Letztes Update am Mi, 07.08.2019 11:46

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Polarisierender Trend: Der Wolf erobert die Couch

In Finnland sind Wolfshybriden seit Kurzem verboten. In Österreich werden diese Tiere – eine Mischung aus Wolf und Schäferhund – immer beliebter. Warum sehnen sich viele danach, ihre Wohnung mit einem sturen vierbeinigen Naturburschen zu teilen?

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© istockSymbolbild.



Von Judith Sam

Federnder Gang, spitze Ohren, graubraunes Fell – spaziert da ein Wolf durch Innsbrucks Innenstadt? Ein Wolf an der Leine, der brav neben seinem Besitzer her stolziert? Nein, keine Sorge, das elegante Tier ist ein Wolfhund, von denen es in Österreich immer mehr gibt. Besitzer reizt die Wildnis, die sie verkörpern. Das Ungezähmte. Ein polarisierender Trend, den man ebenso als abenteuerlich, märchenhaft wie gefährlich einschätzen kann.

Wolfgang Nemitz, Präsident des Wolfhundeclubs Österreich, bezeichnet seinen Wolfhund-Rüden Gennaro als Familienmitglied: „Er begleitet uns überallhin und spielt mit unseren Kindern. Man muss nur aufpassen, dass er sie beim Toben nicht überrennt. Das gilt jedoch für alle Rassen mit 30 bis 40 Kilogramm Körpergewicht.“ Sorgen macht Nemitz sich dabei kaum: „Gennaro, der wie alle Wolfhund-Rassen aus einer Mischung aus Deutschem Schäferhund und Europäischem Wolf entstanden ist, liebt sein Menschenrudel. Wobei – das muss ich zugeben – er nach außen auch kernig auftreten kann.“

Erlaubtes Knurren

Der gezähmte Isegrim knurrt etwa öfter als andere Rassen: „Das ist jedoch bei meinem Hund kein Zeichen von Aggression, sondern, dass er sich unwohl fühlt. Er will damit ausdrücken: ,Lass mich einen Moment in Ruhe. Oder kann mir bitte jemand helfen? Das spielende Kind wird mir gerade zu viel.‘“ Wolfhunde verfügen außerdem über erstaunlich viel Mimik. Ein Wolf kann sich mit 60 verschiedenen Gesichtsausdrücken verständigen. Der kleine Fiffi auf der Couch nutzt nur vier bis fünf.

Klingt doch recht zahm. Da dürfte so mancher kniehohe Wadl­beißer unangenehmer sein. Warum verbietet Finnlands Regierung dann seit Anfang Juni, Mischlinge aus Hund und Wolf zu besitzen, züchten und verkaufen? Lediglich vorhandene dürfen bis zu ihrem natürlichen Ableben gehalten werden.

Georg Rauer vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde der Vetmeduni Wien vermutet, dass wilde Wölfe dadurch geschützt werden sollen: „In der Natur kommt es nämlich immer wieder vor, dass sich Hunde mit Wölfen paaren.“ Kommen dann Wolfhunde im Wolfsrudel vor, vermischt­ sich das Verhalten der beiden – Wildnis trifft auf Couch. So verwäscht über die Jahre das natürliche Auftreten der Wölfe. Hinzu kommt, dass die Genetik des Wolfs verändert wird. „Ich bin mir nicht sicher, ob es überhaupt noch freilebende Wölfe gibt, die zu 100 Prozent Wolf sind“, sagt Rauer.

Die beiden in Österreich anerkannten Wolfhund-Rassen – der Tschechoslowakische und der Saarloos – sind rechnerisch zu einem Drittel Wolf. „Meines Wissens werden die in Finnland nicht verboten, sondern nur ,High Content Hybriden‘ – also Tiere, die einen besonders hohen Wolfsanteil innehaben“, sagt Nemitz.

Dies ist etwa bei Amerikanischen Wolfhunden der Fall – einer nicht anerkannten Rasse, die derzeit ihren Weg nach Österreich findet. Sie können einen Wolfsanteil von 70 bis 90 Prozent haben: „Die haben sich, im Gegensatz zu unseren Hunden, nicht an den Menschen angepasst.“ Der Tschechoslowakische und der Saarloos, Rassen, die vor 70 bis 90 Jahren entstanden sind, hatten vor acht bis zehn Generationen zuletzt Kontakt zu Wölfen. Aus dem Saarloos sollte ein alltagstauglicher Gebrauchshund, später auch Blindenhund entstehen – was scheiterte, weil der scheue Wolf durchschlug.

Der Tschechoslowakische war als Wachhund des Militärs geplant. Doch vergebens. Die Tiere waren so an ihre Besitzer gewöhnt, dass man mit dem Menschen auch den Hund tauschen musste. „Damals wurden Soldaten alle 18 Monate abgelöst. Das war wirtschaftlich nicht tragbar“, weiß der Steirer Nemitz.

Unhaltbare Hybriden

Private Halter hingegen kamen auf den Geschmack, den Hund im Wolfspelz in ihre Familie zu integrieren. Ein gewagter Trend: Amerikanische Wolfhunde und Hybriden – direkte Welpen von Hund und Wolf – kann man nämlich meist nicht im Haus halten: „Stattdessen bedarf es meist eines Zwingers im Garten mit Stromband und Untergrabungsschutz. Beim Spazieren verwenden die Besitzer 15 Meter lange Leinen, der Wolfhund gibt die Richtung vor und lässt sich nur mit Mühe, wenn überhaupt, anlocken.“

Sollten sich die Tiere doch mal in der Wohnung aufhalten, rät Nemitz, die Verandatüre offen zu lassen, dass sie sich selbstständig in ihren Zwinger zurückziehen können, wenn sie vom Trubel der Menschen überfordert sind – was rasch der Fall ist: „Ich sage nicht, dass diese Tiere aggressiver sind. Aber ich würde kein Haus betreten, in dem sich eines aufhält, ohne das mit dem Besitzer abgesprochen zu haben. In ein Zoogehege gehe ich ja auch nicht.“

Weil viele Besitzer schon mit anerkannten Rassen überfordert sind, kommt es zu Erziehungsfehlern und in Folge zum schlechten Ruf der Rasse und vielen Hunden, die im Tierheim enden.

Umso wichtiger ist es, vor dem Hundekauf auf den verbliebenen Wolfscharakter zu achten: Will man seine Couch mit einem verfressenen, sturen und teils scheuen, wenn auch verschmusten Naturburschen teilen? Geschmackssache.


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