Letztes Update am Sa, 11.05.2019 12:12

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Magazin

Georg Fraberger im Interview: „Die Liebe fliegt einem zu“

Georg Fraberger steht mitten im Leben. Der Wiener arbeitet als Psychologe, fährt Auto und ist Vater von fünf Kindern – all das, obwohl er ohne Arme und Beine auf die Welt gekommen ist.

Der 45-jährige Georg Fraberger lebt ein normales Leben.

© Foto TT/Rudy De MoorDer 45-jährige Georg Fraberger lebt ein normales Leben.



Herr Fraberger, Sie wurden ohne Beine und Arme geboren. Ihre Familie hat Ihnen aber nie das Gefühl vermittelt, das weiche von der Norm ab. Wann hat Sie der Unterschied erstmals irritiert?

Georg Fraberger: Als meine Brüder Fahrräder bekamen. Von heute auf morgen waren sie so viel schneller als ich im Rollstuhl. Das war die härteste Zeit, weil ich dachte, ich verliere meinen Platz. Ich hatte keinen Grund mehr, das Haus zu verlassen. Das hielt an, bis ich eine Kamera bekommen habe – mit Fernauslöser und kleinem Stativ am Rollstuhl. Fotografie wurde meine große Leidenschaft.

Heute ist Autofahren Ihr Hobby. Wie ist das technisch möglich?

raberger kann die Sitzhöhe seines
elektrischen Roll-
stuhls auf 1,80
 Meter anheben.
raberger kann die Sitzhöhe seines
elektrischen Roll-
stuhls auf 1,80
 Meter anheben.
- Foto TT/Rudy De Moor

Fraberger: Das Auto bediene ich ähnlich wie meinen elektrischen Rollstuhl. Ich habe zwei Joysticks – einen fürs Bremsen bei meinem „Fuß“, einen weiter oben, mit dem ich lenke.

Ihr Rollstuhl ist recht auf fällig, weil er höhenverstellbar ist, sodass Sie mit Ihrer Frau etwa auf Augenhöhe spazieren können. Was sagen Sie Ihren fünf Kindern, wenn Passanten darauf irritiert reagieren?

Fraberger: Wenn die Kinder mich früher fragten, warum ich so bin, sagte ich, es sei wohl eine Laune der Natur. Die Körperteile sind einfach nicht gewachsen. Ich weiß nicht, warum. Heute antworte ich, dass der liebe Gott es so wollte. Reagieren Außenstehende komisch, versuche ich, mit Liebe zu reagieren. Das kostet aber viel Mühe.

Was wäre ein Beispiel, wie Sie bösen Worten mit Liebe begegnen?

Fraberger: Beim Spazieren sagt ein Kind: „Schau, wie hässlich der Garten ist.“ Darauf antworte ich, dass die Besitzer wohl nicht wollen, dass man sie um den Garten beneidet.

Liebe spielt auch in Ihrem Beruf eine große Rolle: Sie arbeiten als Psychologe in Wien. Inwiefern haben sich die Probleme der Klienten im Laufe der Jahre verändert?

Fraberger: Anfangs ging es um Sexualität, Angst, Depression. Im ersten Jahr kamen fast nur Frauen zu mir, die schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht haben. Heute geht es in erster Linie um die Suche nach wahrer Liebe.

"Man braucht weder Hand noch Fuß, sondern einen anderen Menschen", sagt der Autor von fünf Büchern.
"Man braucht weder Hand noch Fuß, sondern einen anderen Menschen", sagt der Autor von fünf Büchern.
- Foto TT/Rudy De Moor

Was bedeutet Liebe für Sie?

Fraberger: Liebe war das Einzige, was mir im Leben geholfen hat – die Liebe meiner Eltern, meiner Ärzte. Ich denke, man braucht Liebe für alles. Liebe für die Welt ermöglicht es, auch mit Menschen liebevoll umzugehen, die man schwer aushält. Die Liebe zu Buchstaben verführt uns zum Lesen, auch nach der Schule.

Warum suchen heute so viele Menschen erfolglos nach Liebe?

Fraberger: Keiner traut sich mehr, schwach zu sein. Das muss man lernen. Hat man etwa Liebeskummer, muss das keine Schwäche sein. Im Gegenteil – man darf dazu stehen.

Ich nehme an, dass Sie vor Ihrer Ehe auch Frauen kennen gelernt haben, die Ihnen Liebeskummer bereitet haben. Wie sind Sie damit umgegangen?

Georg Fraberger wurde ohne Hände und Füße geboren.
Georg Fraberger wurde ohne Hände und Füße geboren.
- Foto TT/Rudy De Moor

Fraberger: Natürlich ist es verlockend, zu sagen, ich wurde wegen der Behinderung abgelehnt. Aber heute glaube ich das nicht mehr. Dieselben­ Frauen hätten mich wohl sonst für eine Nacht genommen und dann auch abgelehnt. Ich finde, Behinderung ist kein Defizit. Sie passt nur nicht ins Schema. Es ist meist gut zu erkennen, ob jemand zu einem passt. Natürlich ist es verlockend, sich in jemanden zu verlieben, der einen auf Distanz hält. Das wirkt auf viele wie ein Magnet, macht aber meist nicht glücklich. Viele denken auch, man müsse sich Liebe verdienen, so wie Geld. Ich denke, Liebe fliegt einem zu. Liebe sollte so leicht sein wie ein Job, den man gern macht. Natürlich muss man sich dafür engagieren, aber es soll keine Qual sein.

Liebe lässt sich unter anderem durch kleine Berührungen, wie Streicheln, ausdrücken. Wie vermitteln Sie Ihrer Frau diese physische Nähe?

Fraberger: Sprache ist eine Art verlängerte Bewegung. Nähe lässt sich durch Worte ausdrücken. Die Schwierigkeit meiner Behinderung ist, dass Bewegung oft platt wirkt. Wenn ich zu meiner Frau komme und im Rollstuhl hoch fahre, sagt sie manchmal „Jetzt nicht“. Humor ist diesbezüglich auch gut!

Um Ihren Alltag zu bewältigen, haben Sie vier Assistenten, die Sie unter anderem in die Dusche tragen und Ihnen helfen sich anzuziehen. Stört Sie diese Nähe manchmal?

Fraberger: Ich habe damit kein Problem. Vor Kurzem hat mich eine Journalistin gefragt, worauf ich achte, wenn ich Assistenten einstelle. Sie müssen lieb, menschlich und nett sein. Die Journalistin hat ganz irritiert gefragt, wie ich auf die Kriterien komme. So etwas kann nur jemand fragen, der keine Ahnung von Nähe hat. Dabei geht es nicht um Kompetenz. Man braucht jemanden, der Nähe aushält. Natürlich ist es gut, wenn ein Pfleger im Spital viel kann. Aber erst wenn er Nähe erträgt, kann Kompetenz entstehen.

Während Ihres Studiums mussten Sie mit dem Rollstuhl zur Uni fahren, weil Bus und Straßenbahn nicht barrierefrei waren. Wie steht es heute um Barrierefreiheit?

Fraberger: Im Prinzip super. Gehsteige sind niedriger, Busse leichter zugänglich. Die technische Welt hat sich deutlich verbessert. Die soziale Welt hingegen ist schneller geworden. Man erwartet, dass ich schneller einsteige, dass alles reibungsloser abläuft.

Flaut die Hilfsbereitschaft ab?

Fraberger: Das mag bitter klingen, aber in Gegenden, wo die Armut höher ist, ist auch die Hilfsbereitschaft höher. Ich habe lange nahe einer Notschlafstelle und einem Freudenhaus gewohnt. Ist mir dort das Handy runtergefallen, haben sofort alle geholfen – von den Damen bis zum Türsteher.

Sie haben bereits fünf Bücher geschrieben. In Ihrem aktuellen steht, dass Sie oft gefragt werden, wie viel Körper der Mensch braucht ...

Fraberger: Man braucht weder Hand noch Fuß, sondern einen anderen Menschen. Einen Menschen, der an dich glaubt. Das reicht.

Das Gespräch führte Judith Sam.