Letztes Update am Mo, 05.08.2019 12:05

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Neue Trends

E-Bikes und E-Roller: Unter Strom und viel zu übermütig

Erst E-Bikes, jetzt E-Scooter, sie sollen die Wende zum sauberen Verkehr ankurbeln. Doch der Umstieg kommt zu schnell. Tödliche Unfälle mit E-Bikes nehmen zu und die neuen Roller-Regeln gehen Experten nicht weit genug.

Mit Motor an Bord radeln immer mehr schneller am Berg ...

© iStockphotoMit Motor an Bord radeln immer mehr schneller am Berg ...



Von Matthias Christler und Nina Werlberger

Innsbruck – Die Art, wie die Menschen von A nach B kommen, ändert sich und das E spielt eine entscheidende Rolle. Jedes dritte Fahrrad, das in Österreich gekauft wird, ist ein E-Bike. Vor allem ältere Personen steigen wieder auf. In Innsbruck sind außerdem Verleih-E-Scooter angekommen, die von Jüngeren genutzt werden. Das läuft doch wie geschmiert. Nicht ganz, denn der Trend zur Elektromobilität überfordert viele. Zuletzt hat es in Tirol schwere Unfälle mit E-Bikes gegeben. Und eine aktuelle E-Scooter-Studie zeigt, dass diese nicht wie erhofft verwendet werden.

Wie gefährlich sind E-Bikes wirklich? Im Vorjahr sind auf Österreichs Straßen 41 Radfahrer gestorben, davon waren 17 mit einem E-Bike unterwegs – das sind satte 43 Prozent und mehr als in den Jahren zuvor. Drei Tote gab es laut dem Autofahrerclub ÖAMTC in Tirol, wobei eine Person 75 Jahre und zwei 81 Jahre alt waren. Tatsächlich fällt auf, dass das E-Bike vor allem für Senioren zur rollenden Gefahr wird. „Der Großteil der getöteten E-Bike-Fahrer sind ältere Personen“, weiß Klaus Robatsch vom Kuratorium für Verkehrssicherheit. In Tirol waren seit 2015 alle Todesopfer älter als 70 Jahre. Hintergründe dürften das vergleichsweise hohe Tempo und die schweren Bikes sein. In Summe wurden im Vorjahr mehr als 8000 Radfahrerinnen und Radfahrer verletzt, wobei 1100 davon auf einem elektrisch angetriebenen Drahtesel fuhren, erzählt Robatsc­h mit Verweis auf Zahlen der Polizei. Er schätzt die tatsächliche Unfall­zahl viel höher. Bundesweit würden rund 25.000 Radler pro Jahr nach einem Crash im Krankenhaus landen – Kratzer und Prellungen nicht mitgerechnet. Jeder zehnte verletzte Radler hat eine Kopfverletzung.

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Warum sind vor allem ältere Radfahrer betroffen? Bei schönem Wetter werden täglich E-Biker in der Innsbrucker Unfallambulanz behandelt. Meist seien die Patienten älter, sagt Unfallchirurg Matthias Haselbacher: „Grundsätzlich ist es gut, dass sie sich bewegen, aber wenn es ältere Menschen sind, die jahrelang nicht mehr mit dem Rad gefahren sind, kann es zu Problemen kommen“, sagt er.

Der Spruch „Radfahren verlernt man nicht“ gelte beim E-Bike nicht, vor allem nicht, wenn man plötzlich ohne Erfahrung auf Schotter und abwärts fährt. „Bei einem älteren Radler kommt hinzu, dass die Reaktionszeit verlangsamt ist und dass die Knochen leichter brechen“, erklärt Haselbacher, der bei der Bergrettung aktiv ist und dort ebenfalls mit verletzten E-Bikern in Kontakt kommt. Die schweren Unfälle seien meist Kollisionen. „Die Almstraßen sind für Kraftverkehr gebaut, das heißt, es kann jederzeit ein Auto hinter einer Kurve entgegenkommen. Wenn man dann eine verminderte Reaktionsgeschwindigkeit und durch das schwere Rad einen noch längeren Bremsweg hat, kann schnell etwas passieren.“

Wie schnell darf ein E-Bike sein? Wenn man bei uns von E-Bikes spricht, sind meist Elektrofahrräder mit Tretunterstützung gemeint, die maximal 25 km/h fahren dürfen. Es gibt Werkstätten, die ein „Tuning“ auf Verantwortung des Radlers anbieten. Da man danach schneller unterwegs ist und in die Kategorie der E-Mopeds bzw. E-Pedelecs fällt, müsste man es anmelden, versichern und mit Kennzeichen ausstatten.

Kann man E-Biken lernen? Beim Abwärtsfahren wird der Motor auf „off“ geschaltet, um nicht in einer Kurve versehentlich zu beschleunigen. Eine logische Regel, die nicht jeder Anfänger kennt und umsetzt. Haselbacher rät deshalb zu einem Kurs. Auch Markus Gansterer vom VCÖ (Verkehrsclub Österreich) sagt: „Fahren mit einem E-Bike ist am Anfang ungewohnt, das braucht Übung.“ Einige Organisationen bieten Kurse an: Die Naturfreunde Tirol veranstalten ab 16. 8. an mehreren Terminen Trainings für Stadtradler, Mountainbike-Anfänger und -Fortgeschrittene. Der ÖAMTC organisiert am 13. September im Fahrtechnik-Zentrum Zenzenhof einen Kurs.

Helfen E-Bikes bei der Verkehrswende? Die Verkaufszahlen bei elektrischen Straßenfahrrädern stagnieren, es boomen die E-Mountainbikes. Für VCÖ-Experte Gansterer bedeutet das: „E-Bikes werden in der Freizeit eingesetzt.“ Und nicht als Auto-Ersatz.

... und auf dem Roller bequem durch die Stadt.
... und auf dem Roller bequem durch die Stadt.
- Thomas Boehm / TT

Helfen die neuen E-Scooter, den Autoverkehr einzubremsen? Das Versprechen der Verleih-Anbieter, dass man für kurze Strecken vom Auto auf E-Scooter umsteigt, erfüllt sich nicht. Ganz im Gegenteil werden Wege zurückgelegt, die zu Fuß zu schaffen wären. Eine aktuelle Studie aus Deutschland zeigt zudem: Verleih-E-Scooter werden vor allem am Samstagnachmittag verwendet und nicht für den Weg zur Arbeit. Unfallchirurg Haselbacher ist noch etwas aufgefallen. Bis jetzt seien es eher junge, alkoholisierte E-Scooter-Fahrer, die sich beim Ausgehen am Wochenende verletzen und in der Unfallambulanz landen.

Wie groß ist das Risiko für E-Scooter-Fahrer? Anders als bei Unfällen mit E-Bikes gibt es bei den E-Scootern noch keine Zahlen. Das Kuratorium für Verkehrssicherheit arbeitet gerade an einer Studie dazu. Alarmierend ist für die Experten, dass es vielen Fahrern an grundlegendem Wissen fehlt. Dass die Scooter am Radweg fahren müssen etwa, wenn es einen gibt, und sonst auf der Straße. Auch dass die Rollerfahrer Handzeichen geben müssen, ist vielen nicht klar. Eine der großen Gefahren lauert laut Klaus Robatsch an Kreuzungen, vor allem wenn es keine Ampel gibt. Hier dürfen sich E-Scooter-Fahrer mit maximal 10 km/h nähern (was übrigens auch für alle Radler gilt). Viele Rollerfahrer sind aber deutlich schneller. Sie landen leicht im toten Winkel der Autofahrer und werden schlecht gesehen. Weil sie ja auf dem Roller stehen, werden sie von Auto- und Lasterfahrern häufig mit Fußgängern verwechselt. „Selbst wenn die E-Scooter-Fahrer an der Kreuzung Vorrang haben, nützt ihnen das nichts“, warnt der Experte.

Obwohl seit Mitte Juni ein Fahrverbot auf Gehsteigen und Gehwegen gilt, kommt es dort weiterhin zu brenzligen Situationen. Im Schnitt seien die E-Scooter mit 16 km/h unterwegs, weiß Robatsch. Er rät daher eindringlich, den Gehsteig zu meiden: „Der Geschwindigkeitsunterschied zu den Fußgängern ist viel zu groß.“ Gut funktioniert das Miteinander hingegen in den Begegnungszonen, wie es auch in Kufstein eine gibt, berichtet Robatsch.

Müssen die Gesetze mit Blick auf E-Scooter noch verschärft werden? „Eine Helmpflicht wäre der nächste Schritt“, sagt Klaus Robatsch vom Kuratorium für Verkehrssicherheit. Derzeit tragen gerade einmal vier Prozent der heimischen E-Scooter-Fahrer einen Helm. Dabei ist das Verletzungsrisiko gerade am Kopf extrem hoch, zeigt der Experte auf. In den USA erleiden 28 Prozent der Roller-Unfallopfer ein Kopftrauma, andere internationale Studien weisen bei 20 bis 40 Prozent Kopfverletzungen aus. Verpflichtend einen Helm tragen müssen derzeit nur Kinder bis zwölf Jahre. Angesichts der zu befürchtenden Zuwächse bei den Unfällen müsse man über eine Helm­pflicht für all­e E-Zweiradfahrer nachdenken, meint Robatsch. Auch eine Informationskampagne zu den neuen Regeln für E-Scooter-Fahrer wäre sinnvoll, bemerkt er. Überlegt werden sollten zudem einige fixe Stellflächen, auf denen die elektrischen Tretroller parken können – damit sie nicht mehr zur Stolperfalle für Ältere werden oder auch das Leitsystem für Blinde blockieren.

Welche Regeln müssen E-Scooter-Fahrer unbedingt kennen? Die elektrischen Roller sind seit Anfang Juni durch eine Novelle der Straßenverkehrsordnung Fahrrädern praktisch gleichgesetzt. Als E-Tretroller gelten Geräte mit einer Bauartgeschwindigkeit von maximal 600 Watt und 25 km/h. Personen, die mit solchen Geräten unterwegs sind, müssen vorhandene Radwege benutzen. Gehsteige sind in der Regel tabu. Allerdings können die zuständigen Behörden einzelne Gehwege per Verordnung freigeben.

Kinder ab zwölf Jahren dürfen alleine mit dem E-Tretroller fahren, jüngere – so sie nicht einen Radfahrausweis besitzen – dürfen dies nur in Begleitung einer zumindest 16 Jahre alten Person. „Hier muss man sich ansehen, ob man das Alter nicht hinaufsetzt“, meint Experte Robatsch. Für die Roller gelten im Vergleich zum Rad abgespeckte technische Voraussetzungen. Sie müssen über Bremsen verfügen und weiße Rückstrahler nach vorne, rote nach hinten und gelbe zur Seite aufweisen. Dazu kommt die Beleuchtung bei Dunkelheit oder schlechter Sicht.

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