Grautier-Kenner vertreten freilich die entgegengesetzte Position. „Wir wollen auf die Klugheit des Esels aufmerksam machen“, sagt Otto Kurt Knoll vom Österreichischen Pferdesportverband, der gemeinsam mit dem Verein IA-Austria (Interessensgemeinschaft Österreichische Eselfreunde) am vergangenen Wochenende die ers­te Österreichische Eselfachtagung im Kapuzinerkloster Wiener Neustadt veranstaltet hat. Als Pack-, Zug- oder Reittier ist der Esel in den westlichen Industrieländern Geschichte, die Frage sei, was das Tier „in Zukunft für uns bedeuten kann“, so Knoll.

Die Kapuziner in Wiener Neustadt haben die Frage für sich schon beantwortet: Im Kloster sind wieder Esel eingezogen. Die Brüder wollen damit an die jahrhundert­alte Tradition ihres Bettelordens anknüpfen – und einen Bezug zur Bibel herstellen. Denn Jesus, der Friedensfürst, war bekanntlich auf einem bescheidenen Esel in Jerusalem eingezogen. Ein spektakulärer, revolutionärer Ritt.

„Der biblische Esel wird im ganz wörtlichen Sinn zum Träger einer Demutsidee“, schreibt Jutta Person in dem kurzweiligen, schmalen Büchlein „Esel“. Auf dem Rücken des belastbaren Tieres kamen neue Tugenden wie Mitleid, Nächstenliebe und Milde daher.

 Im Kapuzinerkloster Wiener Neustadt sind Esel eingezogen, sie sollen an die Tradition des Bettelordens erinnern.
Im Kapuzinerkloster Wiener Neustadt sind Esel eingezogen, sie sollen an die Tradition des Bettelordens erinnern.
- Matthias Buchwald

Potente Eselsmythen

Im Gegensatz zum sanftmütigen König waren frühgeschichtliche Eselsgötter potente, mächtige Wesen. Im Krieg hat sich der unerschrockene Esel jedenfalls seit der Antike bewährt. Und auch im Tragtierzentrum Hochfilzen des Österreichischen Bundesheeres wird wieder mit Eseln gearbeitet. Es sind „faszinierende Tiere“, schwärmt Vizeleutnant Alexander Wöll. Seit drei Jahren werden hier fünf Esel ausgebildet. Sie kommen ebenso wie ihre Kollegen, die Haflinger, immer dann zum Einsatz, wenn Hubschrauber und Lastwagen nicht ran können.

Neben dem Vorteil, dass sie keine Fluchttiere sind, können Esel in mehrerlei Hinsicht gegenüber Pferden punkten: Im Gegensatz zu ihren großen Verwandten kommen Esel problemlos über 3000 Höhenmeter hinaus, mit maximal 300 Kilogramm Körpergewicht sind sie leichter zu transportieren. Dass ihnen „drastische klimatische Veränderungen nichts ausmachen“, prädestiniert sie für den Auslandseinsatz. Dass Esel angeblich dumm oder störrisch seien, „ist der größte Blödsinn“, ärgert sich Wöll.

„Sie sind höchstens so stur wie ihr Führer.“ Letztlich ist „alles eine Frage der Motivation“, meint auch Helga Widder in Bezug auf den eseligen Eigensinn. Entscheidend für das Verhalten der Tiere sei, wie sie sozialisiert wurden. Kevin ist unter Pferden großgeworden, da herrschte ein rauer Umgangston. Als Pubertierender hat der Esel schon mal Hunde niedergerannt. Nichts gegen Horstl, der sich mit Kevin eine Koppel in Axams teilt.

Armin Arbeiter und Horstl vor dem Petersdom in Rom. Im Juni geht es nach Frankreich.
Armin Arbeiter und Horstl vor dem Petersdom in Rom. Im Juni geht es nach Frankreich.
- Privat

Pilgerreise mit Esel

Der weitgereiste Horstl hat einen Fuchs auf dem Gewissen. Dabei war er mit Armin Arbeiter, seinem Besitzer, eigentlich auf „einer Art Pilgerreise“ nach Rom. „Der Fuchs lag am Morgen mit zerschmettertem Schädel neben dem angebundenen Esel“, erinnert sich Arbeiter an die folgenschwere Open-Air-Übernachtung am Apennin.

Horstl, der sich bedroht fühlte, hatte wohl ausgeschlagen. Es heißt, die Langohren könnten eine Fliege an der Wand treffen. „Esel schlagen selten aus. Wenn sie es tun, dann treffen sie aber genau dort, wo es am meisten weh tut“, bestätigt Alexander Wöll. Die Episode mit dem Fuchs ist ein kleiner Schönheitsfleck eines ansonsten „unglaublichen“ Abenteuers. Im Spätsommer 2015 sind der Innsbrucker und sein Esel nach zweimonatiger Wanderung quer durch Italien in der Ewigen Stadt angekommen. In einem Blog auf tt.com konnte die Tour mitverfolgt werden.

Im Juni startet der Innsbrucker mit seinem Horstl auf ein Neues. Diesmal begeben sich die beiden auf die Spuren des „Schatzinsel“-Autors Robert Louis Stevenson. 1787 hatte der Schotte das Buch „Reise mit einem Esel durch die Cevennen“ geschrieben. Ein Bestseller. Eseltrekking steht in der Region im französischen Zentralmassiv heute hoch im Kurs, entlang der Strecke gibt es eigene Unterkünfte für Menschen mit Pack­esel, sagt Arbeiter. Und wie würde er Horstl beschreiben? „Esel sind wirklich all das, was man ihnen zuschreibt.“ Mit all den Widersprüchen. Sie geben ihren Besitzern jedenfalls gerne Rätsel auf.