Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 11.07.2019


Freizeit

Trend zum Brustgeschirr: Hat das Hunde-Halsband bald ausgedient?

Hunde-Experten plädieren zunehmend für Geschirre. Für Tierarzt Stefan Ferschl hängt alles von Erziehung ab.

Ein erzogener Hund geht entspannt an der Leine – egal ob mit Halsband oder Brustgeschirr.

© Getty ImagesEin erzogener Hund geht entspannt an der Leine – egal ob mit Halsband oder Brustgeschirr.



Zirl, Bayreuth – Halsband oder Brustgeschirr? Für viele Hundeliebhaber ist das mehr als eine Frage des persönlichen Geschmacks. Wenn Claudia Tatzel ein neues Mensch-Hund-Gespann trifft, stellt sie eine Bedingung: Der Halter muss die Leine an einem Brustgeschirr befestigen – nicht an einem Halsband. Nur dann ist die Hundetrainerin aus Haßloch nahe Mannheim (Deutschland) bereit, mit Hund und Herrl zu arbeiten. Tatzel ist überzeugt, dass das Zerren am Halsband der Erziehung des Hundes schadet und seine Gesundheit gefährdet. „Die Halszone ist nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Hunden sehr sensibel. Ein Zerren oder Drücken dort ist immer unangenehm.“

Darüber hinaus lernen Hunde ihr zufolge über Verknüpfungen. Sieht ein Tier z. B. einen Jogger oder einen anderen Hund und wird gleichzeitig über Leine und Halsband zurückgerissen, verbindet der Vierbeiner den Schmerzreiz womöglich mit dem Jogger oder dem Hund, den er gerade vor sich hat. Diese Verknüpfungen könnten sich mit der Zeit verstärken.

„Natürlich kann man nicht immer alles auf das Halsband zurückführen. Aber dass so viele Hunde bellen und unerwünschte Verhaltensweisen zeigen, wenn sie Reize wie Jogger oder andere Hunde sehen, hängt sicher auch damit zusammen“, sagt Tatzel. Im Übrigen könne es auf andere Hunde bedrohlich wirken, wenn ein Hund eng am Körper und röchelnd am Halsband geführt wird.

Die Bayreuther Verhaltensforscherin Gudrun Feltmann-von Schroeder hat das Verhalten von Hunden und ihre Beziehung zu Menschen intensiv erforscht und dazu auch Dingos und Wölfe aus einem Tierpark aufgezogen. „Ich bin mir sicher: Wenn ich ihnen Halsbänder statt Geschirre umgelegt hätte, wäre nie Vertrauen entstanden“, sagt sie. Das Ruckeln am Halsband führe in der Kommunikation zu Missverständnissen. „Dann bin ich in einem Kampf und arbeite mit Angst“, erklärt Feltmann-von Schroeder.

Je nach Charakter würden die Hunde unterschiedlich darauf reagieren. „Hunde, die sich eingeschüchtert fühlen, werden nur noch hinter ihrem Menschen gehen. Andere Tiere werden umso mehr an der Leine zerren: weil sie wegwollen, weil sie dem Druck entgehen wollen“, so die Tierbeobachterin.

Aus veterinärmedizinischer Sicht ist die Frage, ob nun ein Halsband oder ein Brustgeschirr besser für den Hund ist, zweitrangig. Für den Zirler Tierarzt Stefan Ferschl kommt es nur auf eines an: „Man soll nicht ziehen!“ Dazu müsse man einen Hund so erziehen, dass er entspannt an der Leine geht. Daran scheitere es in der Praxis allerdings oft. „Ich finde Hunde arm, die keuchend vom Halter neben sich hergezogen werden“, sagt Ferschl. Unabhängig von der Art der Anleinung würden deshalb häufig gesundheitliche Probleme wie Luftröhrenverengungen und chronischer Husten entstehen.

Neben einer guten Erziehung ihres vierbeinigen Begleiters sollten Hundehalter laut Ferschl aber auch darauf achten, dass die Passform und das Material von Halsband oder Geschirr stimmen. Ein unpassendes Brustgeschirr könne z. B. die Achseln des Hundes wundscheuern. Bei einem langhaarigen Hund würde sich das Fell leicht in einem Kettenhalsband verfangen und verknoten. Für andere Hund sei wiederum zu raues Leder unangenehm.

Hundetrainerin Claudia Tatzels Maßstäbe für ein passendes Brustgeschirr: „Der Druckpunkt des vorderen Gurtes sollte direkt über dem Brustbein des Hundes oder etwas darunter liegen. Der hintere Gurt darf nicht zu dicht an den Achseln sitzen – er sollte aber auch nicht hinter dem Rippenbogen verlaufen.“ (thm, APA, dpa)