Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 28.08.2019


Freizeit

400 Seiten in fünfzehn Minuten

Lese-Apps boomen. Sie schrumpfen dicke Fachbücher zu knackig-kurzen Zusammenfassungen. Was die können? Expertin Margot Maaß erklärt, was beim häppchenweisen Lernen wichtig ist.

Lese-Apps wie „Blinkist“ schrumpfen Hunderte Buchseiten zu Kurztexten fürs Smartphone.

© iStockphotoLese-Apps wie „Blinkist“ schrumpfen Hunderte Buchseiten zu Kurztexten fürs Smartphone.



Von Nina Werlberger

Innsbruck, Wien, Berlin – Wie liest man Bücher, ohne Bücher zu lesen? Mit einer der boomenden Lese-Apps fürs Handy ist das möglich. Die App „Blinkist“ aus Berlin verspricht etwa, Sachbücher so knackig zusammenzufassen, dass diese in nur 15 Minuten gelesen werden können. Wem selbst das noch zu viel Aufwand ist, der kann sich die „Blinks“ – das sind die Kernbotschaften – auch anhören. Professionelle Sprecher lesen die Texte vor, die Redakteure und Experten zuvor auf ihre Essenz zusammengekocht haben.

Im Selbstversuch geriert sich die App recht gefällig: Überall mitreden können, indem man leichte Zusammenfassungen liest, statt umfangreiche Originale zu wälzen? Das klingt schon verlockend – und auch ein bisschen nach dem Albtraum von Bildungsbürgern und Deutschlehrern. Die App selbst ist schnell installiert, ein kostenloses Testabo ermöglicht eine Woche lang den Zugriff auf die 3000 Werke starke Bibliothek. Danach kostet das Jahresabo 79,99 Euro. Geboten werden Sachbuch-Klassiker, populäre Ratgeber und Neuerscheinungen. Aktuell sind die beliebtesten Titel unter anderem „Intervallfasten“, „Neurolinguistisches Programmieren für Dummies“ und „Der 2-Stunden-Chef“.

Auch gerade angesagt ist das Buch „Passives Einkommen – Die 40 leichtesten Wege zu Deiner finanziellen Freiheit“ von Max Osberghaus. Hier lernt der Leser, wie er u.a. mit Werbung im Internet sowie mit Finanz- und Immo-Investitionen Geld verdienen kann, sodass er nicht mehr arbeiten muss und mehr Freizeit hat.

„Deswegen mach Schluss mit der ewigen Plackerei und sag Hallo zum passiven Einkommen“, heißt es im Text. Fazit nach tatsächlich 15 Minuten Lektüre: Die Kernbotschaften sind klar formuliert, die Sprache einfach und der Leseaufwand gering. Was bleibt, ist da und dort ein etwas unbefriedigendes Gefühl: Wurden hier alle wichtigen Aspekte berücksichtigt? Wer sich aber rasch zu einem Thema quer durch einige Werke lesen will, wird bei „Blinkist“ fündig.

Was halten Experten von solchen Speed-Leseprogrammen? Was bringen Lern- und Lese-Apps wirklich? Margot Maaß ist Fachfrau fürs Wissen in Häppchen. Sie ist Gründerin der MicroLearning Academy in Wien und berät Firmen dabei, wie diese ihre Mitarbeiter mit kleinen Lerneinheiten am Handy weiterbilden können.

Damit das Lernen im Mini-Format funktioniert, rät Maaß zu kurzen Einheiten und vielen Wiederholungen. Ganz wichtig sei auch, dass das Gelernte stets einen Sinn für die Menschen hat. Gut eignen würde sich das Lernen in Mini-Dosen für alle Themen mit Faktenwissen. „Schwieriger und herausfordernder wird es dort, wo es um Soft Skills geht – wo es ganz stark menschelt“, sagt die Expertin. Gute Lern-Apps sind einfach gestaltet, funktionieren auf mobilen Geräten und beinhalten häufig Videos und Elemente von Computerspielen. Und sie erinnern die Leute ans Lernen.

Maaß selbst ist ein Fan des schnellen Fachbuchlesens. „Blinkist“ hält sie für „ziemlich genial“. Sie hört die Zusammenfassungen beim Autofahren und ruft sich damit auch gern einmal die Essenz von Büchern in Erinnerung, die sie im Regal stehen hat.

Und was antwortet die E-Learing-Expertin Anhängern des konservativen Lesens, die es für einen Frevel halten, ein 400-Seiten-Werk auf Kernbotschaften herunterzubrechen? Ist es nicht auch eine wertvolle Kompetenz, ein Buch von der ersten bis zur letzten Seite zu lesen? „Ich unterstreiche das“, sagt Maaß. So hilfreich es sei, sich ein Buch schnell zugänglich zu machen, so schön sei es auch, ein Werk zur Gänze zu lesen. „Ich genieße es sehr, mir Zeit dafür zu nehmen.“