Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 02.05.2019


Innsbruck

Umstrittener Trend: E-Scooter werfen ihre Schatten voraus

Noch im Frühjahr, spätestens aber im Sommer sollen E-Scooter in Innsbruck zum Verleih angeboten werden. Das Thema regt jetzt schon auf.

Das Thema E-Scooter regt auf.

© AFPDas Thema E-Scooter regt auf.



Von Matthias Christler

Innsbruck, Wien — Von San Francisco und New York über Paris und Berlin bis Wien und bald nach Innsbruck. Kritikern zufolge breiten sich E-Scooter zum Leihen wie eine Plage aus. Weil sie Gehwege verstopfen, ein Risiko für andere Verkehrsteilnehmer sind und achtlos liegen gelassen werden. Die Befürworter hingegen sehnen den Start herbei, weil E-Scooter die Mobilität revolutionieren und die von Autos verpesteten Städte befreien sollen.

E-Scooter erobern viele Städte.
E-Scooter erobern viele Städte.
- APA

Derzeit schlägt das Pendel eher in Richtung Plage aus. Gestern wurde bekannt, dass in Peru nach einem schweren Unfall zwischen einem Roller-Fahrer und einer Fußgängerin das Fahren auf Gehsteigen verboten wird. In Stockholm wiederum dürfen die Tretroller mit Elektromotor nicht mehr in der Altstadt abgestellt werden. In Deutschland macht der Fußgänger-Lobbyverband gegen den Hype mobil.

Nach einem holprigen Start in Wien wird jetzt vermehrt kontrolliert.
Nach einem holprigen Start in Wien wird jetzt vermehrt kontrolliert.
- APA

Und weil in Wien, wo inzwischen sieben Anbieter ihre jeweils maximal 1500 Roller auf die Straße stellen, schon länger Probleme auftreten, wird bereits die österreichische Straßenverkehrsordnung adaptiert. Ab 1. Juni sind die E-Scooter den Fahrrädern gleichgestellt und sie dürfen folglich nicht mehr auf Gehwegen gefahren werden. Wie bereits in der TT berichtet, rollen die elektrischen Kleinstfahrzeuge auch auf Innsbruck zu. Die Stadt steht mit mehreren Anbietern in Kontakt. Wer den Ansatz betreibe, mit seinen Scootern eine Alternative zum Auto anzubieten, habe in Innsbruck „eine faire Chance", sagt die zuständige Stadträtin Uschi Schwarzl.

Oft werden Roller einfach liegen gelassen.
Oft werden Roller einfach liegen gelassen.
- APA/MARIE-THERES FISCHER

Damit es nicht zu Zuständen wie in anderen Städten kommt, wurden kürzlich Rahmenbedingungen erstellt, an die sich die Unternehmen halten sollen. Die Betonung liegt auf „sollen", weil die zehn „Spielregeln" (darunter Betriebszeiten, Geschwindigkeitsbegrenzung auf 18 km/h oder Regeln zum Abstellen) nicht bindend sind. Einige der Interessenten sollen das als Stopptafel verstanden haben.

Das finanzstarke Unternehmen „Lime" (Google steckte kürzlich 400 Millionen Dollar hinein) wird von den Spielregeln nicht abgeschreckt. „In jeder Stadt bauen wir Beziehungen zu den Behörden auf, um ein erfolgreiches Projekt zu ermöglichen. Dies würde auch für Innsbruck gelten", heißt es. Auch das deutsche Start-up „Tier", das wie „Lime" schon in Wien unterwegs ist, hat ein Auge auf Innsbruck geworfen.

In der Smartphone-App sieht man, wo freie Roller stehen.
In der Smartphone-App sieht man, wo freie Roller stehen.
- AFP

Man stehe in engem Austausch mit der Stadtverwaltung und man begrüße klare Spielregeln. „Wie gut die Umsetzung mancher Auflagen aus technischer Sicht funktionieren kann, muss man sich im Detail anschauen", relativiert das Unternehmen in einer schriftlichen Stellungnahme.

An die Verleih-Roller wird man sich auf jeden Fall gewöhnen (müssen). „Ich rechne damit, dass wir im Laufe des Frühjahrs und Sommers die ersten Verleih-Scooter auf Innsbrucks Straßen sehen werden, und plädiere für ein rücksichtsvolles und faires Miteinander", erklärt Schwarzl.

Vorsichtig reagieren auch noch Mobilitätsexperten auf die angesagte Revolution auf zwei Rädern. Der Trend ist nicht nur auf manche Städte zu schnell zugekommen, er hat genauso die Forschung eingeholt. Am AIT Austrian Institute of Technology wird seit vergangenem Jahr und noch bis 2020 am Potenzial, der Praxis­tauglichkeit und der Sicherheit von E-Scootern geforscht.

Das Team rund um Verkehrssicherheitsexperte Klemens Schwieger hat allerdings schon erste Ergebnisse zur Unfallanalyse vorliegen. „Die Vorfälle haben natürlich zugenommen, einfach weil es mehr E-Scooter gibt, aber de facto gibt es recht wenig aufgezeichnete Unfälle mit Personenschaden", sagt er. Gleichzeitig warnt er davor, voreilige Schlüsse zu ziehen. Bei der Verkehrssicherheit sei alles unter einer dreijährigen Statistik eigentlich nicht aussagekräftig.

Um selbst an mehr Daten zu kommen, schickt das AIT derzeit Probanden mit E-Scootern auf die Straßen. „Wir wollen wissen, welche Wege sie fahren, wie weit und ob sie auf Hindernisse im Alltagsgebrauch stoßen", sagt Schwieger. So ein Hindernis würde zum Beispiel durch eine der Regeln der Stadt Innsbruck auftreten. Dort wird nämlich demnächst in den Nutzungsbedingungen der Verkehrsbetriebe geregelt, dass E-Scooter nicht transportiert werden dürfen. Schwieger kann diese Regel nicht nachvollziehen. „Das wäre ja der Vorteil dieser elektrischen Kleinstfahrzeuge, dass man sie überallhin mitnehmen kann. Und dabei ist es entscheidend, dass die Mobilität nicht blockiert wird."

Die ideale Mobilität sieht zum Beispiel so aus: Statt mit dem Auto in die Innenstadt zu fahren, nimmt man ein öffentliches Verkehrsmittel für die weite Strecke und fährt die letzten Kilometer zum Ziel mit dem eigenen oder einem geliehenen E-Scooter. Erste Erkenntnisse aus den Probanden-Tests zeigen außerdem: „Wenn es zum Ziel nur eine oder zwei Busstationen sind, nehmen die Probanden lieber den E-Scooter, als auf den Bus zu warten", so Schwieger.

Ob jetzt eine Plage auf Innsbruck zurollt oder doch die Revolution der Fortbewegung ansteht, hängt für ihn in erster Linie von einer Frage ab — welche Wege man einspart. Ist es der Fußweg, den man aus Faulheit mit dem E-Scooter zurücklegt? Oder wird tatsächlich der motorisierte Individualverkehr, also das Auto, überflüssig? „Das gehört genau untersucht. Dann weiß man, wie sinnvoll und zukunftsweisend so eine Mobilität ist."

Leihen per App.

Das System zum Ausleihen der E-Scooter funktioniert recht einfach. Man lädt sich die App des Anbieters herunter und meldet sich mit seinen Kreditkartendaten an. Auf einer Karte sieht man, wo in der Umgebung Roller abgestellt sind. Leiht man einen aus, zahlt man eine Grundgebühr von einem Euro. Für jede weitere Minute werden beispielsweise in Wien 15 Cent abgebucht. Die Reichweite der E-Scooter beträgt mit vollem Akku zwischen 20 und 32 Kilometer, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei ca. 25 km/h und kann in bestimmten Gebieten wie Fußgängerzonen gedrosselt werden.

Die „Ernte" einholen. Das Geschäftsmodell der Anbieter basiert nicht nur auf dem Teilen der Fahrgeräte, sondern auch das Aufladen wird geteilt bzw. ausgelagert. Einzelpersonen können sich anmelden, die Roller am Abend einsammeln, quasi „ernten", daheim an der Steckdose aufladen und am Morgen wieder in der Stadt verteilen. Etwa fünf Euro erhält man für einen aufgeladenen E-Scooter. Arbeitnehmervertreter kritisieren diese Beschäftigung, weil sich die Unternehmen Personalkosten sparen und die „Einsammler" in einem atypischen Arbeitsverhältnis stehen.

Nicht auf Gehwegen. Der Nationalrat hat mittels einer Änderung der Straßenverkehrsordnung E-Scooter mit Fahrrädern gleichgestellt. Grundsätzlich verboten wird ab 1. Juni, mit E-Scootern auf Gehsteigen unterwegs zu sein. Allerdings kann die Behörde durch entsprechende Verordnungen auch Gehsteige und Gehwege freigeben.

So funktioniert's.

Wie leiht man sich einen Bird-Roller?

Via App nach einem ähnlichen Prinzip wie bei anderen Sharing-Diensten. auf einer Karte werden die verfügbaren Scooter angezeigt, ist man in der unmittelbaren Nähe, kann man den Roller entsperren und losfahren.

Wie viel kostet das E-Scooter-Sharing?

Pro Fahrt zahlt man einen Grundpreis von einem Euro sowie zusätzlich 15 Cent pro genutzter Minute. Man kann die Fahrzeuge auch über Nacht mieten, bezahlt dann eben die gebühr von 15 Cent pro Minute.

Wer darf Bird nutzen?

Nutzer von Bird müssen in der App bestätigen, dass sie mindestens 18 Jahre alt sind. Ein Lichtbildausweis muss nicht gescannt werden, jedoch ist für die Bezahlung eine Kreditkarte notwendig.

Wie hoch ist die maximale Reichweite eines E-Scooters?

20 km.

Wie schnell fahren die Elektroroller?

Maximal 24 km/h.

Was muss man beim Fahren beachten? Führerschein? Helm?

Man braucht weder Helm noch Führerschein für die Nutzung. Bird empfiehlt zur Sicherheit jedoch das Tragen eines Helms und wird bald auch kostenlose Helme an User verteilen.

Neue Regeln. Der Nationalrat hat mittels einer Änderung der Straßenverkehrsordnung, die gegen die Stimmen von SPÖ und JETZT vereinbart wurde, E-Scooter mit Fahrrädern gleich gestellt. Fahrer haben damit die gleichen Rechte und Pflichten. Das heißt, sie können - wo vorgesehen - gegen die Einbahn fahren, dürfen aber nicht ohne Freisprecheinrichtung telefonieren. Auch die Promille-Grenze von 0,8 ist einzuhalten.

Grundsätzlich verboten wird, mit E-Scootern auf Gehsteigen unterwegs zu sein. Allerdings kann die Behörde durch entsprechende Verordnungen auch Gehsteige und Gehwege freigeben. (TT, APA)