Letztes Update am Mo, 15.04.2019 15:40

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Frau Hitt: Die sagenhafte Riesenkönigin zum Greifen nah

Was macht Frau Hitt in der Stadt? Die Riesenkönigin der gleichnamigen Sage wurde zum Forschungsprojekt, um zu zeigen, was die Fakultäten der Universität Innsbruck verbindet.

Erkennen Sie Frau Hitt? Mit etwas Kreativität ahnt man, dass die graue Formation auf der Nordkette eine versteinerte Riesin sein könnte.

© thomas boehmErkennen Sie Frau Hitt? Mit etwas Kreativität ahnt man, dass die graue Formation auf der Nordkette eine versteinerte Riesin sein könnte.



Von Judith Sam

Damals, in uralten Zeiten, waren die Berge rund um Innsbruck grün bis zu den Gipfeln. Wälder und Wiesen, so weit das Auge reichte. Doch da gab es noch einen Unterschied zu heute: Hoch über dem Tal wohnte eine Riesenkönigin: Frau Hitt war ebenso bekannt als mächtig wie hartherzig. Lediglich einem galt ihre Aufmerksamkeit: ihrem Sohn, den sie bei jeder Gelegenheit verhätschelte. Mütterliche Hingabe – schön und gut. Doch eines Tages ging die Königin zu weit und wurde prompt so hart bestraft, dass die Menschen sich noch Jahrhunderte später davon erzählten.

„So lautet eine Variante der Tiroler Sage“, sagt Michael Kröll. Wie viele es gibt, kann der Architekt nur erahnen. Die Geschichten wurden über Jahrhunderte mündlich überliefert und änderten sich permanent. Bis zum Jahr 1811, als eine Form erstmals in einer Zeitschrift niedergeschrieben wurde.

Um herauszufinden, welche anderen Mythen sich um Frau Hitt ranken, gingen Studenten der Universität Innsbruck auf Zeitreise.

Damit ist der Projektleiter beim Thema: „Das ist nur ein Aspekt von vielen. Die Institute der Universität Innsbruck haben sich zum 350-Jahr-Jubiläum der Uni mit Aspekten rund um Frau Hitt befasst – von geologischen bis zu juristischen.“ Ziel der Ausstellung, die mit dem Projekt einhergeht, ist es, die Unterschiede wie Gemeinsamkeiten der Fakultäten aufzuzeigen (www.uibk.ac.at).

Reinigen mit Milch und Brot

Im Rahmen dessen betrachtete die Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät etwa moderne „Urban Legends“ sowie Varianten der Frau-Hitt-Sage. In einer davon tollte Frau Hitts Sohn am Rande eines Sumpfs herum, als sich das Erdreich unter einem seiner Schritte löste und er in den Schlamm plumpste. Zwar gelang es dem jungen Riesen, sich zu befreien, doch danach war sein gesamter Körper von übelriechendem Morast bedeckt.

Frau Hitt war so erschrocken über diesen Anblick, dass sie ihren Dienern befahl, ihren Sohn zu reinigen – mit Milch und Weißbrot. Die hungrigen Diener, die das Brot nur zu gern gegessen hätten, folgten ihrem Wunsch. Doch kaum hatten sie mit der Arbeit begonnen, erschütterte ein Erdbeben die Berge rund um den Inn. Frau Hitts Palast brach in sich zusammen, toste ins Tal und riss alle Bäume mit sich. Statt blühender Almen sieht man dort oben seitdem nur eine Steinwüste. Frau Hitt selbst wurde vom Blitz getroffen, woraufhin sie zu Fels erstarrte und noch heute als graue Formation auf der Nordkette zu erahnen ist.

Die Fakultät für Psychologie wiederum betrachtet die Beziehung zwischen Frau Hitt und ihrem Kind. Verbindet sie ein sicheres Bindungsmuster? Wo der Sohn weiß, dass er sich auf seine Mutter verlassen kann? Oder reagiert die Riesenkönigin widersprüchlich auf seine Wünsche? Dann wäre deren Beziehungsmuster unsicher-ambivalent.

Fragen, die man nur theoretisch beantworten kann. Ebenso wie die anderen Gedankenexperimente der Fakultäten. Die Experten für Geo- und Atmosphärenwissenschaften gingen etwa der Frage nach, wo Blitze gehäuft einschlagen. Über der Nordkette blitzt es nämlich öfter als über Innsbruck. Ist es also kein Zufall, dass die Riesenkönigin dort oben durch einen Blitz versteinert wurde?

Wer die Antworten erfahren will, muss nicht unbedingt Psychologie oder Geologie studieren. Es reicht, sieben Innsbrucker Haltestellen der IVB – zwischen „Höttinger Au

West“ und „Landesmuseum“ – zu besuchen, um Aufschluss über die 19 Gedankenexperimente zu erhalten. Bis Oktober öffnet sich die Universität so nach außen und stellt Tirols wohl berühmteste Sagengestalt auf neue Art vor.