Letztes Update am Do, 15.08.2019 12:55

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Zum Jubiläum

Das letzte Hurra: Woodstock jährt sich heute zum 50. Mal

„Woodstock“ jährt sich zum 50. Mal. Obwohl bei den drei Tagen „Love, Peace and Music“ nichts nach Plan lief, wurde das Festival zur Legende. Oder vielleicht ausgerechnet deswegen.

Gut eine halbe Million Menschen zog es vom 15. bis 17. August 1969 nach Bethel im US-Bundesstaat New York. Dorthin wurde das „Woodstock"-Festival kurzfristig verlegt.

© imago stock&peopleGut eine halbe Million Menschen zog es vom 15. bis 17. August 1969 nach Bethel im US-Bundesstaat New York. Dorthin wurde das „Woodstock"-Festival kurzfristig verlegt.



Innsbruck – Viel ist geschrieben worden über „Woodstock“, das Überdrüber-Event, die Mutter aller Freiluftfestivals, den für drei Tage wahr gewordenen Traum von „Love, Peace and Music“. Die Deutungen sind Legion – historisch, soziologisch, pop-theoretisch. Dabei ist die Faktenlage dünn. Die wenigsten, die heute von „Woodstock“ erzählen, ware­n dabei. Und die, die dabei waren, folgen vornehmlic­h einem­ Erzählmuste­r: Wer sich wirklich erinner­n kann, kann nicht dabei gewesen sein. So kommt es, dass sich das meiste, was man über die an Legenden reichen drei Tage Mitte August 1969 weiß oder zu wissen glaubt, auf eine einzige Quelle stützt: Michael Wadleighs mit viel Aufwand produzierten, von unter anderem Martin Scorsese meisterhaft montierten – und später mit dem Oscar ausgezeichneten Dokumentarfil­m „Woodstock“. Erst auf der Leinwand wurde das Ereignis ins Epochale überhöht. Im Kino verfestigte sich das Bild von „Woodstock“ als Symbol einer Generation und wurde zum Inbegriff friedensbewegter Flower-Power. „Woodstock“ ist der Sieg der Bilder über die Realität. Es zählt zu den feineren Ironien der Geschichte, dass es letztlich die Einnahmen aus Wadleighs stereophonisch aufbrausendem, Split-Screen-seligem Wunderwerk waren, die manche Rechnung beglichen, auf der die Macher des Festivals sitzen geblieben waren. Denn die hatten zunächst vornehmlich eines im Blick: Profi­t. Der Musikproduzent Michael Lang wollte sich mittels Open-Air-Konzert sein Studio im Städtchen Woodstock finanzieren. Erfolgreiche Festivals in Großbritannien standen für die Idee Pate.

Doch die Bewohner von Woodstock – unter ihnen auch ein gewisser Bob Dylan – konnten der Aussicht auf Tausende Konzertbesucher wenig abgewinnen. „Wir wollten unsere Ruhe haben“, schreibt Dylan in seinen „Chronicles“.

Schnappschuss als Symbol für eine Generation

Das Foto, das Magnum-Fotograf Burk Uzzle von einem Pärchen in der Morgendämmerung von Woodstock schoss, wurde als Cover des ersten Woodstock-Livealbums später zum Sinnbild des Festivals stilisiert. Zunächst interessierte sich eigentlich niemand dafür: Erst eine Umfrage zu 20 Jahre Woodstock des Life-Magazins, für das Uzzle auch arbeitete, rückte es 1989 in den Fokus. Für den Fotografen standen nicht die Bands, sondern die Besucher im Mittelpunkt, die drei Tage „Love, Peace and Music" zelebrierten.

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Dieses Bild wurde zum Sinnbild für "Woodstock".
Dieses Bild wurde zum Sinnbild für "Woodstock".
- imago stock&people

Deshalb fand „Woodstock“ nicht in Woodstock statt, sondern auf einer Weide unweit von Bethel mit Blick auf die ewiggrünen Catskills, etwa zwei Autostunden von New York entfernt. Von dort machte sich schon in den Tagen vor dem 15. August eine Blechlawine auf den Weg. Gut eine halbe Million Menschen wollten nach Bethel. Die Veranstalter gingen von der Hälfte aus. Dementsprechend schlampig waren die Vorbereitungen: Bereits nach wenigen Stunden fehlte es an allem – an Essen, an Wasser, an Toiletten. Am Ende musste die US-Armee Verpflegung und Notärzte einfliegen. Und die Wiese von Bethel erinnerte an ein schlammiges Schlachtfeld. Für den Milchbauern, der den Blumenkindern seine Ländereien zur Verfügung stellte, bedeutete das Festival den Ruin. Und auch für manche, die bei „Woodstock“ auf der Bühne standen, wurde das Festival zum letzten Hurra. Zugegeben: Joe Cocker, der mit „With a Littl­e Help from My Friends“ an die bereits zerfallenden Beatle­s erinnerte, machte „Woodstock“ weltberühmt. Und auch Carlos Santana wurde durch das in Wadleighs Woodstock-Film prominent platzierte „Soul Sacrifice“ zum Star. Janis Joplin allerdings, die nach ihrem Auftritt ihre „furchtbare Performance“ beklagte, und Jimi Hendrix, dessen elektrifiziertes „Star Spangled Banner“ zum großen Protestmoment der Pop­historie wurde, starben wenige Monate nach Woodstock. Es war nicht zuletzt ihr früher Tod – dem bald jener von The Who-Schlagzeuger Keith Moon und gleich mehrerer Mitglieder von Canned Heat folgte –, der das Festival zum Mythos werden ließ. Für einen kurzen Moment schien alles möglich. Obwohl nichts nach Plan lief. (jole)

Havens eröffnete das Festival, 1972 starb er.
Havens eröffnete das Festival, 1972 starb er.
- imago/ZUMA Press

Blick ins Line-up

Freitag, 17.07 Uhr: Das Festival wurde von Folksänger Richie Havens (Bild oben) eröffnet – er sprang für Sweetwater ein, die sich verspäteten. Havens spielte so lange, bis ihm die Lieder ausgingen: Seine Improvisation des Spirituals „Motherless Child“ wurde weltberühmt; eine Strophe besteht nur aus dem Wort „Freedom“.

Ein Kameramann rückte Roger Daltrey beim Auftritt der britischen Band „The Who“ auf die Pelle.
Ein Kameramann rückte Roger Daltrey beim Auftritt der britischen Band „The Who“ auf die Pelle.
- imago images / United Archives

18.10 Uhr: Swami Satchidananda hielt die Eröffnungsrede. Ihm folgten Sweetwater (ab 18.30 Uhr), der Band folgte der große Regen: Einige Auftritte wurden unterbrochen oder verschoben.

Joe Cocker wurde mit Woodstock weltberühmt, er starb 2014.
Joe Cocker wurde mit Woodstock weltberühmt, er starb 2014.
- imago images / United Archives

Samstag, 14 Uhr: Nach den Auftritten von Quill und Country Joe McDonald betrat Carlos Santana die Bühne. Sein Woodstock-Auftritt machte ihn erst berühmt; Anfang Juni veröffentlichte er sein neues Album „Afrika Speaks“.

Sonntag, 5 Uhr: Nach Janis Joplin (ab 2 Uhr) und Sly & The Family Stone (ab 3.30 Uhr) spielten die Briten The Who (ab 5 Uhr) ihr einstündiges Set; Gitarrist Pete Townshend stieß einen Kameramann von der Bühne, weil er Sänger Roger Daltrey zu nahe gekommen war. Beendet wurde der zweite Festivaltag mit Jefferson Airplane (ab 8 Uhr).

14 Uhr: Joe Cocker eröffnete den dritten Festivaltag mit „With a Little Help from My Friends“, ein Gewitter beendete seinen Auftritt.

Montag, 9 Uhr: Das Konzert von Jimi Hendrix beendete Woodstock vor verbliebenen 35.000 Besuchern; Hendrix’ Interpretation der amerikanischen Nationalhymne „The Star Spangled Banner“ wurde weltberühmt.

Jimi Hendrix trat am Montag als Festival-Highlight auf.
Jimi Hendrix trat am Montag als Festival-Highlight auf.

Viel beschworen, nie erreicht

Das Original bleibt unerreicht – das bewahrheitete sich auch beim heurigen 50-Jahr-Jubiläum des Festivals. Dafür plante Michael Lang, der bereits das Original von 1969 mitorganisierte, das dreitägige „Woodstock 50“ mit einer prominenten Gästeliste: Jay-Z, The Black Keys, The Raconteurs und Mile­y Cyrus sollten auftreten. Nach Problemen mit den Veranstaltern und Investoren hagelte es bereits Mitte Juli erste Absagen von Künstlern. Auch ein kurzfristiger Wechsel des Veranstaltungsortes – von Watkins Glen im Norden des Bundesstaats New York sollte es nach Columbia (Maryland) ziehen – half nicht wirklich. Die endgültige Absage folgte am 1. August.

Nicht das erste Mal, dass eine Jubiläumsedition des Festivals Negativschlagzeilen produziert: 1994 konkurrierten die beiden Veranstaltungen „Woodstock ’94“ und „Bethe­l ’94“ vor Gericht um das Recht als offizielles Jubiläum. Von „Love and Peace“ war bei „Woodstock ’99“ keine Spur: Das 30-Jahr-Jubiläumsfest endete im Gewaltchaos, mehrere Menschen wurden schwer verletzt, Konzertbesucher legten Brände, mehrere Vergewaltigungen wurden verzeichnet.

2019 soll es laut Lang wieder um „unsere Werte des Mitgefühls, der Menschenwürde und der Schönheit unserer Unterschiede“ gehen, die bereits 1969 gefeiert wurden: In Bethel, am Originalschauplatz, soll eine Konzert­reihe stattfinden, die auch von Lang unterstützt wird; Konzerte von Ringo Starr, Santan­a und John Fogerty sind vorgesehen. (bunt)