Letztes Update am So, 19.05.2019 07:40

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Wichtigste Balkonregel: „Pflanzen Sie nicht für die Nachbarn“

Endlich ist der Schnee geschmolzen. Höchste Zeit, farbenfrohe Oasen zu zaubern. Wie man welke Blüten und schlaffe Blätter am Balkon vermeidet, wissen René Wadas, der „Arzt“, dem die Pflanzen vertrauen, und Gartenbauingenieurin Dorothée Waechter.

Mittlerweile halten die Eisheiligen Tirol nicht mehr im Würgegriff – höchste Zeit, die Balkonblumen zu setzen.

© iStockphotoMittlerweile halten die Eisheiligen Tirol nicht mehr im Würgegriff – höchste Zeit, die Balkonblumen zu setzen.



Von Judith Sam

Honigwasser als Dünger? Bier gegen Blattläuse? Im Internet kursieren die wildesten Gerüchte über die Pflege von Balkonpflanzen. Es geht so weit, dass man seinen Begonien etwas vorsingen soll, um ihr Wachstum anzuregen. Kann man natürlich machen. Wenn man tolerante Nachbarn hat. Damit sind wir schon beim Thema. Nicht im Bezug aufs Singen – das wird die Blumen kaum beeindrucken –, sondern im Bezug auf die Nachbarn. Die erste Balkonregel von Blumenexpertin Dorothée Waechter lautet nämlich: „Pflanzen Sie, was Ihnen Freude bereitet. Das ist wichtiger, als Ihre Nachbarn zu beeindrucken.“

Mit den Tipps der gebürtigen Dortmunderin, die Gartenbau studiert und mehrere „grüne“ Bücher herausgegeben hat, können auch Laien farbenfrohe Erfolge erzielen: „Mit dem Ende der Eisheiligen am 15. Mai beginnt die optimale Zeit, um Balkonblumen einzusetzen.“

Schritt eins zum Blumenmeer lautet: „Reinigen Sie die Blumenkübel.“ Desinfizieren ist nicht notwendig. Abspülen mit heißem Wasser reicht aus, um auch Rückstände von Krankheiten wie Mehltau zu entfernen. Oder man beherzigt künftig den Rat des selbsternannten „Pflanzenarztes“ René Wadas, dessen Balkonblumen schon 20 Jahre alt sind: „Ich muss sie nicht einsetzen, sondern nur aus der Garage holen, wo sie überwintert haben, und neue Erde in die Kübel füllen.“ Praktisch.

Es bedarf aber viel Wissen, damit Blumen so alt werden: „Wichtig ist die Größe des Kübels. Je üppiger, desto mehr Platz hat die Pflanze zum Wurzeln.“ Zudem lässt sich mehr Erde einfüllen. Die speichert zum einen viel Wasser – was gerade an heißen Tagen wichtig ist, damit die Blumen nicht welken, wenn man sie ein paar Tage nicht gießt. Zum anderen beinhaltet viel Erde mehr Nährstoffe. Schön und gut. Das erklärt aber nicht, warum Wadas gerne mal eine Hand voll Erde in seiner Faust zusammenpresst, bevor er sie kauft: „Ein Trick. Je hochwertiger die Erde, desto mehr Luft enthält sie. Wurzeln – das Gehirn der Pflanze – faulen, wenn keine Luft zu ihnen dringt.“ Darum verwendet der niedersächsische Gärtnermeister nur Erde, die nach dem Zusammenpressen auseinanderfällt. Beim Kauf gilt es außerdem, auf hohen Humusgehalt sowie Anteile von mineralischen Bestandteilen wie Lehm und Gesteinsmehl zu achten.

Schafwolle im Blumenkübel

Entsteht übrigens im Laufe des Sommers ein Schlitz zwischen Topfrand und Erde, schließt Waechter daraus, dass der Humus aufgebraucht ist: „Auch Langzeitdünger, der zum Teil bereits in der Erde enthalten ist, ist nach gut acht Wochen aufgezehrt. Höchste Zeit, nun Dünger zu verwenden.“

Flüssigdünger setzt die Gartenbau-Ingenieurin dem Gießwasser in kühlen Zeiten alle 14 Tage zu, zur Blüten-Hochsaison im Sommer jede Woche: „Die Nährstoffe, die in solchen Düngemitteln enthalten sind, kann die Pflanze sofort umsetzen.“ Verwendet man stattdessen Schafwolle oder Hornspäne zum Düngen, ist zu bedenken, dass Bodenorganismen vier bis sechs Wochen brauchen, um daraus Nährstoffe aufzunehmen.

Genug der Vorbereitung. „Kommen wir endlich zur Wahl der Balkonpflanzen. Jedes Jahr werden neue Sorten angeboten, die angeblich regenfester sind oder verwelkte Teile abwerfen“, sagt Waechter.

So verführerisch das klingt – von diesen Blumen rät die Gartenjournalistin eher ab: „Warten Sie ab, ob sich die Sorten bewähren. Oft zeigt sich, dass sie etwa nicht windfest sind oder rasch verblühen.“

Wer ein wenig experimentieren will, dem empfiehlt Wadas, Rankpflanzen wie Hopfen zu setzen: „Der blüht wunderbar und ist ein Traum für Insekten.“ Ein wichtiger Aspekt, denn immer mehr Hobbygärtner stellen Insektenhotels auf: „Aber wer will schon in ein Hotel einziehen, wo kein Frühstück angeboten wird?“

Um Insekten den ganzen Komfort zu bieten, gilt es Blumen mit sogenannten ungefüllten Blüten auszuwählen: „Diese natürliche Form der Blüte enthält noch Pollen und dient zur Nektarproduktion.“ Bei gefüllten Blüten hingegen werden Insekten nicht fündig, weil die Zahl der Blütenblätter durch Zucht vermehrt wurde, wodurch es kaum noch Pollen in der Blüte gibt.

Jolly Bee und Federgras

Auf die Frage nach der optimalen Blumenkombination für den Balkon wird auch Waechter kreativ: „Ich finde, nur aufrecht stehende Blumen im Kübel wirken stumpf. Kombinieren Sie Geranium Jolly Bee und Storchenschnabel mit hängenden wie Blaumäulchen, nutzen Sie Pflücksalat als Lückenfüller und setzten Sie Gaura und Stipa tenuissima – mexikanisches Federgras – dazwischen.“

Klingt beinahe, als könnten so auch Blumenlaien, die dachten, sie hätten keinen grünen, sondern höchstens einen braunen Daumen, ein Blütenmeer auf ihre Balkone zaubern. Um dieses Ziel noch greifbarer zu machen, empfiehlt Waechter Blumen-Neulingen pflegeleichte Pflanzen wie Spanische Gänseblümchen, Duftgeranien und Schneeflockenblumen.

Sollten sich trotz aller Mühe Krankheiten oder Schädlinge auf der bunten Pracht breit machen, ist das laut Wades kein Grund zu verzweifeln: „Meine Kunden klagen oft über Blattläuse. Natürlich sind die lästig, aber hält sich ihre Zahl im Rahmen, würde ich nichts unternehmen, weil Vögel diese Parasiten gerne von den Blättern zupfen und sich das Problem so von selbst löst.“ Ist das nicht der Fall, rät er, zehn Milliliter Rapsöl mit einem Liter Wasser zu vermischen und auf die Pflanzen zu spritzen.

Der Schönwetterpilz

Die häufigste Krankheit wiederum ist Mehltau: „Normalerweise sprießen Pilze bei Feuchtigkeit. Darum sollte man Balkonblumen morgens gießen. So trocknet die Erde rascher, als würde man am kühlen Abend gießen, es bleibt nicht so feucht und Pilzkrankheiten können sich schlechter etablieren.“ Im Gegensatz zu den meis­ten Pilzen ist Mehltau jedoch ein Schönwetterpilz, der die Sonne liebt und dessen Sporen vom Wind angeweht werden. Ihm rückt man am besten zu Leibe, indem man eine Mischung aus einem Teil Vollmilch und sechs Teilen Wasser verrührt und auf die Blätter spritzt.

Bleibt nur noch eines zu sagen: „Führen Sie Gartentagebuch. Wer dort Erfolge und Fehler notiert, profitiert kommendes Jahr davon.“