Letztes Update am So, 12.05.2019 07:14

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Georgenberg: Und alle tragen sie ihre Sorgen und Wünsche mit

Nach einjähriger Pause finden in St. Georgenberg oberhalb von Stans wieder Wallfahrten statt. Pater Raphael Klaus Gebauer über die Sehnsüchte der Menschen auf der Suche nach sich selbst und über die Zukunft jener Stätte, an der vor mehr als tausend Jahren für die Benediktiner in Tirol alles begann.

Extremsituation: Das Baumaterial kommt per Hubschrauber.

© Vanessa Rachlé / TTExtremsituation: Das Baumaterial kommt per Hubschrauber.



Es sind nur noch wenige Minuten bis zu dem Wallfahrtsort, der ins Karwendel eingebettet hoch oben auf einem Felsen thront. Nach der 50 Meter langen, gebogenen Holzbrücke aus dem 16. Jahrhundert geht es noch einmal steil hinauf bis zum Kloster und den beiden Kirchen. Nur das Rauschen des Stallenbachs tief unten in der Klamm durchbricht die Stille, doch dann sind es auch die Stimmen einiger Bauarbeiter, die warnen: „Bitte warten!“ Und kurz darauf schon das an diesem Ort unerwartete laute Knattern eines Hubschraubers direkt über ihnen, von dem aus Baumaterial auf den Weg abgeseilt wird. Zum Glück ist Prior-Administrator Pater Raphael nicht nur mit Freundlichkeit, sondern auch mit Geduld gesegnet und wartet ebenfalls.

Pater und Reinigungskraft

Nach der Holzbrücke ist das Ziel nicht mehr weit.
Nach der Holzbrücke ist das Ziel nicht mehr weit.
- Vanessa Rachlé / TT

Als vorerst Einziger unter den Mitbrüdern, die sich derzeit noch im Benediktinerstift Fiecht auf ihren Umzug nach St. Georgenberg vorbereiten, hält er derzeit oben die Stellung – „als Wallfahrtspater, Sakristan und Reinigungskraft in einer Person“, wie er selbst meint. Denn nicht nur die noch bis Sommer andauernden Bauarbeiten wirbeln viel Staub auf, auch in der Wallfahrtskirche hat sich in den vergangenen Monaten viel davon angesammelt. „Zwei Wochen lang habe ich vor der Eröffnung nur Staub gewischt und gewedelt.“ Fast ein Jahr lang gab es während der ersten Phase der aufwändigen Restaurierungsarbeiten aus Sicherheitsgründen keine Wallfahrten, Neubeginn war am Ostersonntag mit der Auferstehungsfeier um 5 Uhr morgens unter „sehr großer Beteiligung“, wie Pater Raphael erzählt.

Schon sehnsüchtig gewartet

„Man hat gemerkt, die Leute haben schon sehnsüchtig darauf gewartet, dass es wieder losgeht und auch die Gastwirtschaft wieder öffnet“ kann er erzählen. Dort oben, wo alles seinen Anfang nahm – der älteste Tiroler Wallfahrtsort und das Ursprungskloster der Fiechter Benediktiner wurden schon 950 urkundlich erwähnt –, an diesem Kraftort, wie es heißt, finden sich zu den Nachtfahrten immer an jedem 13. des Monats vom Frühjahr bis zum Herbst bis zu 500 Menschen und mehr ein.

 Raphael Klaus Gebauer OSB lebt derzeit noch aus dem Koffer.
Raphael Klaus Gebauer OSB lebt derzeit noch aus dem Koffer.
- Vanessa Rachlé / TT

Viele machen sich auch allein auf den Weg. „Egal, ob die Sonne scheint oder ob es regnet, irgendjemand kommt immer und trägt seine Sorgen und Wünsche herauf“, sagt Gerd Lieb, Wirt im Wallfahrtsgasthaus St. Georgenberg. „Viele von ihnen sind schon seit vielen Jahren mit dem Georgenberg verbunden und kommen regelmäßig.“ Ihnen serviert er zum Lohn für die Mühe und zur Kräftigung die größten Knödel, die manche wohl bis zu diesem Zeitpunkt gegessen haben.

Auf dem Fundament des 1704 abgebrannten Teils entsteht ein Neubau mit Gästebereich und Pforte.
Auf dem Fundament des 1704 abgebrannten Teils entsteht ein Neubau mit Gästebereich und Pforte.
- Vanessa Rachlé / TT

Es sind Menschen aus ganz Tirol und Österreich, aber auch aus Deutschland, die sich auf den Weg machen. Der Georgenberg ist vom Benediktinerstift in Fiecht oder durch die Wolfsklamm von Stans aus in etwa eineinhalb Stunden zu erreichen.

In der Wallfahrtskirche wird es ruhiger. Der Durchgang hinter dem Hochaltar wird ersetzt durch einen angebauten Gang außerhalb der Kirche.
In der Wallfahrtskirche wird es ruhiger. Der Durchgang hinter dem Hochaltar wird ersetzt durch einen angebauten Gang außerhalb der Kirche.
- Vanessa Rachlé / TT

Die Leute sind auf der Suche

„Ich glaube, dass die Leute einfach auf der Suche sind“, sagt Wallfahrtspater Raphael. „Die Frage ist: Was suchen sie? Gott oder sich selbst?“ Für ihn selbst gehört natürlich beides zusammen: „Wer Gott sucht, findet zu sich selbst und umgekehrt. Aber vielen Leuten ist das nicht so bewusst.“

Gastwirt Gerd Lieb.
Gastwirt Gerd Lieb.
- Vanessa Rachlé / TT

Wer mehr als nur einen Tagesausflug für Körper, Geist und Seele braucht, bleibt ein Wochenende oder auch eine ganze Woche – unter ihnen auch Manager, unter anderem von der McKinsey-Unternehmensberatung. „Manche kommen und sagen, sie hätten ein Burnout, aber das gibt es für mich nicht. Für mich ist es eine schwere Depression.“

Eine extreme Baustelle

Die geistige Begleitung, aber auch die Ruhe an diesem Ort kann ihnen helfen, ist der Prior-Administrator überzeugt und deutet auf die neuen Fenster und den darunter liegenden Gastgarten: „Sie sind schalldicht.“ Bei dem Rundgang durch die Baustelle wird klar, unter welch schwierigen Bedingungen die Restaurierungsarbeiten durchgeführt werden. „Wir haben wirklich wenig Platz hier oben, es ist eine extreme Situation, alles ist sehr steil“, schildert Pater Raphael. Deshalb musste auch der Gastgarten als Lagerplatz für die Baumaterialien herhalten, außerdem wurden am Abhang zwei Holzplattformen dafür gebaut. Pro Woche sind mehrere Hubschrauberflüge nötig.

Auf dem Fundament des alten Klosters, das 1704 abgebrannt ist und auf dem bis zuletzt ein Holzschupfen stand, entstand in einem Neubau der neue Eingangsbereich, die Pforte des Klosters. Mit Ausnahme der Kirche bleibt kein Bereich unverändert, alles wird mit viel Aufwand großzügig generalsaniert – „weil hier wird nicht nur für uns Mönche gebaut, sondern für die Zukunft, um St. Georgenberg zu erhalten“.

Am Dachboden wird es eine Bibliothek geben.
Am Dachboden wird es eine Bibliothek geben.
- Vanessa Rachlé / TT

Ein Jahr lang hat er sich mit seinen Mitbrüdern intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt und vor allem mit der Frage: „Was soll mit dem Stift Fiecht und dem Georgenberg geschehen?“ Gemeinsam trafen sie die Entscheidung, das Kloster im Tal aufzugeben, wo zur Blütezeit rund 40 Mönche gelebt haben.

Sechs Mitbrüder werden nach St. Georgenberg ziehen, zwei weitere unten im Stift in einem Wohnbereich bleiben, der ihnen zur Verfügung steht, um so die benediktinische Präsenz zu erhalten. Die anderen bereiten sich bereits auf ihre Übersiedlung vor und werden sich dabei wohl von einigen irdischen Gütern trennen, wie Pater Raphael meint. Die Mönchszellen im Klausurbereich – jeweils mit Dusche und WC ausgestattet – sind kleiner als unten im großen Stift. Sein Zimmer ist das Einzige, in dem bereits ein schmales Bett steht, darauf ein großer Koffer, aus dem mehrere Paar Jeans und warme Pullover und Jacken ragen.

„Ich lebe derzeit aus dem Koffer“, sagt Pater Raphael, der jeweils einen halben Tag am Berg und im Kloster verbringt, um dort als Oberer nach dem Rechten zu sehen.

Viele Feierlichkeiten geplant

In wenigen Stunden soll sein Kleiderschrank angeliefert werden. Die Einrichtung ist bescheiden, auf dem Bücherregal hinter seinem Schreibtisch steht eine Paterfigur mit einem riesigen Schlüssel – „ein Geschenk der ehemaligen Wirte“. Der größere Raum mit der Stuckdecke – das frühere Zimmer des Abtes – will er nicht für sich haben, er soll als Aufenthaltsraum der Gemeinschaft zur Verfügung stehen.

Über diesen Gang gelangt man zu den Zimmern der Mönche.
Über diesen Gang gelangt man zu den Zimmern der Mönche.
- Vanessa Rachlé / TT

In diesem Trakt sind die Benediktiner unter sich, anders ist das in der neuen Chorkapelle, in der die Mönche auch im Winter beten und Gottesdienste feiern können. Jeder ist eingeladen, mit dabei zu sein. Die Kirche selbst ist nicht beheizt. Im Sommer ist ein Tag der offenen Tür geplant, die Einweihung des Klosters durch Bischof Hermann Glettler findet am 8. September statt.