Letztes Update am Do, 01.08.2019 15:36

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Schädlinge im Garten: Die sanfte Keule schwingen

Natürlich kann man Laus, Zünsler und Schnecke mit Chemie vertreiben. Oder man kocht ihnen Tee und „serviert“ Orangenöl.

Maulwürfe sind geruchsempfindlich.

© iStockMaulwürfe sind geruchsempfindlich.



Von Judith Sam

Sonntagmorgen. Sonnenstrahlen blinzeln durch die Vorhänge. Kaffeeduft liegt in der Luft, das Spiegelei brutzelt in der Pfanne – fehlen für das gelungene Frühstück nur frische Kräuter aus dem Garten. Doch zu früh gefreut! Ein Blick ins Beet verrät, dass es nicht mehr viel zu rupfen gibt. Alles abgefressen. Während dem Hobbygärtner der Schreck in die Glieder fährt, sitzt die Übeltäterin seelenruhig zwischen den Kräuterstummeln und kaut.

„Auch in Situationen wie dieser sollte man nicht zu Schneckenkorn greifen. Denn das tötet lästige Schnecken ebenso wie Weinberg- und Schnegel-Schnecken. Letztere kooperieren mit dem Gärtner, weil sie u.a. Schneckeneier fressen“, weiß Andreas Steinert. Der Waldviertler, der Gemeinden in Sachen ökologischer Pflege berät, empfiehlt stattdessen, im Herbst Schneckeneier abzusammeln, um der Plage zuvorzukommen: „Legen Sie Bretter im Gemüsebeet aus. Darunter legen Schnecken ihre Eier mit Vorliebe. Diese können Sie dann bequem sammeln.“

Die Nacktschnecke tummelt sich im Löwenanteil der Tiroler Gärten.
Die Nacktschnecke tummelt sich im Löwenanteil der Tiroler Gärten.
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Als Umweltschützer vernichtet Steinert die Eier nicht, sondern trägt sie in entfernte Wiesen. Mehr noch: Er empfiehlt, Weinbergschnecken aktiv im Garten anzusiedeln: „Um gemeinsam die Schneckenschädlinge fernzuhalten.“ Wer diese Idee abschreckend findet, sollte besser nicht weiterlesen. Denn Gärtnermeister René Wadas geht einen Schritt weiter: „Richten Sie Futterplätze für Schnecken ein.“ Wie bitte?

„Ich gehe in zwei Arbeitsschritten gegen Schnecken vor: Barrieren um mein Gemüse bauen und den Tieren Futter-Alternativen bieten“, schildert der Gartenexperte aus Braunschweig. Erstere erreicht er, indem er die Pflanzen „Jungfer im Grünen“ oder Wurmfarn um sein Beet setzt: „Um beide machen Schnecken einen großen Bogen. Für sie sind die Gewächse giftig, doch für den Menschen unbedenklich.“

Alternativ hält Muschelkalk die kleinen Schleimer fern. Der Streifen aus diesem scharfkantigen Kalk muss mindestens 15 Zentimeter breit um das Beet gestreut werden: „Weil wir schon beobachtet haben, wie Schnecken bei dünneren Kalkbahnen eine Art Räuberleiter bilden, um darüberzuklettern. Die Tiere sind raffinierter als man glaubt.“ Wer außerhalb der Barrieren Gemüsereste als Schneckenfutter ablegt, hat gute Chancen auf ein schneckenfreies Beet.

Orangenöl gegen Läuse

Ist man diese Schädlingsbande losgeworden, ist das noch kein Grund, sich entspannt zurückzulehnen. Leider. „Die nächste große Gartenplage sind Läuse. Ich bekomme aus ganz Österreich Mails, dass die derzeit die Gärten befallen“, sagt Wadas.

Er bekämpft die Plagegeister biologisch: „Gift löscht nämlich alle Läuse aus, doch ein paar verbliebene wären sinnvoll, damit Vögel sich ernähren können und ihre Jungen durchbringen. Ich vermische 20 Milliliter Rapsöl mit einem Liter warmem Wasser und sprühe das ein Mal pro Woche auf befallene Pflanzen.“ Bei besonders hartnäckigen Läusen besteht die Mischung aus fünf Millilitern Orangenöl und einem Liter warmem Wasser.

Für Mensch und Vogel völlig unbedenklich löst die Flüssigkeit Haut und Panzer der Läuse auf, wodurch sie austrocknen und sterben.

Gärtner Steinert wiederum greift bei Lausbefall oft gar nicht ein: „Weil die Natur das regelt. Manche Läuse wechseln etwa von sich aus den Wirt. Zwetschkenläuse befallen zwar erst Obstbäume, siedeln im Sommer allerdings ohne Zutun des Menschen auf Gräser um, wo sie uns nicht mehr stören.“

Der gefürchtete Buchsbaumzünsler bringt zwei bis drei Generationen pro Jahr hervor.
Der gefürchtete Buchsbaumzünsler bringt zwei bis drei Generationen pro Jahr hervor.
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Außerdem vergehen nach dem Lausbefall nur gut zwei Wochen, bis Nützlinge darauf aufmerksam werden und sich auf das Bio-Buffet stürzen – die biologischste aller Vernichtungsarten. Die Larven von Schwebfliegen, Marienkäfer, Spinnen, Vögel und Laufkäfer sind ebenso wie Wespen emsige Lausjäger. „Lediglich Ameisen – die sonst im Garten gern gesehen sind – halten sich Läuse als ,Haustiere’ und greifen Nützlinge sogar an, um Läuse zu beschützen. Weil sie den Honigtau, den Läuse absondern, schätzen“, sagt Steinert.

Ist die Ameise nun Nützling oder Schädling? Beides. Einerseits hegt und pflegt sie Läuse und tummelt sich oft in Heerscharen auf Terrassen. Andererseits zerstört sie Unkrautsamen und nimmt Gärtnern so einen Teil des lästigen Zupfens ab. Pflanzen wie Lavendel sind auf Ameisen angewiesen, weil sie deren Samen verbreiten. Außerdem fressen die kleinen Krabbler Schädlingseier.

Wer sie trotz dieser Vorteile in die Flucht schlagen will, muss Kaffeesatz, Backpulver oder Algenkalk ausstreuen. Noch ein Tipp: „Um lausbefallene Bäume Leimringe ziehen, sodass die Ameisen nicht mehr emporklettern können.“

Das wirkt. Fragt sich nur, ob man in so einem „sauberen“ Garten glücklich wird – getrimmter Rasen, blickdichte Thujen, Waschbetonplattenweg zur Terrasse. Klingt fast ein wenig klischeehaft. Oder lässt man der Natur in Zeiten des Insektensterbens lieber ein wenig Raum?

Einige Schädlinge, und wie man sie los wird

Lausige Aussichten: Kein Grund zu verzweifeln, wenn sich Läuse im Garten breitmachen. Manche Arten ziehen ohne menschliches Zutun von Obstbäumen auf Gräser, wo sie nicht mehr stören. Gegen die Läuse auf diesem Bild würde eine Öl-Wasser-Mischung helfen.

Der Schreck des Gärtners: Die Nacktschnecke tummelt sich im Löwenanteil der Tiroler Gärten. Im Gegensatz zur Schnegel-Schnecke, die Schneckeneier frisst, gilt die Nacktschnecke als Schädling. Abhilfe schaffen spezielle Pflanzen und Muschelkalk im Beet.

Schön, doch schädlich: Die Rhododendron-Zikade und ihre Artgenossen übertragen Pilze, die Blüten vertrocknen lassen. Um sie zu verscheuchen, muss man ihnen Tee zubereiten. Giftigen Tee, versteht sich. Gärtnermeister René Wadas sammelt dafür 200 Gramm Rainfarn-Pflanzen: „Diese koche ich mit einem Liter Wasser auf. Trinken Sie das Gebräu bitte nicht und tragen Sie bei der Zubereitung Handschuhe! Spritzen Sie das Mittel morgens und abends auf die Pflanzen.“

Der „Tussipilz“: Gartenexperte Andreas Steinert bezeichnet Mehltau als „Tussipilz“: Weil er, wie eine Tussi, sehr empfindlich ist und Kälte sowie Nässe meidet. Guter Rat dagegen ist nicht teuer: Ein Konzentrat aus einer Zwiebel und einer Knoblauchknolle, die in einem Liter Wasser 20 Minuten köchelten, auf drei Liter Wasser verdünnen, einmal wöchentlich auf betroffene Pflanzen aufspritzen – und die „Tussi“

verschwindet.

Kampf dem Zünsler: Der gefürchtete Buchsbaumzünsler bringt zwei bis drei Generationen pro Jahr hervor. In einer Zünslerfalle (erhältlich im Fachhandel) kann man Falter einfangen. Raupen, die sich im Garten breitgemacht haben, saugt „Pflanzenarzt“ René Wadas mit einem alten Staubsauger ab. So wird er die Schädlinge chemiefrei los.

Unter der Erde: Maulwürfe sind geruchsempfindlich. Wer sich an deren Tunneln und Haufen stört, sollte jeweils ein Stamperl billigen, stark riechenden Schnaps in die Gänge schütten. Doch Vorsicht: Der Erdhaufen, der am Ende des Gartens liegt, muss schnapsfrei bleiben – sodass die Tiere dorthin verschwinden. Alternativ schrecken sie die stinkenden Zwiebeln der Kaiserkronpflanzen ab.