Letztes Update am Sa, 01.06.2019 14:36

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Physiker Werner Gruber: „In der Wissenschaft schlägt Zahl Gefühl“

In seinem neuen Buch „Flirten mit den Sternen“ erklärt Physiker Werner Gruber die Geheimnisse des Universums so, dass sich auch für Laien der Blick in die Sterne lohnt. Ein Gespräch über wissenschaftlichen Neid, tragische Missverständnisse und das Schwarze Loch, das er knapp verpasst hat.

Physiker Werner Gruber leitet das Planetarium Wien, die Kuffner Sternwarte und die Urania Sternwarte.

© imagoPhysiker Werner Gruber leitet das Planetarium Wien, die Kuffner Sternwarte und die Urania Sternwarte.



Mit „Flirten mit den Sternen“ ist Ihnen ein bewusst niederschwelliges Buch über das gelungen, was wir über das Universum wissen.

Werner Gruber: Das jedenfalls war mein Anspruch. Es gibt irrsinnig viele populärwissenschaftliche Bücher für Menschen, die sich schon ein bisschen auskennen, aber es gibt so gut wie nichts für absolute Laien. Was zur Folge hat, dass viele gar nicht wissen können, wie sehr sie sich für Astronomie und Physik interessieren.

Mein Interesse als zweifellos absoluter Laie jedenfalls wurde geweckt.

Gruber: Ist Ihnen der große Fehler des Buches gar nicht aufgefallen?

Klären Sie mich auf, bevor es peinlich wird.

Buchtipp

„Flirten mit den Sternen“:

Flirten ist eine versuchte Annäherung. Werner Gruber lädt mit „Flirten in den Sternen“ (Ecowin, 208 Seiten, 24 Euro) ein

zum Engtanz mit dem Universum, erklärt anschaulich, was „Sternderlschauer“ sehen und räumt mit manchen Mythen mit unvergleichlicher Nonchalance auf.

Gruber: Ich widme dem Umstand, dass es keine Darstellung eines Schwarzen Loches gibt mehrere Seiten. Da hat mich die Gegenwart überholt. Als das Foto des Schwarzen Loches präsentiert wurde, war das Buch schon gedruckt.

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Das Bild hat unseren Flirt mit dem Universum intensiviert. Aber welche Bedeutung hat es tatsächlich?

Gruber: Sagen wir so: Eines der letzten großen Dinge, die in Einsteins Relativitätstheorie noch nicht bestätigt war, waren Schwarze Löcher. Ein Schwarzes Loch kommt den Grenzen des Vorstellbaren, des Denk- und Berechenbaren sehr nahe. Einstein sprach von „Singularitäten“. Bis in die 1970er-Jahre wurde für möglich gehalten, dass die Relativitätstheorie unvollständig oder gar falsch sei. Jetzt wissen wir: Auch mit den Schwarzen Löchern hatte er Recht. Wir können ein Hakerl dahinter machen – und uns dem nächsten Problem widmen.

Dass auch das Unvorstellbare berechenbar ist, fasziniert mich.

Gruber: Das ist doch geil.

Aber es ist schwer zu vermitteln.

Gruber: Ende des 19. Jahrhunderts hat Ludwig Boltzmann mit seiner Wärmelehre die Existenz von Atomen bewiesen. Und wie reagierte die Uni Wien? „Herr Boltzmann, Sie haben da eine schöne Theorie, aber bevor wir kein Atom gesehen haben, glauben wir es nicht.“ Die erste Darstellung eines Einzel­atoms gab es 1983. Da war Boltzmann schon seit fast 80 Jahren tot.

Gerade die Geschichte der Wissenschaft ist reich an tragischen Missverständnissen.

Gruber: Neue Erkenntnisse kommen selten aus dem Nichts. Sie orientieren sich am Bekannten, schließen daran an, erweitern es. Wenn, wie im Fall der Relativitätstheorie, etwas ganz Neues, Revolutionäres daherkommt, wirft das viel durcheinander. Aber letztlich gilt in der Naturwissenschaft eine Regel: Zahl gewinnt gegen das Gefühl. Sobald ich etwas berechnen kann, habe ich gewonnen. Im Unterschied zur Politik zum Beispiel: Ich kann die Kriminalstatistik rauf- und runterbeten und immer wieder darauf hinweisen, dass Österreich zu den sichersten Ländern der Welt gehört, aber entscheidend ist nicht, ob die Leute sicher sind, sondern dass sie sich unsicher fühlen.

Auch das Bild des Schwarzen Loches wurde als emotionales Event präsentiert.

Gruber: Ich kann nur sagen, dass die Pressekonferenz, bei der das Bild präsentiert wurde, schlecht gemacht war. Ich habe danach fünf Fachleute nach ihrem Eindruck befragt – und alle stimmten mir zu, dass wir wohl das Paper lesen müssen, um zu verstehen, was Sache ist. Erst danach war klar, dass alles wissenschaftlich korrekt war. Das Problem war, dass versucht wurde, die breite Öffentlichkeit zu erreichen. Doch dafür waren die Informationen zu detailliert. Und für Fachleute gab es zu wenig Informationen.

Wie reagieren andere Wissenschafter auf Ihre Versuche, Erkenntnisse zu popularisieren?

Gruber: Da muss man unterscheiden: In den USA sind Popularisierer hochangesehene und einflussreiche Figuren – Neil de Grasse Tyson zum Beispiel. Und auch in Österreich wird dieser Ansatz von vielen Spitzenwissenschaftern geschätzt. Schwieriger ist es, im so genannten Mittelbau. Da hört man manchmal, dass das, was ich neben der harten Wissenschaft mache, ja jeder könne. Da kann ich nur antworten: Dann soll es jeder mal probieren. Bei dieser Ablehnung mag auch Neid eine Rolle spielen. Der Popularisierer erreicht eine breitere Öffentlichkeit. Sie sind sprichwörtlich gefragt. Was dabei übersehen wird, ist, wie viel Vorbereitung und Übung es verlangt, wissenschaftliche Inhalte in begreifbare Bilder zu übersetzen. Aber das halte ich für notwendig, wenn man den Menschen manche Ängste nehmen will.

Wissenschaftsskeptische Stimmen finden derzeit viel Gehör.

Gruber: Ich höre oft, dass wir in einer Bildungsgesellschaft leben. Das ist falsch: Wir leben in einer Wissensgesellschaft. Wissen ist online schnell abrufbar. Die Interpretation und Einordnung dieses Wissens, das wäre Bildung. Und da fängt das Problem an. Wir wissen, dass auf 1000 Masernerkrankungen ein Todesfall kommt. Im Vergleich dazu sind die Gefahren dauerhafter Impfschäden verschwindend gering: Selbst wenn man kleine Schäden, etwa die Vernarbung der Einstichstelle, mitrechnet, ist das Verhältnis eins zu etwa 100.000. Online, aber eben nicht nur dort, erlebe ich Debatten, die diese Fakten ignorieren.

Das Gespräch führte Joachim Leitner