Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 16.08.2019


Osttirol

1000 Jahre Sillian in eineinhalb Stunden

Sillian, der Hauptort auf österreichischer Seite im Pustertal, feiert drei Tage lang die Markterhebung durch Graf Leonhard von Görz vor 550 Jahren. Ein Festumzug zeigt morgen Nachmittag die Geschichte des Ortes.

Vor 50 Jahren fand in Sillian zum Jubiläum der Markterhebung des Ortes ebenfalls ein Festumzug statt.

© Peter LeiterVor 50 Jahren fand in Sillian zum Jubiläum der Markterhebung des Ortes ebenfalls ein Festumzug statt.



Von Christoph Blassnig

Sillian – Schon im Jahr 1969 hat es einen großen Festumzug in Sillian gegeben. Wie damals jährt sich heuer wieder die Markterhebung der Gemeinde, die sich in ihrer 1000-jährigen Geschichte zum Hauptort im Pustertal auf österreichischer Seite entwickelt hat.

„Ich bin überzeugt, dass dies das größte Fest wird, das Sillian je erlebt hat“, sagt Peter Leiter, der mit Otto Trauner für die Organisation verantwortlich zeichnet. Heute Abend um 19.30 Uhr marschieren die Musikkapelle Sillian und der Musikverein Scheifling/St. Lorenzen zum Marktplatz, wo das Fest mit einem Bieranstich eröffnet wird. Auf drei Bühnen am Marktplatz, am Raiffeisenplatz und vor dem Kulturzentrum spielen bis Sonntag verschiedene Kapellen und Gruppen auf.

Der Höhepunkt der Feierlichkeiten wird der Festakt morgen um 15 Uhr vor der Neuen Mittelschule. Nach Ansprachen von Alt-LH Herwig van Staa und weiteren politischen Vertretern beginnt um 15.30 Uhr ein Festumzug. Von der Schule ziehen 30 teilnehmende Wägen und Fußgruppen zum Feuerwehrhaus, von dort weiter zum Stauder Eck und über die B100 bis zum Marktplatz. Begleitet wird der Zug von Musikkapellen aus Nord-, Ost- und Südtirol. Beim Stauderhof und am Marktplatz wird der Umzug moderiert. „Der Aufwand ist immens“, erklärt Leiter. „Mehr als 500 Mitwirkende gestalten einen farbenprächtigen historischen Festumzug, der die Geschichte Sillians in den Mittelpunkt rückt.“

Dabei haben die Organisatoren durchaus Wert auf historische Genauigkeit gelegt. „Wir haben uns mit allen Gruppen einzeln getroffen, um die Beiträge abzustimmen. Wir sind in Sillian zwar berühmt für unsere Faschingsumzüge – doch damit hat der Festumzug nun wirklich nichts gemein“, erläutert Leiter. Für jene Festwägen, die an längst vergangene Zeiten der Landwirtschaft erinnern, wären Kartoffeln zur Dekoration etwa ungeeignet, weil die Knollenfrucht erst im 18. Jahrhundert nach Tirol kam. „Auch Glas und Blech waren viel zu teuer, als dass man diese Materialien täglich im Gebrauch gehabt hätte.“

Voran fährt ein Wagen, der eine Lyra, also ein antikes Saiteninstrument, vorstellt. Dem folgt eine Fußgruppe aus der Marktgemeinde Nußdorf-Debant, die mit dem Mädchen von Agunt, einem Steinrelief, das in der einzigen Römerstadt auf heutigem Tiroler Boden gefunden wurde, die Römerzeit symbolisiert. Ein Festwagen aus Innichen hat die Gründung des Klosters Innichen im Jahr 769 zum Thema. Zwei Fußgruppen stellen dann die Görzer Grafen und die Musik ihrer Zeit vor, ehe auf dem Wagen mit der Nummer sechs der Gemeinderat der Marktgemeinde Sillian jenen Tag in Erinnerung ruft, der sich heuer zum 550. Mal jährte: Am Vorabend des 29. Juni 1469, dem St. Peter-und-Paul-Tag, verlieh Graf Leonhard von Görz „unserem Markt zu Sillian“ eine Reihe von Rechten. Auf immer und ewig darf Sillian seither am Dienstag einen Wochenmarkt abhalten. An jedem 3. Mai ist ein Jahrmarkt gestattet. Die Untertanen von Sillian dürfen auch jährlich ein Landgericht abhalten, so verbriefte es Leonhard urkundlich.

Weitere Themen beim Umzug werden zum Beispiel Fuhrwerke und das Rodwesen, der Bauernaufstand im Jahr 1525, oder die Einführung der allgemeinen Schulpflicht sein. Eine Fußgruppe aus der Marktgemeinde Matrei i. O. zeigt die Franzosen im Pustertal, nachdem der Tiroler Volksaufstand von 1809 endgültig niedergeschlagen worden war. Historische Stationen waren auch die Eröffnung der Pustertalbahn im Jahr 1871, der Erste Weltkrieg und die folgende Grenzziehung im Jahr 1920.

Erstmals findet sich auch eine spätere, dunkle Zeit dargestellt: Ein Gedenk- und Mahnwagen erinnert an den Nationalsozialismus. „Es gab Unterstützer, Mitläufer und Widerständler auch in Sillian. Etliche haben ihr Leben gelassen“, begründet Leiter die Aufnahme in den Festumzug. 70 Jahre nach dem Krieg sei es an der Zeit, auch dieses Kapitel anzusprechen, meint der Organisator.

Der Sillianer Bürgermeister Hermann Mitteregger fühlt sich geehrt, die Feierlichkeiten in seiner Funktion begleiten zu dürfen. „Es ist ein großes Privileg, bei einer solchen Veranstaltung die Marktgemeinde Sillian vertreten zu dürfen. Der ganze Ort wird auf den Beinen sein, um mit unseren Nachbarn in der Region gemeinsam zu feiern.“ Besonders freue er sich auf den Festumzug. „Wir sehen 1000 Jahre in eineinhalb Stunden.“