Letztes Update am Fr, 19.04.2019 06:36

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Noch Schnee auf Essenerspitze: Schnell mal die Seite wechseln

Eines der einfacheren Ziele für Tourengeher in Obergurgl ist die Essenerspitze. Am Dienstag haben wir die 3200-Meter-Erhebung bestiegen - bei Traumwetter und Pulver.

Zunächst geht es durch das schöne Ferwalltal an der alten Zollhütte vorbei, am Talschluss beeindruckt der Granatenkogel.

© irene rappZunächst geht es durch das schöne Ferwalltal an der alten Zollhütte vorbei, am Talschluss beeindruckt der Granatenkogel.



Von Irene Rapp

Obergurgl – Wer vom Inntal oder dem vorderen Ötztal bis ganz ans 50 Kilometer entfernte Talende nach Obergurgl fährt, kann seinen Augen kaum glauben: In der kleinen Fraktion der Gemeinde Sölden liegt noch atemberaubend viel Schnee. Das schlechte Wetter vom vergangenen Wochenende sorgte noch einmal für rund 20 Zentimeter Neuschnee, was am Dienstag bei unserer Skitour auf die Essenerspitze tollen Pulver bedeutete.

Infos zur Tour

Den Track für die Tour finden Sie unter go.tt.com/2ItaE0M

Die 3200 Meter hohe Erhebung ist eines der Skitourenziele in Obergurgl, welches zwar hochalpin ist, allerdings nicht so viel Erfahrung und Können wie andere Berge in dieser Region erfordert. Was nicht heißen soll, dass die Essenerspitze zu unterschätzen ist: Beim Marsch durch das Ferwalltal gab es schon Lawinentote, auch zwei steilere Hänge auf dem Weg dorthin benötigen gute Lawinenkenntnisse. Was sich für Nicht-Frühaufsteher anbietet: Wer die ersten Höhenmeter mit der Festkogl- oder der Roßkarbahn bewältigt, kann in rund 2,5 Stunden am Gipfel stehen.

So kommt man hin: in Obergurgl mit einer der zwei Bahnen bis zur Bergstation. Liftbetrieb ist übrigens noch bis 28. April. Wir haben am Dienstag von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht – natürlich kann man aber auch entlang der Piste bis zum Eingang des Ferwalltals gehen.

Über den Granatenferner geht es dann hinauf zur Essenerspitze, der letzte Hang ist noch einmal steiler.
Über den Granatenferner geht es dann hinauf zur Essenerspitze, der letzte Hang ist noch einmal steiler.
- irene rapp

Benutzt man den Sessellift der Roßkarbahn, heißt es nach der Bergstation zunächst in nordwestlicher Richtung abzufahren und dann in einem Rechtsbogen Richtung Südosten in das Ferwalltal einzubiegen. Das Ferwalltal – nicht zu verwechseln mit der Gebirgsgruppe Verwall zwischen Vorarlberg und Tirol – ist ein wunderschönes Hochgebirgstal. Links und rechts ziehen die Felswände empor, einige Lawinen sind bereits abgegangen.

Doch zu Beginn geht es mäßig ansteigend und daher sehr gemütlich dahin und bald schon drängt sich der atemberaubende Granatenkogel ins Blickfeld. Die 3318 Meter hohe Pyramide ist ebenfalls ein Tourenziel – allerdings ein schweres –, am Dienstag zog sogar eine einzelne Person die steilen Spitzkehren hinauf. Seinen Namen hat der Granatenkogel von den in diesem Gebiet vorkommenden Mineralien der Granate. Und, ebenfalls interessant: Die Grenze zwischen Österreich und Italien geht genau über den Berg.

So verwundert es wenig, dass nach rund einer halben Stunde Gehzeit ein kleines Hüttchen auftaucht – eine alte Zollhütte auf 2500 Metern. Solche Behausungen entlang der südlichen Tiroler Grenze gibt es einige, früher waren sie auch vom Zoll besetzt. Das gibt es 2019 übrigens nur noch am Idjoch in Ischgl an der Grenze zur Schweiz: „Dort arbeiten unsere Kollegen vom Container aus, direkt am Grenzübergang“, weiß Fritz Kapfinger (Steuer- und Zollkoordination Regionalmanagement West).

Im zweiten Teil der Tour ist man in Italien unterwegs.
Im zweiten Teil der Tour ist man in Italien unterwegs.
- irene rapp

Am Steinhüttchen vorbei immer in südöstlicher Richtung Richtung Talschluss – also links. Nun geht es unterhalb eines felsdurchsetzten Hanges hinauf zum Schneeigen Ferwalljoch auf 2908 Metern Höhe. Der Hang hier ist mit 30 bis 35 Grad bei Lawinengefahr ernst zu nehmen.

Auf 2908 Metern angekommen befindet man sich dann bereits auf italienischem Staatsgebiet, so ungewöhnlich kann man in ein anderes Land reisen. Toll ist hier auch der Rundumblick, auf die Timmelsjochstraße und hinab nach Südtirol.

Nun geht es einen kurzen Rutscher hinab auf den Granatenferner, der spaltenarm ist – wir waren ohne Seil unterwegs. Weniger rau zeigt sich hier übrigens der Granatenkogel, an dessen Rückseite wir nun mäßig ansteigend weiterziehen. Die Essenerspitze sieht man ebenfalls: inmitten vieler gewaltiger Dreitausender wie etwa dem dahinterliegenden Hochfirst (3405 Meter) nimmt sich die 3200 Meter hohe Erhebung aber sehr bescheiden aus. Kurz vor dem Skidepot muss dann noch einmal ein steiler Nordosthang bewältigt werden, hier ist gute Spitzkehrentechnik das Um und Auf. Der Aufstieg ist zum Glück nicht sehr lang und daher wenig kräfteraubend.

Ab dem Skidepot geht es dann die letzten Meter am besten ohne die Bretteln weiter. Bei dem heuer reichlich vorhandenen Schnee bereitet das Stapfen durch denselben wenig Probleme, Vorsicht ist dennoch angesagt. Am Gipfel dann stellt man fest, dass es kein Kreuz gibt – doch das ist bei der Traum-Aussicht kein großes Thema.

Abgefahren sind wir dann am Dienstag zunächst auf der Aufstiegsspur, dann allerdings nicht mehr den kurzen Gegenanstieg rauf zum Schneeigen Ferwalljoch, sondern linkshaltend zu einer Geländestufe: über diese steil hinab ins Ferwalltal – Vorsicht – und dann am Talboden wieder hinaus. Der relativ flache Anstieg erfordert dann zwar gelegentliches Anschieben. Das ist aber kaum der Rede wert, die „Talausfahrt“ ist ohne Probleme zu schaffen und dann kann man auf der Piste abfahren.

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