Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 20.04.2019


Menschen

Drei Filme am Tag: Das Kino als zweites Zuhause

Die große Leinwand ist ihr Leben. Mehr als 1000 Filme hat Silvia Fiegl allein im Metropol-Kino in Innsbruck gesehen. Jetzt träumt sie vom Besuch eines großen Filmfestivals.

Saal Nummer 4, ihren liebsten Kinosaal im Innsbrucker Metropol-Kino, hat die Filmexpertin Silvia Fiegl beim TT-Gespräch fast ganz für sich alleine.

© Thomas Boehm / TTSaal Nummer 4, ihren liebsten Kinosaal im Innsbrucker Metropol-Kino, hat die Filmexpertin Silvia Fiegl beim TT-Gespräch fast ganz für sich alleine.



Von Beate Troger

Innsbruck – Alles begann mit der „Rocky Horror Picture Show“ am 5. Jänner 1986 im damaligen Cine-Royal-Kino in Innsbruck. Der verrückte Mitmach-­Film hat die Innsbruckerin Silvia Fiegl so fasziniert, dass die Kinoleidenschaft sie nie wieder losgelassen hat. „Noch im selben Jahr bin ich 103-mal ins Kino gegangen“, erzählt sie schmunzelnd.

In ihrem kleinen Taschenkalender hat sie all ihre Besuche in den Filmtheatern festgehalten: durchnummeriert, in grüner Farbe und fein geschwungener Handschrift.

Der 23. Jänner 2019 war jedoch ein ganz besonderer Tag. Silvia Fiegl sah zum 1000. Mal eine Filmvorführung in ihrem Lieblingskino, dem Innsbrucker Metropol. Es war „Mary Queen of Scots“, das Porträt über die schottische Königin Mary Stuart, in der englischen Originalfassung. „Aber wenn ich alle Kinobesuche zusammenzähle, war es an diesem Tag schon der 1850.“ Von all den Filmen gab es keinen einzigen, der ihr so schlecht gefallen hat, dass sie den Saal verlassen hätte. „Crash“ zum Beispiel gefiel ihr weniger gut, auch das oscarprämierte Musikmovie „A Star Is Born“ fand sie eher langweilig.

Bereut hat sie sowieso keinen einzigen Kinobesuch: „Es gibt immer so eine Spannung und ich mag die besondere Atmosphäre, den Film auf der großen Leinwand zu sehen“, erklärt sie, „auch das Popcorn gehört unbedingt dazu.“ Für ihren Lieblingsfilm „L.A. Confidential“ hat es sie gleich viermal ins Kino gezogen.

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Wenn sie von ihrer großen Leidenschaft erzählt, sprudeln die Worte aus Begeisterung nur so aus ihr heraus und ihre dunklen Augen strahlen. Sie erzählt von einzelnen Filmszenen, die oft nur Kennern ein Begriff sind, und wirft mit Fachbegriffen um sich. So beobachtet sie auch die Entwicklung zahlreicher Schauspieler über die Jahre hinweg. „Robert De Niro lebt und verkörpert all seine Rollen so intensiv“, meint sie.

Allen Skandalen zum Trotz wird aber Kevin Spacey ihr Favorit bleiben: „Er ist für mich der Allerbeste“, schwärmt sie. Klatsch und Tratsch aus Hollywood interessiert sie hingegen weniger.

Hauptberuflich arbeitet Fiegl bei den Nordkettenbahnen. Wenn die Innsbruckerin nicht gerade im Kinosaal sitzt, wandert sie gerne, beschäftigt sich mit Literatur oder reist.

„Auch im Urlaub gehört ein Kinobesuch auf jeden Fall dazu“, lacht sie. Besonders intensiv in Erinnerung geblieben ist ihr die Vorstellung von „Ocean’s Eight“ im Odeon Whiteleys in London. „In der Lounge sitzt man auf breiten Lederstühlen mit verstellbaren Lehnen und Fußstützen“, erzählt sie grinsend, „und wenn man auf den blauen Knopf drückt, kommt der Butler und bringt den nächsten Drink.“

Das Metropol in Innsbruck hingegen ist mittlerweile fast Fiegls zweites Zuhause. Hier kennt sie den Großteil der Mitarbeiter persönlich und tauscht sich mit ihnen gerne über die Filmbranche aus.

Auch einen Stammplatz hat sie in Saal 4: Sitz 13, in der 13. Reihe, direkt links von der Projektorluke. Rechts davon sitzt sehr oft ihre beste Freundin Caro, mit der sie ihr liebstes Hobby teilt. Die beiden Damen führen Excel-Tabellen über kommende Filmprojekte, planen spezielle Veranstaltungen wie Premieren und schreiben bei der Vorschau auch immer mit, welche Filme sie nicht verpassen wollen.

Wer aber erwartet, dass Silvia Fiegl zuhause stapelweise Eintrittskarten und Filmplakate sammelt, liegt falsch. „Ich lebe sehr minimalistisch und bewahre nicht einmal gelesene Bücher auf“, erzählt sie, „die Erinnerungen an die Erlebnisse in meinem Kopf sind viel wichtiger.“ An so manchen Tagen sitzt Silvia Fiegl dreimal im Kinosaal, auch bei schönstem Wetter – dann wieder wochenlang gar nicht. „Es kommt ganz darauf an, was gerade läuft und was mich interessiert“, meint sie.

Stehen Thriller oder Krimis mit komplexer Handlung auf dem Programm, zieht es sie aber regelmäßig in den Kinosaal. Einen großen Traum hat sie noch: einmal bei einem großen Filmfestival wie etwa in Cannes oder Venedig live vor Ort dabei sein zu können.

Außerdem würde sie bei so manchem Film gern selbst die Schere ansetzen: „Die meisten dauern zu lange, ich würde radika­l kürzen.“