Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 09.06.2019


TT-Magazin

Thorsteinn Einarsson: Aus dem Rhythmus gekommen

Von der Castingshow zum eigenständigen Künstler: Thorsteinn Einarsson hat als Musiker bereits einen weiten Weg hinter sich. Auf seiner neuen Platte verarbeitet er die Schattenseiten des Lebens.

Thorsteinn Einarsson wurde durch die Castingshow "Die große Chance" bekannt.

© Thomas Böhm / TTThorsteinn Einarsson wurde durch die Castingshow "Die große Chance" bekannt.



Ihre Kindheit verbrachten Sie zwischen Island und Salzburg. Wo war da Platz für Musik?

Mein Vater kommt eigentlich aus der klassischen Musik, er ist Opernsänger. Da habe ich viel mitgenommen. Ich kann mich gar nicht daran erinnern, dass ich einmal nicht Musik machen wollte. Ich kann mich nur daran erinnern, dass ich immer Songs schreiben wollte. Dann bin ich einen klassischen Weg gegangen: Ich habe mir selbst Gitarre-Spielen beigebracht. Noten lesen kann ich aber keine.

Wie stehen Sie zur klassischen Musik? Eine Alternative zu Ihrer Popmusik?

Für mich definitiv nicht. Ich habe meinen Stil gefunden. Natürlich schaue ich schon mal vorbei, wenn mein Vater irgendwo singt. Wir sind ja sehr gute Freunde. Er hat zum Beispiel ein Gitarrensolo zu meinem neuen Album beigetragen.

„INGI" ist Ihre zweite Platte.

Ja, genau. Ein sehr persönliches Album übrigens. „Ingi" ist mein zweiter Vorname, den habe ich auch gleich als Albumtitel verwendet. Insgesamt entstanden für das Album in drei Jahren rund 70 Songs. Die zehn besten wurden schlussendlich verwendet. Ich habe mir im Vorhinein auferlegt, dass nur zehn Songs auf das Album sollen. Es ist zwar schade, weil einiges liegen geblieben ist. Aber ich habe einfach so lange geschrieben, bis jenes Level an Qualität erreicht war, das ich erreichen wollte.

Was macht das neue Werk zu etwas Besonderem?

Ich wollte einerseits etwas sehr Persönliches einbringen, andererseits auch Vielfalt zeigen — von schnellem Rock bis epischen Fünf-Minuten-Songs ist alles dabei. Auch meine Heimat Island spielt eine Rolle. An einer Stelle etwa unterstützt mich ein ganzer Chor — mit isländischen Lyrics.

Sie sind in Island aufgewachsen. Ist die Heimat eine gute Inspirationsquelle für Ihre Musik?

Ja, ich glaube schon. Die langen Winter und die langen Sommer ermöglichen mir als Musiker einen anderen Zugang zum Songschreiben. Eine gewisse melancholische Grundstimmung habe ich mir außerdem beibehalten.

Ihre Singleauskoppelung „Two Hearts" ist auch nicht unbedingt ein happy Lovesong.

Na ja, ich versuche darin, die schmerzhafte Situation zu beschreiben, wenn zwei Herzen versuchen, trotz Distanz an ihrer Liebe festzuhalten. Das gelingt nicht immer und oft hat die Liebe keine Chance. Da bleiben eben nur zwei Herzen, die nicht im gleichen Rhythmus schlagen. Und es auch nie werden.

Eine Situation, die Sie schon erlebt haben?

Ja. Alle meine Songs sind autobiografisch. Außer „Vienna", der ist eigentlich halb fiktiv, aber auch von einem persönlichen Erlebnis inspiriert.

Ihre Karriere in Österreich begann mit einer Castingshow. Würden Sie rückblickend nochmals so starten wollen?

Warum nicht? Ich wäre heute nicht hier, wenn ich die Chance nicht genutzt hätte. Und wenn ich mir ansehe, wo ich jetzt stehe, finde auch, dass ich die Chance gut genutzt habe.

Sie meinten in einem Interview einmal, Sie wären damals zu jung gewesen.

Das stimmt. Es war keine leichte Phase für mich. Ich habe eine Zeit lang auch viel gefeiert und viel getrunken. Aber das passiert eben, wenn man einem jungen Künstler den Schlüssel zur Welt gibt und sagt: „Mach damit, was du willst." Plötzlich behandeln dich alle anders, keiner sagt dir, wenn du Fehler machst. Ich war 18. Und privat auch nicht glücklich.

Wie haben Sie die Kurve gekriegt?

Ich hatte ein gutes Team um mich und konnte immer auf Familie und Freunde zählen. Und ich habe wieder angefangen, mich auf die Musik zu konzentrieren. Das ist der einzige Weg, wie ich meine Probleme verabeiten kann.

Welche zum Beispiel?

Meine Songs „Leya" und „Kryptonite" vom letzten Album hatte ich meinem Bruder gewidmet. Das wusste bisher niemand und wird jetzt in „Blood Brother" auf der neuen Scheibe aufgelöst. Das ist keine einfache Geschichte für mich: Ich habe keinen Kontakt mehr zu ihm und halte ehrlich gesagt auch nicht allzu viel von ihm. Das ist sozusagen meine Abrechnung.

Sie wurden als Kandidat für den ESC gehandelt. Kein Interesse?

Ich wurde bereits zweimal angefragt und habe zweimal abgelehnt. Der ESC ist nichts für mich, die ganze Show, das Getanze auf der Bühne. Das kann ich auch nicht ernst nehmen. Ich würde aber durchaus einen Song schreiben, wenn sich jemand dafür interessiert.

Das Interview führte Barbara Unterthurner