Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 12.05.2019


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Wunsch einer Mama: Was wirklich schön wäre zum Muttertag ...

Einmal im Jahr ist Muttertag und immer wieder dasselbe ungute Gefühl: Eigentlich bekommen wir nicht das geschenkt, was wir brauchen. Ein Plädoyer für mehr Ehrlichkeit am Muttertag und weniger Küchengeräte am Gabentisch.

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Von Andrea Wieser

Dünnes Eis ist das hier. Den Muttertag am Muttertag zu kritisieren, kann eigentlich nicht gut ausgehen. Die Mutter von dem für sie jährlich für einen Tag errichteten Podest zu holen, das verzeiht dir keiner. Dennoch ist es einen Versuch wert. Denn da stimmt was nicht, schon lange nicht. Ich bin Mutter, ich kenne mich aus. An Muttertagen wird gerne das Bild von der sich selbst Aufgebenden, alles für die Kinder Opfernden, nahezu Heiligen skizziert. Bitte seien Sie jetzt ganz tapfer. Dieses Marien-gleiche Wesen gibt es im echten Leben nicht.

Tränen statt schlafen

Insofern habe ich an diesem zweiten Sonntag im Mai konsequent das Gefühl, eine üble Mogelei vertuschen zu müssen. Ich bekomme selbstgebastelte Karten mit „Mama ist die Beste"-Texten darauf und habe Mitleid mit dem Kind, das die Höflichkeitslüge brav mit schwitzenden Händen aufs Papier gekritzelt hat. Ich weiß nicht, ob ich „die Beste" bin. Ich bemühe mich sehr, mehr geht leider nicht.

Mütter sind nämlich Menschen, sie sind nicht perfekt. Sie sind zum Beispiel auch mal müde. Vielleicht sogar die Müdesten. Als mein zweites Kind gerade ein paar Wochen alt war, habe ich in der Küche ein Glas fallen gelassen. Es ist zersplittert. Daraufhin habe ich zu weinen begonnen. So weit, so überspannt. Als ich nach zwei Stunden immer noch geweint habe, wurde meine eigene Mutter um Hilfe gerufen. Das ist nun neun Jahre her. Wenn ich daran denke, muss ich zum Glück nicht mehr weinen, aber ich werde sofort müde. Es ist, als hätte ich bis heute noch nicht ausreichend nachgeschlafen.

Mütter sind aber auch sonst nicht perfekt. Sie sind manchmal schlecht gelaunt, manche kochen nicht besonders, habe ich gehört, und nicht alle wollen immer ihren Kindern zuhören. Darüber hinaus sehen Mütter nicht aus wie in der Werbung. Keine Frau, die ich kenne, hatte zwei Wochen nach dem Kreißsaal eine Modelfigur. Vielmehr sahen wir alle nach einer Schwangerschaft nie wieder aus wie davor. Und das ist auch ok, finde ich.

Deswegen ist mein erster Wunsch zum Muttertag, den ich mir vor allem für junge Frauen erhoffe, nie wieder eine Geschichte über After-Baby-Bodys lesen zu müssen. Das sind jene Storys über Stars, die eben kurz nach der Geburt wieder so aussehen wie vorher. Das Baby unterm Arm, die enge Jeans passt wieder perfekt, alles gut, nix passiert, es ist ein Wunder. Natürlich habe ich von Photoshop gehört. Ich weiß auch, dass es plastische Chirurgie gibt. Aber ich will das gar nicht. Ich will, dass wir stolz sein dürfen auf unsere zusätzlichen Dellen, das zerrissene Bindegewebe und die Jeansgröße mehr.

Ich wünsche mir zum Muttertag eher, dass wir die Mama-Rolle nicht so überfrachten. Dass Mütter nicht für alles verantwortlich sind. Überhöhter Handy-Konsum bei den Kindern? Zu viel Zucker in der Jausenbox? Schlechte Noten in der Schule? Na, das muss doch an der Mutter liegen. Wenn es auch keiner laut ausspricht, wir wissen es doch alle. Ich wünsche mir zum Muttertag also einen Tag ohne schlechtes Gewissen. Einen, an dem ich nicht schuld bin, woran auch immer. Ruhe soll sein, mein Über-Ich soll schweigen, nur für 24 Stunden. Das wäre schön.

Zeit für mehr Stille und Ruhe

Beruflich, weil wir gerade so schön beim Wünschen sind, hätte ich auch was. Es darf sich jetzt endlich was tun. Nach all den Jahren des Jammerns und des Bittens ist die Zeit reif für echte Integration — die der Kinder nämlich. Her mit den betriebseigenen Kindergärten, damit wir nicht mehr diese vielen Wege machen müssen. Noch immer trennen wir die häusliche und die Arbeitswelt. Die Mutter muss zwischen beiden wechseln können, der Vater kennt das Problem oft weniger. Wer wird schon gefragt, wie er trotz der Kinder den Job hinbekommt? Ja die Mutter. Das können Sie nicht mehr hören? Ich auch nicht.

Und ich wünsche mir zum Muttertag von mir selbst, dass ich bei alldem nicht vergesse, meine Kinder zu genießen. Weil wir in diesem Hamsterrad der Leistungsgesellschaft und Selbstoptimierung wenig Zeit haben für das Miteinander, das Kuscheln oder auch gemeinsame Stille. Dass man die Kinder nicht nur als dauerndes Problem sieht (Oje Fieber? Heute ist das aber ungünstig!), das es zu bewältigen gilt.

Ich wünsche mir zum Muttertag mehr moderne Männer, die gemeinsam mit ihren Partnerinnen die Verantwortung für die Kinder tragen. Und für die, die das wollen, ein Papa-Jahr, damit sie ihre Kinder auch kennen lernen können. Denn jetzt mal ehrlich, was ist schon ein Monat, der geht schnell herum. Und für Alleinerzieherinnen, dass sie ein gutes Netzwerk haben. Dass sie viele Menschen haben, auf die sie zählen können. Dass sie Menschen haben, die ihre Kinder so lieben wie sie selbst.

Ich wünsche mir zum Muttertag, dass wir alle feiern, die sich dem Mammutprojekt Kindererziehung stellen oder daran beteiligt­ sind. Da sind auch die Väter zu nennen, es gibt sie schon, die wahren Partner. Und ich denke an die unzähligen Kindergärtnerinnen und leider wenigen Kindergärtner, die für ein moderates Gehalt einen wahnsinnig anstrengenden Job machen (Danke!) und an die Großeltern (Danke!), ohne die die meisten Familien schon längst implodiert wären.

Die Mär von der Vereinbarkeit von Beruf und Familie lastet nämlich nicht unerheblich auf der Großelterngeneration. Wer mit offenen Augen durch die Welt läuft, sieht die Omas und Opas überall, wie sie vormittags Kinderwägen schieben und nachmittags Kinder vom Fußball abholen. Wie sie beim Kinderarzt sitzen, weil die Eltern im Büro sind und keine Zeit für den hartnäckigen Husten haben. Die das verlorene Kuscheltier beim Fundamt abholen, weil das Kind sonst nie, nie, nie wieder glücklich sein wird.

Basteleien für die Ewigkeit

Ich wünsche mir zum Muttertag keine Haushaltsgeräte, keine Pralinen und auch keine Blumen, dafür eine Portion mehr gesellschaftliche Ehrlichkeit und mehr eigene Gelassenheit. Und wichtig, an alle Kindergärtnerinnen: Gegen all das herrliche Selbstgebas­telte richtet sich das hier sicher nicht. Ich liebe die Tonhand des damals Vierjährigen, ebenso das gemusterte Holzbrettl und auch alle aufwändigen Kunst-Objekte. Der Muttertag gehört ordentlich renoviert, aber die kindlichen Bastelarbeiten können so bleiben, wie sie sind. Sie haben den Charme, den man mit Geld nicht kaufen kann.