Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 24.05.2019


Verbraucherschutz

Gemeinsame Kundenkarten durchleuchten Kunden

Gemeinsame Kundenkarten mehrerer Geschäfte sollen die Geldtasche schlanker machen. Der Kunde gibt dafür sein Einkaufsverhalten preis, die versprochenen Rabatte sind gering.

Mehr Kundenkarten als Geldscheine haben viele Konsumenten in der Tasche. Zusammenschlüsse von Kundenklub-Programmen liegen derzeit im Trend.

© TrogerMehr Kundenkarten als Geldscheine haben viele Konsumenten in der Tasche. Zusammenschlüsse von Kundenklub-Programmen liegen derzeit im Trend.



Von Beate Troger

Innsbruck – Jeder Konsument kennt die Frage an der Kassa: „Haben Sie eine Kundenkarte?“ Kein Wunder, von der Modekette über den Franchise-Friseur bis zum Supermarkt ums Eck haben fast alle größeren Handelsunternehmen eigene Kundenbindungsprogramme. Wer sich für den Klub anmeldet, bekommt die Plastikkarte ausgehändigt – mit dem Versprechen, von speziellen Rabatten zu profitieren und günstiger einkaufen zu können.

Doch beim Verein für Konsumenteninformation (VKI) betrachtet man nicht nur die Werbung mit Vergünstigungen kritisch. „Die Vorteile sind marginal und machen nur wenige Prozent aus“, warnt Bernd Lausecker, Finanzexperte beim VKI.

Die Handelsunternehmen vergeben die Rabatte nämlich nicht aus Großzügigkeit und Nächstenliebe, sondern weil sie im Gegenzug die Daten der Kunden bekommen, ziemlich viele sogar. Nicht nur Name, Geburtsdatum und Adresse werden gespeichert, sondern alle Einkäufe, die mit der Klubkarte getätigt werden. Diese Datensammlungen sind den Konsumentenschützern ein Dorn im Auge.

Wer sich für ein Kundenbindungsprogramm anmeldet, lege dafür sein gesamtes Einkaufsverhalten offen und zahle für das Programm mit seinen Daten, sagt Lausecker. Darüber hinaus werde der Konsument durch das Punktesammeln verführt, immer im selben Geschäft einzukaufen und noch mehr in das Einkaufswagerl zu legen, als er vielleicht unbedingt braucht.

Laut einer Rewe-Erhebung steckt bei mehr als fünf Millionen Österreichern zumindest eine Kundenkarte in der Tasche – im Durchschnitt sollen es sogar vierzehn sein.

Um den Kartensalat in der Geldtasche zu lichten, setzen immer mehr Unternehmen auf gemeinsame Treueklubs. So initiierte der Rewe-Konzern mit seinen Handelsketten Billa, Bipa, Merkur und Penny einen gemeinsamen Punktesammel-Klub, den „jö-Bonus-Club“, und holte u. a. auch Libro, Interio und die OMV-Tankstellen ins Boot.

Damit will der größte heimische Einzelhandelskonzern dem Kundenbindungsprogramm von Payback Konkurrenz machen. Ende April vorigen Jahres sattelte der dm-Drogeriemarkt von seinem eigenen Treueklub auf das Payback-System um. Mehr als 2,5 Mio. Kunden haben sich dort bereits angemeldet. Mit an Bord sind u. a. auch die AUA, Fressnapf, die BP-Tankstellen und mehrere Online-Shops.

Beide großen Multi-Partner-Programme arbeiten nach demselben System: Für jeden Einkauf gibt es Punkte, die man für Prämien oder Rabatte einlösen kann. Wer etwa im Rewe-Bonus-Club bei Billa um mehr als 400 Euro einkauft, bekommt für einen Einkauf im Folgemonat immerhin 20 Prozent Rabatt.

Und genau diese Preisreduktionen sind es, auf die Konsumenten abfahren. „Kunden sind grundsätzlich enorm anfällig, wenn ihnen Vergünstigungen in Aussicht gestellt werden“, erklärt UMIT- Professor Robert Schorn, der in Hall über Konsumentenpsychologie forscht. „Analog zum Lotto oder anderen Gewinnspielen agieren sie bei Aktionen irrational“, sagt er.

Die Kärtchen seien ein Instrument zur Kundenbindung, das für die Unternehmen ausgezeichnet funktioniere. Der Großteil der Konsumenten wisse gar nicht, welches Produkt wo wie viel koste und zahlen unterm Strich mehr. „Und wenn man etwas braucht, kauft man eher dort ein, wo man auch Punkte sammeln kann“, meint Schorn.

Dass es die Kundenklubs vor allem auf die Daten der Kunden abgesehen haben, geben sie ganz unverblümt zu. „Grundsätzlich erheben wir Daten zu Ihrem Einkaufsverhalten, Ihren Präferenzen und Dingen, die Sie interessieren oder interessieren könnten“, steht wortwörtlich auf der jö-Webseite. „Dies hilft uns, unser Angebot nach Ihren Präferenzen so attraktiv wie nur möglich zu gestalten.“

Je mehr Partner bei den Karten an Bord sind, umso transparenter wird der Kunde. Der Konzern weiß alles: von der Tiefkühlpizza, die sonntags bei der Tankstelle gekauft wird, bis hin zu den intimsten Körperpflegeprodukten.

In den Unternehmen werden umfangreiche Kundenprofile angelegt. „Die Handelskette weiß, dass jemand regelmäßig etwa Windeln einkauft und könnte das Einkaufsverhalten im Detail beobachten“, erklärt Schorn.

Damit könnte festgehalten werden, wie dieser Kunde auf Preiserhöhungen oder eine neue Platzierung des Produkts im Geschäft reagiert. Welche Daten nun tatsächlich auf den Servern der Konzerne gespeichert werden, wissen wohl nur die Unternehmen selbst. „Im Zeitalter von Big Data ist davon auszugehen, dass die Datensätze groß sind“, sagt der Experte.

Grundsätzlich abraten würde er von Rabattkarten nicht. Stattdessen rät er zu Stempelpässen, mit denen man etwa nach zehn Tassen Kaffee eine gratis bekommt: „Die Vorteile für den Kunden sind überschaubar und es werden keine Daten aufgezeichnet.“