Letztes Update am Mo, 24.06.2019 15:01

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XXL-Siedeln: Hier reichen ein paar Kartons nicht aus

Eine Hauptstadt wird verlegt: In Indonesien soll das Regierungszentrum von Jakarta auf die fast 1000 km entfernte Insel Borneo übersiedelt werden. Ähnliche Pläne werden in Ägypten umgesetzt und erfolgreiche Beispiele gibt es von Brasilien bis Deutschland.

Indonesien ist seit 1945 unabhängig und Jakarta seit 1950 wieder Hauptstadt des weltgrößten Inselstaates. In der Stadt leben 10 Millionen Menschen, in der Metropolregion 30 Millionen. Vor allem Verkehr und Überschwemmungen sind Hauptprobleme.

© iStockIndonesien ist seit 1945 unabhängig und Jakarta seit 1950 wieder Hauptstadt des weltgrößten Inselstaates. In der Stadt leben 10 Millionen Menschen, in der Metropolregion 30 Millionen. Vor allem Verkehr und Überschwemmungen sind Hauptprobleme.



Von Matthias Christler

Jakarta ist nicht Innsbruck, aber in den vergangenen Tagen war der Unterschied nicht ganz so groß wie sonst. In beiden Städten wurden Temperaturen jenseits der 30 Grad Celsius gemessen, auch Hochwasser wie zuletzt in der Tiroler Landeshauptstadt sind in der indonesischen Millionenmetropole keine Seltenheit und dann noch die Staus. Jakarta ist nicht Innsbruck – oder überlegt man sich wegen der aktuellen Probleme vielleicht auch vom Inn wegzuziehen und die Regierungs- und Verwaltungsgeschäfte zu verlegen – vielleicht auf freie Flächen am Mieminger Plateau? Eher nicht.

Genau das passiert derzeit in Indonesien, mit seinen 250 Millionen Einwohnern das viertgrößte Land der Welt. Die jahrzehntealten Pläne wurden vom eben wiedergewählten Präsidenten Joko Widodo aus der Schublade geholt und nach einer Machbarkeitsstudie steht für ihn fest: Es ist möglich und in zehn Jahren machbar.

In und um Kairo, seit 969 mit Unterbrechungen immer das Zentrum der Regierenden, leben 20 Millionen Menschen. Die neue Hauptstadt. 2016 wurde im Südosten Kairos mit dem Bau einer noch namenlosen neuen Hauptstadt begonnen.
In und um Kairo, seit 969 mit Unterbrechungen immer das Zentrum der Regierenden, leben 20 Millionen Menschen. Die neue Hauptstadt. 2016 wurde im Südosten Kairos mit dem Bau einer noch namenlosen neuen Hauptstadt begonnen.
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Das Hauptproblem der aktuellen Hauptstadt und des Umlands mit seinen 30 Millionen Einwohnern ist aber nicht der Verkehr, der aus allen Nähten platzt. Vor allem geht es um die Insel Java, auf der die vor 500 Jahren gegründete Stadt Jakarta liegt. Keine Insel der Welt sinkt so schnell, fast zur Hälfte liegt sie bereits unterhalb des Meeresspiegels, durch die Stadt fließen 13 Flüsse, Überschwemmungen stehen fast an der Tagesordnung. Die Flucht als einzige Option?

Offenbar schon. Der indonesische Entwicklungsminister Bambang Brodjonegoro sagte bei der Präsentation der Pläne, dass man „eine smarte, grüne und schöne Stadt“ errichten wolle. Als Favorit für den neuen Standort gilt derzeit die fast 1000 Kilometer entfernte Stadt Palangka Raya auf der Insel Borneo. Derzeit wird sie von knapp 250.000 Menschen bewohnt. Nicht jeder ist von der Idee begeistert, manche fürchten Staus, ein Student wog gegenüber der BBC Vor- und Nachteile ab: „Ich hoffe, die Stadt wird sich entwickeln und wir bekommen Bildungseinrichtungen wie in Jakarta. Aber vermutlich werden das ganze Land und der Wald verbaut werden. Wir sind die grüne Lunge der Welt und ich mache mir Sorgen, dass sie verloren geht.“

Am Reißbrett entworfen

Es ist nicht das erste Mal, dass eine Stadt den Status als Hauptstadt verlieren soll und eine neue wie am Reißbrett entworfen wird. 1960 löste Brasilia im geografischen Zentrum des Landes Rio de Janeiro an der Küste ab. Der Grundriss wurde einem Kreuz nachempfunden. Der Bau begann 1956, drei Jahre später lebten 28.000 Menschen in Brasilia, heute sind es mehr als drei Millionen.

Vor allem um Aufständen im Nordosten vorzubeugen, verlegte man 1997 die Hauptstadt von Kasachstan nach Astana. Heuer wurde die Stadt zu Ehren des langjährigen Präsidenten Nursultan Nasarbajew in Nursultan umbenannt.
Vor allem um Aufständen im Nordosten vorzubeugen, verlegte man 1997 die Hauptstadt von Kasachstan nach Astana. Heuer wurde die Stadt zu Ehren des langjährigen Präsidenten Nursultan Nasarbajew in Nursultan umbenannt.
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In einigen Ländern, z. B. der Elfenbeinküste, wurde zwar der Regierungssitz verlegt, aber das wirtschaftliche Leben machte die Übersiedlung nicht mit. In den Niederlanden gibt es eine bewusste Trennung, die Regierung arbeitet in Den Haag, die Hauptstadt ist trotzdem Amsterdam. Der in Europa bekannteste Hauptstadt-Wechsel in der jüngeren Vergangenheit war 1990 von Bonn nach Berlin.

Probleme nur verschieben

Auffallend ist, dass zuletzt vor allem Regierungen in von Krisen gebeutelten Ländern einen Neuanfang anstreben. Bei Protesten gegen die Wiederwahl von Präsident Widodo sind im Mai mehrere Menschen in Jakarta gestorben. Viele halten die Übersiedelungspläne für ein Ablenkungsmanöver. Auch in Thailand sollen neue Regierungsstandorte entstehen. Bei den Unruhen in Thailand 2010 und 2014 besetzten Demonstranten Regierungsgebäude in Bangkok. Zwar werden auch dort Überschwemmungen als Grund angegeben, nicht ungelegen würde es den Politikern kommen, wenn sich in den geplanten Retortenstädten in der Umgebung Bangkoks Proteste nicht so rasch formieren. Die Probleme würden durch eine Verlegung nur verschoben, meinen allerdings Kritiker.

Von Bonn nach Berlin: Seit der Deutschen Einheit ist Berlin die Hauptstadt. 1999 wurden auch Parlament und Regierung verlegt.
Von Bonn nach Berlin: Seit der Deutschen Einheit ist Berlin die Hauptstadt. 1999 wurden auch Parlament und Regierung verlegt.
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In Kasachstan hat man die Macht gleich mehrfach einzementiert. Es wurde nicht nur die Hauptstadt 1997 nach Astana verlegt, seit wenigen Monaten heißt sie Nursultan – es ist der Name des langjährigen Präsidenten. Dessen Nachfolger schlug die Umbenennung als Ehrenbekundung vor.

Nicht auszudenken, wenn Innsbruck nicht nur aufs Mieminger Plateau verlegt werden würde, sondern den Namen von einem der ehemaligen Bürgermeister tragen müsste: Van-Staa-Stadt, Hilde-Bruck, Oppitz-City ...