Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 24.08.2019


Leidenschaft

Trotz Behinderung nach schwerem Unfall: Freiheit fliegt in der Luft

Andreas Harm ist leidenschaftlicher Streckenflieger mit dem Paragleiter und Mittelschul-Lehrer in Landeck. Daran hat sich auch nach einem schweren Unfall beim Gleitschirmfliegen nichts geändert.

Egal ob beim Paragleiten  oder beim Handbike-Fahren: Andreas Harm lässt sich von seiner Behinderung nicht unterkriegen.

© Andreas HarmEgal ob beim Paragleiten oder beim Handbike-Fahren: Andreas Harm lässt sich von seiner Behinderung nicht unterkriegen.



Von Theresa Mair

Zams – „Hier, ganz oben!“, hört man es im Treppenhaus rufen. Andreas Harm lotst die Besucher zu seiner Wohnung in Zams – immer den Schienen eines Treppenlifts nach, die man am Geländer sieht. Ganz weit oben, auf bis zu 3750 Metern Höhe, ist Harm am liebsten.

Von der Dachterrasse aus sieht man seinen Hausberg, den Venet – einen beliebten Startpunkt für Gleitschirmflieger. Dort stürzte Harm vor drei Jahren im Sommer mit dem Paragleiter ab – und dort ging er zehn Monate nach seinem schweren Unfall zum ersten Mal wieder fliegen – zuerst im Tandem. „Das hat mich überhaupt keine Überwindung gekostet. Ich bin aber jetzt auch nicht risikobereiter als vorher. Es hat mich einfach total kaltgelassen“, sagt Harm und es klingt, als wäre er selber verwundert darüber.

Inzwischen fliegt er wieder alleine, ohne Rollstuhl oder andere Hilfsmittel. Das sei zwar ungewöhnlich, doch das Gefährt würde ihn in seiner Freiheit beim Fliegen eher einschränken, meint der erfahrene Paragleiter.

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- Thomas Boehm / TT

Zwischen dem Unfall und der Rückkehr nach Hause lag ein halbes Jahr im Krankenhaus und in der Reha in Bad Häring. Bei seinem Absturz aus 30 Metern Höhe schlug der Zammer auf einem großen Felsen auf. Ein Lendenwirbel wurde von einem Brustwirbel abgedrückt. Diagnose: eine tiefe Querschnittlähmung.

„Natürlich ist das scheiße. Man muss sich dann halt überlegen: Bleib’ ich in meinem Loch und ziehe mich zurück in ein tristes Leben oder mache ich weiter?“ Mit dem engagierten Serfauser Handbike-Fahrer Wolfgang Timischl hat der 39-Jährige schnell ein Vorbild gefunden. „Es gibt keinen Grund, an so einem Unfall zu verzweifeln“, sagt er. Mit seiner Geschichte will er andere motivieren, die in einer ähnlichen Lage sind.

Für Harm kam nur Weitermachen in Frage – als passionierter Gleitschirmflieger und als Deutsch- und Sportlehrer in der Mittelschule in Landeck. „Ich war schon vor dem Unfall sehr gerne Lehrer und will um nichts auf der Welt etwas anderes machen.“ Noch während er auf Reha war, hätten ihm seine Schüler Briefe und Zeichnungen geschickt. Der Direktor hat den Stundenplan für ihn gerichtet und nach einem halben Jahr sei das Schulhaus – ein denkmalgeschützter Holzmeister-Bau – mit einem Lift ausgestattet worden. „Bis dahin haben mich meine Schüler in der Pause über die Stiege ins Konferenzzimmer getragen.“

Die Arbeit, auch der Sportunterricht, falle ihm leicht. Er war bei der Wien-Woche seiner Klasse dabei und heuer „ganz fanatisch“ mit dem Monoski als Leiter der Skiwoche in Serfaus. Wo es geht, turnt Harm mit den Schülern mit, und „es geht sicher noch viel mehr“, sagt er. Da sei er gerade in einer Orientierungsphase.

Sein Oberkörper ist gar nicht eingeschränkt. Auch das rechte Bein kann er bewegen. Im linken funktioniert das Knie nicht. Für dieses Bein hat er eine Carbon-Orthese. Wenn er die Schiene anlegt, kann er aufstehen und mit Krücken gehen. „Ich kann heute den Leuten ganz ehrlich in die Augen schauen und sagen: ,Es geht mir gut.‘ Ich brauche niemanden, der mir behilflich ist, und dieses Wissen ist ganz wichtig für mich.“ Und wenn er doch einmal Unterstützung braucht, dann spürt er, dass es „ehrlich gemeinte und gern gemachte Handgriffe sind“.

Im März etwa, als am Venet die Streckenflug-Saison losging, hat ihn ein Angestellter der Bergbahn immer mit dem Skidoo zum Startplatz gebracht. Mit Freunden vom Verein Venetflieger hat er ein Startwagerl gebaut, das ihm beim Abheben hilft. Die Kollegen ziehen ihn dann mit einem Gurt und einem Band wie beim Drachensteigen in die Luft. „Ich bin total dankbar. Die wissen gar nicht, wie viel Freiheit die mir mit zehn Minuten Starthilfe zurückgeben.“ Harms Leidenschaft ist nämlich das Streckenfliegen, stundenlang gleitet er so in der Luft. Einzig den Beschleuniger an den Tragegurten des Gleitschirms, der mit dem Fuß gesteuert wird, musste er durch einen ersetzen, der mit der Hand bedient werden kann.

„Seit zweieinviertel Jahren fliege ich wieder super.“ Dass er nach dem Landen manchmal in einer Wiese warten muss, bis er abgeholt wird, nimmt er dafür gern in Kauf. Hie und da helfen ihm auch Spaziergänger nach dem Fliegen, den Rollstuhl aus dem Auto zu hieven. „Denen fällt dann oft das Kinn runter“, sagt Harm lachend. Es stört ihn nicht mehr, wenn die Leute „schauen“.

Nächstes Jahr will er einen Schritt zu noch mehr Freiheit tun: Er beginnt dann mit dem Segelfliegen.