Letztes Update am Sa, 29.06.2019 11:09

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Autor Marc Elsberg im Interview: „Globale Gerechtigkeit ist möglich“

Energiekrise, Überwachung, Gentechnik: Marc Elsberg schreibt Thriller über dringliche Themen. Sein neuer Roman „Gier“ ist gerade erschienen. Ein Gespräch über geplante Plots, entscheidende Einsichten – und Mathematikmilliardäre.

Bestseller-Autor Marc Elsberg.

© Clemens LechnerBestseller-Autor Marc Elsberg.



Text: Joachim Leitner

Ihrem neuen Roman „Gier“ schicken Sie eine Widmung an „alle anderen jungen Leute“ voraus. Hoffen Sie, dass wenigstens die Jungen die Welt ein stückweit gerechter machen können?

Marc Elsberg: Bis zu einem gewissen Punkt ja, nachdem wir Alten uns derzeit dazu außer Stande zeigen. Ich hoffe auf alle, die offen, abenteuerlich und veränderungslustig genug sind. Das kann man allerdings auch schon mit 17 nicht mehr sein.

In „Gier“ geht es um eine Theorie, die Gerechtigkeit und Wohlstand für alle ermöglicht.

Elsberg: Es ist keine Theorie, sondern ein grundlegendes mathematisches Prinzip, das man bisher außerhalb der Physik kaum kennt, das aber im Grund auf alle dynamischen Sys­teme anwendbar ist. Ich bin darauf in Arbeiten des London Mathematical Laboratory gestoßen.

Wenn es so ein Prinzip gibt – und es, wie Sie in „Gier“ zeigen, in Form einer vergleichsweise einfachen Bauernfabel darstellbar ist, warum muss ich dann einen Thriller lesen, um davon zu erfahren?

Elsberg: Im Roman ziehe ich eine Parallele zur kopernikanischen Wende, der Abkehr vom geozentrischen Weltbild. Die gegenwärtigen Theorien sind so tief in den Köpfen und Modellen verankert, dass man sich nur schwer von ihnen lösen kann. Die Gründe dafür sind verschieden: Natürlich spielen ökonomische Überlegungen derer, die vom gegenwärtigen System profitieren, eine Rolle. Aber es ist komplizierter, weil wir das Prinzip häufig bereits anwenden, ohne es zu wissen. Funktionierende Staaten bauen im Grunde genommen darauf auf: einsammeln, von Steuern zum Beispiel, und verteilen, etwa in Form von Investitionen oder Sozialleistungen. Die gängige Lehrbuchmeinung geht dabei von einem Nullsummenspiel aus: Ich nehme A etwas weg und gebe es B. Die Londoner rechnen aber vor, dass Einsammeln und Verteilen, wenn man es richtig macht, langfristig zu größerem und schnellerem Wachstum des ganzen Systems führen. Das ist die entscheidende Einsicht.

Sie sagten vorhin „Lehrbuchmeinung“. Warum haben Sie einen Thriller und kein Lehr-, kein Sachbuch geschrieben?

Elsberg: Bis zu einem gewissen Grad ist der Thriller das Stück Zucker, das die Botschaft besser schmecken lässt. Das Sachbuch sollen und werden vermutlich auch die Londoner schreiben.

Aber das wird weit weniger Leser finden als Ihr Roman.

Elsberg: Ich würde nicht ausschließen, dass auch ein mathematisches Sachbuch zum Bestseller wird. Stephen Hawking hat bewiesen, dass auch hochkomplexe mathematische und physikalische Inhalte Bestsellermaterial sein können, wenn sie richtig erzählt werden.

Zurück zu „Gier“: Im Roman taumelt eine nicht allzu ferne Welt auf eine globale Wirtschaftskrise zu. Haben wir aus der letzten 2008 nichts gelernt?

Elsberg: Diese Krise ist Produkt der fiktiven Freiheit des Thriller-Autors, aber auf Basis dessen, was er von der Welt mitkriegt. Es ist kein Geheimnis, dass vieles, das seit 2008 angegangen werden sollte, liegen geblieben ist: Von der Regulierung des Finanzmarktes bis zum Verteilungsproblem.

Bei Autoren von Spannungsromanen unterscheidet man gemeinhin zwischen Architekten, die penibel planen und ploten, und den eher instinktiv schreibenden Gärtnern. In welche Kategorie fallen Sie?

Elsberg: In diesem Fall bin ich bei Recherchen zu einem anderen Thema auf die Arbeiten der Londoner gestoßen – und fand das, was ich davon zunächst nachvollziehen konnte, ungeheuer spannend. Um die Sache wirklich zu verstehen, habe ich vor Ort recherchiert und mit Wissenschaftern gesprochen – und dann die Bauernfabel entwickelt. Dann habe ich den Thriller gewissermaßen drumherum geplant. Ich bin sicherlich eher Architekt als Gärtner: Für jeder Figur lege ich einen umfangreichen Lebenslauf an und baue das erste Viertel des Romans ganz detailliert Szene für Szene auf. Aus Erfahrung weiß ich aber inzwischen, dass sich Figuren nicht immer an diesen Plan halten, sie biegen ab – und meistens stimmt das, was die Figuren machen. Dann muss man als Autor umplanen.

Sind auch die Figuren Frucht von Recherche? Im Roman gibt es einen Top-Mathematiker, der sich auf Trickbetrug spezialisiert hat.

Elsberg: Solche Typen gibt es tatsächlich: Erst kürzlich wurde der Fall eines Mathematikers öffentlich, der einen Fehler im Wettmodell der Pferderennbahn in Hongkong – einer der größten der Welt – entdeckt hat und dadurch in gut 20 Jahren mehr als eine Milliarde Dollar verdient hat. Es zahlt sich also aus, wenn man sich mit Mathematik, Statis­tik und Wahrscheinlichkeitsrechnungen auskennt.

Und wie Ihr Trickbetrüger dürfte der Mathematiker in Hongkong die Frage „Illegal?“ mit „Egal“ beantwortet haben.

Elsberg: In Hongkong wurde niemand betrogen, sondern ein Fehler ausgenutzt. Nach zwanzig Jahren hat er die Veranstalter sogar darauf aufmerksam gemacht.

Ihre Romane sind nah an der Realität. Besteht die Gefahr, dass ein Roman von der Realität überholt wird?

Elsberg: Man muss wachsam sein – und Themen so bearbeiten, dass sie sich nicht so schnell überholen lassen. Ich habe mit der Realität bisher großes Glück gehabt: Dass das Energiethema nach Fukushi­ma im deutschen Sprachraum so groß wurde, hat dem Interesse an meinem Roman „Blackout“, der 2012 erschien, sicherlich nicht geschadet. Aber manchmal muss man auch die Bereitschaft haben, weiterzudenken: „Zero“ (2014) soll, wenn alles gut geht, verfilmt werden. Im Buch geht es um Überwachung – und da kann man natürlich nicht so tun, als sei in den letzten fünf Jahren nichts passiert.