Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 15.06.2019


Tierschutz

Zwei Tiroler schenken Windhunden ein neues Leben

Katharina und Gerold Wirnitzer nehmen seit 25 Jahren schwer traumatisierte und gequälte Windhunde aus Spanien auf und schenken ihnen ein neues Hundeleben.

Die Sportler Katharina und Gerold Wirnitzer können den Windhunden einen schönen Lebensabend bieten.

© Foto TT/Rudy De MoorDie Sportler Katharina und Gerold Wirnitzer können den Windhunden einen schönen Lebensabend bieten.



Von Theresa Mair

Innsbruck – Daheim kuschelig und ruhig, im Freien gespannt wie eine Feder, 100 Prozent Action. So sind Windhunde und so sind Katharina und Gerold Wirnitzer. Sie, Wissenschafterin, und er, IT-Fachmann, verbringen viel Zeit mit ruhiger, konzentrierter Kopfarbeit. Beide sind aber auch von Kindesbeinen an begeisterte Sportler. „Wir brauchen Hunde, die mit unserem Tempo mithalten können, beim Laufen, beim Berggehen, bei Skitouren“, sagt Gerold Wirnitzer.

Wenn Windhunde laufen, erreichen sie eine Geschwindigkeit von 50 Kilometern pro Stunde und mehr. Sie passen zum Lebensstil der Wirnitzers. An dieser Stelle könnte die Geschichte aufhören. Wie’s Herrl, so’s Gscherrl, würde dann das etwas plumpe Fazit lauten.

Doch die Hundeliebe der Unterländer reicht weiter. Die Liebesgeschichte begann vor 25 Jahren mit Eni (Name geändert, Anm.). Sie war die erste Windhündin, die von der Familie gerettet wurde. Eni stammte aus einer österreichischen Züchtung, Katharina war bei ihrer Geburt dabei. Dann wurde sie von Platz zu Platz geschubst, einer schlechter als der andere. Geschlagen, vernachlässigt, halbverhungert. Die Wirnitzers konnten nicht länger zuschauen und nahmen Eni bei sich auf.

Seither engagiert sich Katharina aktiv im Tierschutz. „Es folgte die Umstellung auf vegane Ernährung, das Nachdenken darüber, was schiefläuft“, sagt sie. Weit über 20 Windhunde hat die Familie mittlerweile von einem Verein in Spanien adoptiert und ihnen einen schönen und langen Lebensabend ermöglicht. Der älteste ihrer Windhunde wurde stolze 21 Jahre alt.

Wobei: In Tirol angekommen beginnt für die „Windies“, wie sie Katharina liebevoll nennt, erst das richtige Hundeleben. „In Spanien werden Windhunde als Ware gesehen und dann entsorgt, wenn sie zu alt sind oder keine Leistung bringen. Es gibt keine emotionale Bindung“, schildert Katharina. Sie erzählt von bedrückenden Schicksalen, denen die Podencos – die spanische Windhundrasse – als Jagdhunde in den Revieren im Südwesten des Landes ausgeliefert sind. Aufgezogen und gehalten in Betongaragen und kümmerlichen Verschlägen, angebunden, geschlagen, ausgemergelt und zuletzt mit Benzin übergossen und angezündet, erhängt, bei lebendigem Leib eingemauert. „Wir haben vor acht Jahren einen beige-braunen Hund bekommen. Als wir ihn dann ungefähr viermal gewaschen haben, sind wir draufgekommen, dass er eigentlich ein weißes Fell hat. So verschmutzt war der“, erinnert sich Gerold. Doch das ist noch das geringste Übel.

Alle Hunde, die von den Wirnitzers adoptiert werden, sind schwer traumatisiert und überhaupt nicht mit Menschen sozialisiert. Viele haben große Angst vor Männern, weil diese sie meist geschlagen haben. Das bringt auch die beiden Stanser, die derzeit zwei Rüden und einer Hündin ein Zuhause mit 24 Stunden Gartenzugang geben, durchaus an die Grenzen. „Die aktuelle Hündin hatte vier Jahre lang Albträume. Gerold hatte es ganz schwer. Schon allein eine Begegnung im Hausgang war schlimm für sie“, erzählt Katharina.

Einen Windhund wieder wegzugeben, kommt aber nicht infrage. „Wir haben uns vorher dafür entschieden. Ein Hund wird nicht frühzeitig entsorgt, sondern wir können daran wachsen“, sagt sie entschieden. Die Tiere sind für das Paar wie Kinder. Deswegen würden sie nie einen Windhund kaufen, immer nur adoptieren. Sie sind wie Eltern, nehmen den Tieren alles ab, solange auch diese die Regeln befolgen. Die Hunde müssen nichts leisten. Das heißt, die Leine wird nur zum Schutz der Windies angelegt, sonst dürfen sie frei rennen, sich entfalten.

„Die Gemeinde ist sehr tolerant, weil man sieht, dass sich die Hunde benehmen. Wir haben ein gutes Einvernehmen mit Nachbarn, Bauern und Jägern“, ist die Familie froh. Die Windhunde hörten aufs Wort, blieben auf dem Weg und spielten nicht in Feldern, in denen das Gras noch steht. Dabei haben die Wirnitzers noch nie die Hundeschule besucht. Sie setzen auf Einfühlungsvermögen. Ihre Erfahrungen teilen sie auch gerne mit Leuten, die über eine Windhunderettung nachdenken, stehen mit Rat, Tat und Kontakten zu Tierschutzvereinen zur Seite.

Nur eines sollte jedem klar sein: Ein Windhund ist kein Anfängerhund und ein traumatisierter Notfallhund dreimal nicht.