Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 19.07.2019


Schwimmkompetenz

Stefan Opatril: „Kinder sollen schwimmen lernen müssen“

700.000 Österreicher können nicht schwimmen. Für den ehemaligen Olympia-Starter Stefan Opatril sind fehlende Lehrbecken ein Grund dafür.

(Symbolbild)

© Julia Hammerle(Symbolbild)



Von Theresa Mair

Innsbruck – Wer aus der Vogelperspektive auf Tirol schaut, sieht neben den Bergen vor allem auch viel Wasser: Flüsse, Bäche, Seen, zunehmend aber auch private Swimmingpools und Teiche. „Bei jedem zweiten Eigenheim-Neubau ist heute ein Pool dabei“, sagte vor Kurzem Othmar Thann, Direktor des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KFV) anlässlich der Präsentation der „So schwimmt Österreich“–Studie. Die Ergebnisse dieser bisher umfangreichsten Untersuchung zum Thema Schwimmkompetenz, die das KFV zusammen mit dem Roten Kreuz durchgeführt hat, sind allerdings erstaunlich. Denn sie stehen im Widerspruch zum Pool-Trend.

Nur noch die Hälfte der unter 19-Jährigen kann der Studie zufolge schwimmen. Insgesamt sind 700.000 Österreicher ab fünf Jahren Nichtschwimmer. Jeder Fünfte ab 15 Jahren stuft sich selbst als unsicheren Schwimmer ein. Ertrinken ist die zweithäufigste Todesursache bei Kindern.

Die Studie von KFV und Rotem Kreuz förderte beunruhigende Zahlen zutage.
Die Studie von KFV und Rotem Kreuz förderte beunruhigende Zahlen zutage.
- KFV

Frappierend ist auch die Fehleinschätzung der Eltern, wenn es um die Schwimmkenntnisse des Nachwuchses geht. Zwar könnten sich die meisten Kinder ab vier Jahren über Wasser halten. Doch die körperlichen Voraussetzungen, um richtig schwimmen zu lernen, würden erst zwischen fünftem und sechstem Lebensjahr entwickelt werden. Stefan Opatril, seines Zeichens ehemaliger Olympia-Teilnehmer, Vizepräsident des Österreichischen Schwimmverbands und Obmann des Schwimmclubs Innsbruck (SC Innsbruck), ist ob dieser Zahlen alarmiert.

Gleichzeitig scheint es ihn aber auch nicht zu wundern, dass der Nachwuchs beim Schwimmen nachlässt. „Ein wesentlicher Grund ist, dass es zwar viele Wellness-Becken mit Kurven und niedriger Standhöhe gibt, aber kaum noch tiefe und Lehrbecken“, sagt er. Hinsichtlich des Angebots an geeigneten Bädern, um das Schwimmen richtig lernen und lehren zu können, herrsche im Tiroler Oberland zwischen Telfs und Pettneu regelrecht Trockenzeit.

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„Das Schwimmbad in Nassereith wurde ersatzlos geschlossen. In Telfs gibt es ein 25-Meter-Becken mit sechs Bahnen. Da kommen schon einige Schüler unter. Die fahren für den Unterricht sogar eine Stunde aus dem Ötztal heraus. Die Situation ist schwierig“, bedauert der Profi. In Innsbruck sei die Lage auch nicht besser.

„Es ist viel zu wenig Platz, um zu schwimmen, und für den Schwimmunterricht. Das Landessportcenter ist total ausgebucht. Das Freibad Tivoli ist nur kurze Zeit im Jahr offen. Da bleiben noch die Bäder in Hötting, Amras und dem O-Dorf. Lehrbecken mit einem Gefälle gibt es nur im Höttinger und Amraser Schwimmbad.“ Dabei hapere es gar nicht an Willen und Engagement von Schulen und Eltern, sondern an kaum verfügbaren Schwimmzeiten.

„Das Problem wird sicher gesehen. Wenn immer wieder Badeunfälle passieren, dann sieht das jeder. Kinder sollen schwimmen lernen müssen“, fordert Opatril. Das, was Eltern ihren Kindern alleine an Schwimmkompetenz beibringen könnten, würde niemals zum sicheren Schwimmen ausreichen. Auch die Babyschwimmkurse haben für ihn nichts mit schwimmen lernen zu tun. „Sie sind da, damit sich die Kinder ans Wasser gewöhnen und keine Angst haben.“

Ein bis zwei Längen durchzuschwimmen und sich im Wasser halten zu können, sollte jedoch die Mindestvoraussetzung sein. Das müsse man gezielt lernen. Doch auch die Schwimmvereine würden um Zeiten in den Schwimmbädern ringen. Die Schwimmschule des SC Innsbruck betreut von September bis Juni 60 Kinder, zusätzlich werden nach Bedarf reine Anfängerkurse für Kinder und auch Erwachsene organisiert. „Der Schwimmclub Zirl kann z. B. keine Kinder mehr aufnehmen, weil es zu wenig Platz und Fläche gibt. Das Interesse der Eltern wäre da, aber wir können die Kinder nicht mehr betreuen“, so Opatril. Er appelliert deswegen an Gemeinden, defizitäre Schwimmbäder nicht einfach aufzulassen. „Schwimmen lernen nützt der Volksgesundheit und man kann Badeunfälle drastisch reduzieren.“ Allerdings ortet er noch ein zweites Manko. Neben geeigneten Wasserflächen brauche es geprüfte Schwimmlehrer, „die den Sportlehrern in der Schule verpflichtend beigestellt werden“. Das Vorhaben, dies gesetzlich zu regeln, habe es vor zwei Jahren bereits einmal gegeben, es sei dann aber wieder fallen gelassen worden.

Doch nicht nur von Kindern solle die Rede sein, auch im Erwachsenenalter schade es nicht, noch schwimmen zu lernen, wobei die Hemmschwelle dann größer sei. Doch Opatril macht Mut: „In zehn, 15 Stunden kann ein Erwachsener so weit schwimmen lernen, dass es Spaß macht – und: Man muss nicht alles von vornherein können, aber bereit sein, es zu wollen. Besser mit 65 als gar nie!“