Letztes Update am So, 26.05.2019 07:16

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Magazin

Man sieht den Wald vor lauter Schaden nicht

Wer derzeit in Tirols Wäldern spazieren geht, sieht es: Schnee und Stürme haben eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Waldbesitzer wie Hannes Millinger aus St. Johann kommen mit dem Aufräumen fast nicht hinterher.

So sah der Wald bei Dölsach nach einem Sturm im Herbst aus.

© Foto TT/Rudy De MoorSo sah der Wald bei Dölsach nach einem Sturm im Herbst aus.



Von Theresa Mair und Matthias Christler

Seit zwei Monaten ist Hannes Millinger damit beschäftigt, die Schäden des Winters zu verräumen.
Seit zwei Monaten ist Hannes Millinger damit beschäftigt, die Schäden des Winters zu verräumen.
- Foto TT/Rudy De Moor

Es sieht aus, als hätte Godzilla Mikado gespielt. Eine Spur der Verwüstung zieht sich durch den Wald. Traktorreifen haben sich tief in den lettigen Boden gegraben, überall liegen abgebrochene Äste herum, einige Bäume sind umgeknickt – wie Zahnstocher. Anderen fehlt der Wipfel. Viele haben abgeschürfte Rinden. Mittendrin im mitgenommenen Fichten-Jungwald steht Hannes Millinger.

Seit zwei Monaten räumt er dem Winter hinterher. Die am Wegrand sortierten Haufen – Bauholz, das meiste Brennholz und Äste – zeugen davon. Denn Schauplatz dieser Szenerie ist nicht der Abenteuerspielplatz des japanischen Monsters aller Monster, auch nicht Jurassic Park. Es ist der Alpbachgraben, ein Waldstück an der Nordseite des Kitzbüheler Horns in St. Johann. Die Bäume haben dem schweren Schnee nicht standgehalten.

Mit der Motorsäge schneidet er Äste von einem umgestürzten Baum.
Mit der Motorsäge schneidet er Äste von einem umgestürzten Baum.
- Foto TT/Rudy De Moor

Millinger, 52, groß gewachsen, Vollerwerbsbauer in St. Johann, ist die viele Arbeit anzusehen. „Das Gewand wasche ich schon nicht mehr“, deutet er auf seine dreckige Schnittschutzhose und Jacke. Es würde nichts bringen, am nächs­ten Tag schaue alles wieder gleich aus. Wäre es ein normaler Winter gewesen, wäre er mit der Aufräumerei in zwei Wochen fertig gewesen. In einem normalen Jahr holt er um die 50 Festmeter Holz aus seinem 35 Hektar großen Wald. Er wählt es im Herbst, wenn alles trocken ist, aus und schlägt es gezielt. Normal ist heuer nichts. 300 Festmeter Holz müssen raus. Davon rechnet er, dass 80 bis 100 Festmeter zum Verheizen sein werden. „Ein Drittel vom Jungwald ist hin.“ Und die Zeit drängt. Denn sobald es warm wird, ist der Borkenkäfer da und macht kaputt, was nicht rechtzeitig gerettet werden konnte.

Der verletzte Zukunftsbaum

Das Frühjahr sei eigentlich keine gute Zeit für solch umfangreiche Schläge-Arbeit. Man müsse aufpassen, dass man dabei nicht noch mehr Schaden anrichtet. Besser wäre, wenn man erst im Herbst schlagen könnte. Denn: „Die Bäume stehen jetzt voll im Saft“, sagt Millinger und meint, dass sie damit auch verletzungsanfälliger sind. Mit der Hand zeigt er auf einen Stamm, von dem sich die Rinde löst. Die Wunde wurde wahrscheinlich beim Herausziehen eines anderen Baumes aufgerissen, der an ihm gestreift ist. Der Stamm wird von innen heraus faulen. Den Baum kann Millinger abschreiben. Einst war er ein Zukunftsbaum, der in 30 Jahren gutes Geld gebracht hätte.

Ein Harvester richtet die bereitgelegten Stämme passend zum Abtransport her.
Ein Harvester richtet die bereitgelegten Stämme passend zum Abtransport her.
- Foto TT/Rudy De Moor

Das ist nicht das einzige Dilemma der Waldbesitzer. Unmengen Schadholz in Tirol und Südtirol, Käferholz in Bayern haben den Holzpreis zu Fall gebracht. Er ist um ein Drittel gesunken. Das lag aber nicht nur am schneereichen Winter, sondern vor allem auch am 29. Oktober 2018 – dem Tag des großen Sturms. Mehr als 600.000 Kubikmeter Schadholz gingen im vergangenen Jahr auf den Wind zurück, 80 Prozent davon allein in Osttirol. Der Dölsacher Waldaufseher Franz Mietschnig zählt den Schaden in seiner Gemeinde auf: „Normalerweise sind 4000 bis 5000 Festmeter Holz betroffen, durch den Windbruch sind wir auf 40.000 Festmeter gekommen, also das Zehnfache“, spricht er stellvertretend für 60 bis 70 betroffene Waldbesitzer in der Gemeinde im Lienzer Talboden.

Ein Dölsacher Großbesitzer habe 80 Prozent seines Waldes verloren, zusammen mit den vielen auch kleinstrukturierten Besitzern arbeitet man seit Herbst den Schaden auf. Es mussten temporäre Seilbahnen errichtet und Wege angelegt werden. All das gleicht einer Sisyphus-Arbeit. „Wir haben im Herbst schon viel gearbeitet, auch im Jänner viel weggebracht und sind jetzt in etwa bei der Hälfte. Heuer werden wir nicht mehr fertig“, seufzt Mietschnig. Und trotz all der Anstrengungen bei der vielen zusätzlichen Arbeit neben der Landwirtschaft oder anderen Berufen kann schon der nächste Sturm kommen und es geht wieder von vorne los.

Schneller als der Borkenkäfer­

Im Hier und Jetzt ist Franz Mietschnig aber erst einmal froh, dass er und seine Kollegen das Holz in den tiefer liegenden, wärmeren Gebieten entfernt haben. „Um dem Borkenkäfer keine Angriffsfläche zu bieten.“

Zurück nach St. Johann, wo man genauso nicht alles aus dem Wald holt, was eigentlich raus müsste. Millinger hofft, dass so mancher Baum noch ein, zwei Jahre lang durchhält und der Holzpreis sich auch wieder erholt. „Der Wald ist so ein bisschen mein Sparbuch. Wenn ich schnell Geld brauche, suche ich mir drei Bäume aus, schlage sie und habe am Abend 500 Euro in der Tasche. Und natürlich will man auch den Nachkommen einen guten Wald hinterlassen.“ Das ist das Stichwort.

Millinger steht allein im Wald. Das geht, weil er die Seilwinde an seinem roten Steyr-Traktor über Funk steuern kann. Sein Sohn macht eine Zimmererlehre und kann ihm nicht ständig zur Hand gehen. Die Nachbarn, die sonst untereinander zusammenhalten, kommen selber mit der Waldarbeit kaum nach. Das heißt aber auch, dass Millinger bei jedem Wetter in den Wald muss, „außer, wenn es total schifft“. Das wäre dann auch ihm zu gefährlich, der jetzt – am Hochwald angelangt – locker-lässig auf einem Baum herumbalanziert.

Millinger zeigt eine abgeschürfte Rinde. Der Schaden ist beim Aufräumen entstanden.
Millinger zeigt eine abgeschürfte Rinde. Der Schaden ist beim Aufräumen entstanden.
- Foto TT/Rudy De Moor

Die mächtige Tanne mit ebenso mächtiger Wurzel hängt quer über den Weg, eine andere klemmt zwischen den Seiten des Grabens. Die Rinde ist rutschig, der Baum steht unter Spannung. Ein falscher Schnitt mit der Motorsäge und es zerreißt den Stamm.

Millinger belässt es dabei, die Äste abzuschneiden und beschließt, mit der gefährlichen Schneiderei aufs Wochenende zu warten, wenn der Sohn Zeit hat. Dann hängen sie zur Sicherheit die Wurzel mit dem Seil an und einer schneidet den Stamm mit der Motorsäge über Kopf in Stücke. „Da geht der Herzschlag schon höher. Das ist ein ungutes Gefühl, wenn der Baum über dir ist. Der wiegt ja ein paar Tonnen.“

Trotzdem, jammern will Millinger nicht, die Arbeit im Wald sei auch schön. Das werde ihm jeden Abend bewusst, wenn er seine Arbeitsjacke über den Kachelofen hängt und der Duft der Bäume die Luft erfüllt. Zwar sei er anfangs, als er das Ausmaß des Schadens gesehen habe, schon einigermaßen verzweifelt gewesen.

„Wenn der Baum über dir ist, dann ist das ein ungutes Gefühl. Da geht der Herzschlag höher", so Hannes Millinger, 
St. Johann.
„Wenn der Baum über dir ist, dann ist das ein ungutes Gefühl. Da geht der Herzschlag höher", so Hannes Millinger, 
St. Johann.
- Foto TT/Rudy De Moor
Weil Osttirol von Schneemassen verschont blieb, konnte im Winter viel gearbeitet werden.
Weil Osttirol von Schneemassen verschont blieb, konnte im Winter viel gearbeitet werden.
- Foto TT/Rudy De Moor

Licht kommt ins Dunkel

Doch jetzt ist wieder etwas Licht in den dunklen Wald gekommen. Wenige Meter oberhalb seines Waldstückes ist nämlich gerade ein Harvester zugange. Die Riesenmaschine mit der futuris­tischen Kabine lässt einen gleich wieder an Godzilla denken.

Am Steuer sitzt aber Franz Stückl aus Benediktbeuern in Bay­ern. Mit dem Greifarm schnappt er sich einen auf der Seite liegenden Baum nach dem anderen, ent­astet ihn und schneidet ihn ruck, zuck in vier Meter lange Stücke inklusive zehn Zentimeter Übermaß – so wie es das Sägewerk verlangt – abholbereit für den Lkw.

Für Millinger ist die Riesenmaschine weniger Godzilla, vielmehr „der Retter in der Not. Die 140 Euro in der Stunde zahle ich gern“, sagt er. Eine Woche muss der Bauer jetzt noch durchhalten. Dann will er den strapaziösen Frühjahrsputz im Wald erledigt haben.

Bisher wurde in Dölsach die Hälfte des Schadholzes entfernt.
Bisher wurde in Dölsach die Hälfte des Schadholzes entfernt.
- Foto TT/Rudy De Moor



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