Letztes Update am Sa, 10.08.2019 09:50

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Magazin

„Ich verachte diesen Menschen“: Michael Köhlmeier im Interview

Der Vorarlberger Michael Köhlmeier gilt als einer der prominentesten Schriftsteller Österreichs. Kaum zu glauben, dass er im Unterricht früher schummelte. Auf Schloss Elmau erzählte er der TT außerdem, warum Heinz-Christian Strache eine seiner literarischen Figuren sein könnte.

Michael Köhlmeier.

© Thomas BöhmMichael Köhlmeier.



Sie bemächtigen sich beim Schreiben Ihrer Bücher gerne realer Figuren und erschaffen daraus fiktive. Müssten Sie Romanfiguren aus Politikern kreieren – für wen würden Sie sich entscheiden?

Michael Köhlmeier: Bei erbert Kickl hätte ich Sorge, dass die Figur zu klischeehaft wird. Der Immer-Gekränkte, Immer-in-die-zweite-Reihe-Verwiesene, der sich endlich rächen will. Herr Strache – keine glorreiche Figur, eher ein Strizzi, der seine Großmutter verkaufen würde –, er könnte eine literarischen Figur sein. Und auch wenn ich mich dagegen wehre, er hat Charme. Ein Schlawiner, der sich manchmal die Fantasie erlaubt, ein wirklicher Gangster zu sein. Ihm ist nichts zu schade – auch nicht, seine Frau mit Fast-Tränen vor der Kamera zu bitten, ihm zu verzeihen, nur um ein paar Tropfen Mitleid aus der Nation zu pressen. Sebastian Kurz – zu ihm fällt mir nichts ein ...

Warum nicht?

Köhlmeier: Achten Sie auf ihn, wenn er im Parlament sitzt und zuhört – was er ja nur selten tut, meistens hat er mit seinem Handy gespielt. Sein Gesicht ist leer. Manche sagen, er sei eine weiße Wand, auf die seine Fans ihre Wünsche projizieren können. Kann sein. Ich ziehe Charaktere Projektionswänden vor. Strache hat Charakter, einen zweifelhaften, wie er uns vorgeführt hat, aber immerhin Charakter. Wenn ich müsste – ich würde hundertmal lieber einen Abend mit Strache verbringen als mit Kurz.

Als Schriftsteller achten Sie besonders auf die Sprache. Fällt Ihnen diesbezüglich eine Veränderung in der Politik auf?

Köhlmeier: Ein Wettbewerb in Zynismus war das. Wenn ein Minister hergeht und ein Schild „Ausreisezentrum“ über das Schild „Einreisezentrum“ hängen lässt – das ist in unserer Zeit, in unserem Land an Zynismus schwer zu überbieten, da muss man in die dunkle Vergangenheit zurückschauen, um Ähnliches zu finden. Auf seinem Rachefeldzug ist dem Herrn Kickl jede Grausligkeit recht. Ich verachte diesen Menschen, und ich verachte, wer ihn losschickt und sich hinter ihm versteckt und der, wenn sich das Blatt wendet, so tut, als hätte er an diesem Menschen gewürgt wie an dem Fetten, das einem im Hals steckt. Aber wenn es ein „ganz normaler Vorgang“ ist, fünf Festplatten, die im Besitz der Republik Österreich sind, unter falschem Namen schreddern zu lassen und dafür nicht zu bezahlen, dann – nein, wir wundern uns nicht mehr.

Wenn Sie sprechen, ahnt man bereits, dass Sie Politikwissenschaften studiert haben. Hatten Ihre Eltern keine finanziellen Bedenken, als sich herauskristallisiert hat, dass Sie Schriftsteller werden?

Köhlmeier: Im Gegenteil. Bei meinen Studien lag nur der Beruf des Lehrers nahe. Das war nicht mein Ziel, aber ich dachte, das werde ich eben, was sonst. Meine Eltern erinnerten mich daran, dass ich doch Schriftsteller sein wollte, dass ich diesen Traum nicht aufgeben soll. Meine Mutter hatte als junge Frau selbst davon geträumt, Schriftstellerin zu werden.

Mein Vater hat am Ende seines Lebens begonnen, einen Roman zu schreiben, leider ist er damit nicht fertig geworden. In den 60er-Jahren, als ich aufgewachsen bin, da hat man sich keine Sorgen gemacht, jedenfalls meine Familie nicht. Wir hatten nicht viel, aber jedes Jahr ein bisschen mehr. Letztes Jahr noch keinen Staubsauger, im aktuellen noch keinen Fernseher. Aber nächstes Jahr! Meine Eltern hatten eher Bedenken, ich wähle einen Beruf, der mich unglücklich macht.

In Ihrer Familie waren Sie lange Jahre nur der Zuhörer. Wann wurden Sie zum Erzähler?

Köhlmeier: Bei uns wurde immer viel erzählt, alle konnten gut erzählen. Meine Mutter und meine Großmutter erzählten sich jeden Nachmittag ihr Heimweh von der Seele, Heimweh nach der fernen Stadt Coburg im Frankenland. Meine Schwester hat mir den Inhalt der Bücher nacherzählt, die sie in der Leihbibliothek ausgeliehen hatte. Mein Vater, ein Historiker, trug mich durch die Geschichte, vom Trojanischen Krieg bis zur Französischen Revolution. Die Welt ist, was sie ist, im Erzählen wächst sie auf ein Doppeltes. Meine Frau Monika und ich haben immer unseren Kindern Geschichten erzählt, die haben es geliebt.

Zur Person

Michael Köhlmeier wurde 1949 in Hard am Bodensee geboren und lebt heute in Hohenems und Wien. Anfang der 1970er-Jahre wurde Michael Köhlmeier mit Hörspielen im Österreichischen Rundfunk bekannt. Für seine Romane – wie „Bruder und Schwester Lenobel“, „Abendland“ oder „Yiza“ – wurde er mit zahlreichen Preisen geehrt und war regelmäßig auf den heimischen Bestsellerlisten vertreten. Auf Schloss Elmau präsentierte der vierfache Vater kürzlich das Buch „An den Mauern des Paradieses“ von Martin Schneitewind (dtv Verlag).

In der Schule mussten Sie sich im Altgriechisch-Unterricht mit Homer beschäftigen. Damals haben Sie sich mehr aufs Schwindeln vorbereitet, als zu lernen. Das passt gar nicht in das Bild des souveränen Herrn Köhlmeier.

Köhlmeier: Souverän? Ich? Nein! Ich bin noch immer der Meinung, ohne zu schwindeln kann man den Homer nicht übersetzen. Eine Sprache, die fast so viele Ausnahmen wie Regeln kennt. Und was heißt Schwindeln bei einer Schularbeit, bei der verlangt wird, eine Stelle aus dem Homer zu übersetzen? Zu wissen, wie man die Stelle im Schmierer findet. Also muss man den Homer wenigstens auf Deutsch gelesen haben. Hab’ ich. Und er hat mir gefallen! Wenn ich diesen Sound höre, den Hexameter, da schlägt mein Herz mit ...

Aktuell präsentieren Sie zusammen mit Raoul Schrott das Buch „An den Mauern des Paradieses“, das nicht aus Ihrer Feder stammt, sondern aus der von Martin Schneitewind. Warum widmen Sie sich einem unbekannten Autor, der nur dieses eine Werk veröffentlicht hat?

Köhlmeier: Eine ehemalige Freundin bat mich, dieses Vermächtnis ihres verstorbenen Mannes zu lesen. Allerdings war Schneitewind, der eine Zeit lang in unserer WG wohnte, einer – wie soll ich sagen – , mit dem ich einige Probleme hatte. Ich habe ihm einen Roman, ehrlich gesagt, nicht zugetraut. Das Manuskript war auf Französisch geschrieben, Französisch kann ich nicht. Also gab ich es meinem Freund Raoul Schrott – den ich übrigens für den besten Homerübersetzer halte –, er kann Französisch so gut wie Tirolerisch. Das Ding gefiel ihm außerordentlich. Woraufhin er es übersetzte.

Was muss ein Buch beinhalten, um bei Ihnen zu punkten?

Köhlmeier: Ich muss mich darin verlieren. Ich muss nicht denken müssen, warum gefällt es mir und warum nicht. Schneitewind hatte ein abenteuerliches Leben. Er war befreundet mit dem italienischen Schriftsteller Dino Buzzati. Und er war ein mehr als überdurchschnittlich begabter Lügner. Gute Voraussetzungen für einen Schriftsteller.

Das Gespräch führte Judith Sam